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Mittwoch, 2. Juni 2021

Pyjama für draußen: Keana-Bluse von named clothing

Wie steht ihr zu Pyjamas als Straßenbekleidung? In Shanghai und manchen anderen Städten in China scheint es üblich zu sein, im Pyjama zum Einkaufen zu gehen oder zumindest kleine Besorgungen in der Nähe des Zuhauses zu machen. Ich kann mich erinnern, dass ich zuerst kurz vor oder während der Sommerolympiade in Peking von dieser Gewohnheit las, weil die chinesische Regierung das Tragen von Pyjamas in der Öffentlichkeit verbieten wollte, um im Ausland einen guten Eindruck zu machen. Kurz vor der Weltausstellung in Shanghai 2010 gab es wieder solche Bestrebungen und aktuell wird anscheinend immer noch gegen das Pyjamatragen in der Öffentlichkeit vorgegangen, das als "unzivilisiert" gilt - mit Hilfe von automatischer Gesichterkennungssoftware und Anprangern bei WeChat. 

Herrje. Was ich mir als launigen Einstieg für meine pyjamaähnliche Bluse gedacht hatte, hat mich unerwartet in ein ernstes Thema manöviert. Wie bekomme ich jetzt den Dreh zu Schnittmustern und Stoffen? Mir würde es nämlich gut gefallen, wenn Pyjamas aus Baumwollwebware auch bei uns im Sommer auf der Straße getragen würden. Im Vergleich mit einer Kombination aus Shorts und Tanktop oder neben formlosen Sportklamotten wirkte ein klassischer Pyjama geradezu seriös. Immerhin sind die Hosen und die Ärmel lang, das Oberteil hat Taschen und einen Kragen und ähnelt einer Jacke - der Unterschied zu einem Sommeranzug ist allenfalls graduell. 

Gerade das pyjamaähnliche Design gefiel mir schon längere Zeit am Blusenschnitt Keana von named clothing - auch ein Schnitt, den named vor einiger Zeit (letztes Jahr?) aus dem Programm genommen hatte und den ich mir vorher noch schnell sicherte (wer mir etwas verkaufen will muss nur ankündigen, dass es das bald nicht mehr gibt). 

Kragen, Vorderkanten und Ärmelblenden kann man mit feinen Paspeln absetzen, named schlägt dafür vor, ein gefalztes Baumwollschrägband längs zu halbieren und die Stoffstreifen als Paspel zu nutzen. Ich schnitt mir die Schrägstreifen selbst aus einem Stoffrest (vermutlich Polyester) zu und erwischte damit einen Stoff, der sich auch im schrägen Fadenlauf so gut wie nicht dehnt und der sich daher auch nicht so richtig glatt um die Kragenecken legen will. Die Paspelbreite überall einzuhalten fand ich auch sehr schwierig - das ist definitiv einfacher, wenn die Paspel eine Füllung hat und sich der Nähfuß daran orientieren kann. Also, was präzises Nähen betrifft, ist hier noch Luft nach oben, aber im Gesamtbild nimmt man die Unregelmäßigkeiten nicht so sehr wahr. Oder sie werden von dem entzückenden Stoffmuster - Batist mit Artischocken, Bohnen und anderem Obst und Gemüse - gut überspielt. 

Der Blusenschnitt fällt sehr kurz aus - der Saum endet normalerweise etwa in der Taille, ich habe die Bluse um etwa 4 cm verlängert, denn ganz so kurz wollte ich sie doch nicht haben. Die Proportionen sind aber gut durchdacht: Keana passt so gut zu hoch geschnittenen Hosen und Röcken. Die Passform an den Schultern ist relativ reichlich, die Armausschnitte sind ziemlich groß, das soll ein eher kastiges, weites Oberteil sein, daher würde ich den Schnitt wirklich nicht mehr verlängern als unbedingt nötig. Keana ist eben eine Kreuzung aus Pyjamaoberteil und Hawaihemd, aber mit vielen schönen Details. 

Mir gefällt vor allem der breite, doppelt umgeschlagene Saum, der an den Seitennähten Schlitze hat - das ist gut durchdacht beim Nähen und passt sehr gut zu einer Bluse, die über dem Hosen- oder Rockbund getragen wird. Eine einfarbige Version - zum Beispiel ganz pyjamamäßig in dunkelblau mit weißen Paspeln - könnte ich mir auch gut vorstellen. Für leichte Stoffe wie Batist oder auch Viskosestoffe ist der Schnitt sehr gut geeignet, und man braucht außerordentlich wenig Stoff (ca. 1,30 m). 

Die Hose ist Schnitt 104c aus Burdastyle 2/2017, die ich 2019 genäht hatte (und auch noch einmal in grün besitze), passt am besten zum derzeitigen Übergangswetter, da es für Strumpfhosen zu warm, für Röcke mit nackten Beinen aber außer mittags noch zu kalt ist.  

Beim MeMadeMittwoch, dem monatlichen Treffen für Menschen, die ihre Kleidung selbst machen, lässt sich bestimmt gut abesen, wie es um die Temperaturen anderswo bestellt ist. Vielen Dank für die unermüdliche Organisation, liebes MMM-Team!  

Details in Kürze  

Bluse: Schnitt: Keana von named clothing (wird nicht mehr angeboten) 

Änderungen: etwa 4 cm über der Taille verlängert (Größe 40 genäht) 

Stoff: 1,30 m Batist, Rest Unistoff für die Paspeln (Schrägband)  

Hose: Schnitt 104 c aus Burdastyle 2/2017, der Blogpost dazu ist hier.

Mittwoch, 3. Juli 2019

Hose, Rock, oder Rose, Hock - im Urlaub zuhause in 104C Burdastyle 2/2017 und "Pam" LMV

Ist ein Hosenrock laut Definition ein Rock, der wie eine Hose konstruiert ist oder eine Hose, die wie ein Rock aussieht, und gibt es zwischen beidem einen Unterschied? Und ist eine Culotte heutzutage identisch mit einem Hosenrock, oder handelt es sich um einen bestimmten Hosentypus?



Diese Fragen stelle ich mir, seitdem ich Modell 104C aus Burdastyle 2/2017 genäht habe - laut Beschreibung eine "Culotte", und in Wirklichkeit nicht halb so rock- oder hosenrockartig, wie ich sie mir vorgestellt hatte, eher eine weite Hose in Dreiviertellänge. Hätte ich das Modellfoto im Heft  richtig angeschaut, wäre mir das nicht entgangen - und auf der russischen Burda-Seite gibt es viele Bilder von Leserinnen, auf denen der Hosencharakter des Schnitts deutlich zu erkennen ist.


Ursprünglich - der olivgrüne Baumwolltwill lag im Januar auf meinem Nähstapel - hatte ich daraus den Hosenrock Milly aus La Maison Victor nähen wollen, dann fiel mir aber auf, dass Milly keine Taschen hat und ich suchte nach einem ähnlichen Schnitt mit Taschen. Burdastyle 104C ähnelt nun zwar nicht dem LMV-Hosenrock, aber was soll's - er hat hat auf Anhieb gut gepasst und passt auch zu vielen meiner Oberteile, so dass ich schon eine zweite, schwarze zugeschnitten habe.

Mit Taschen!


Auf der Straße begegnet mir sowas wie meine Hose ständig, diese Hosenform ist in Berlin derzeit die bevorzugte Bekleidung von Frauen zwischen 25 und 65, wahrscheinlich gerade weil sie zu so vielem passt. Zum Beispiel passt sie zu so gut wie allen Schuhen von Flipflop bis Stiefelette, und die Berlinerin mag es praktisch. Kaum zu glauben, dass Hosenröcke/Culottes/weite und nicht ganz bodenlange Hosen vor ein paar Jahren noch ganz neu waren und wir ernsthaft darüber nachdachten, ob man das wirklich tragen könne ("Clown oder Couture, Amish oder Avantgarde?" fragte ich mich im April 2015). Ob jetzt gerade (Stichwort: Zadie-Jumpsuit-Manie) dasselbe mit den Jumpsuits passiert? Wie werden wir in ein paar Jahren darüber denken?

Die sichtbare abgekettelte Kante links beim Knopf irritiert mich, aber sonst ist das Innenleben ganz schön geworden
 
Aber das führt jetzt vom Thema weg. In punkto Hosenschnitt lässt sich noch sagen, dass das Modell in der Taille sehr hoch geschnitten ist - etwas ungewohnt, aber nicht unangenehm. Der Schnitt hat keinen Bund, nur einen Beleg innen und ein geknöpfter Untertritt nimmt oben den Zug vom Reißverschluss weg. Die Beleg-Untertritt-Konstruktion konnte ich nach der Anleitung problemlos nachnähen, allerdings frage ich mich, ob man die sichtbare abgekettelte Kante des Schlitzbelegs beim Nähen nicht auch noch einschlagen könnte. (Bei der zweiten Version des Schnitts, die so gut wie fertig ist, habe ich das aber auch nicht hingekriegt, an der Stelle hatte ich schon vorbeigenäht, ehe ich es merkte).



Das Oberteil ist ebenfalls aus einem "Stapelstoff" vom Januar, kreppige Viskose aus Italien mit einem Streifenmuster in tollen Farben: Schwarz, Weiß, Beige, Rot, Orange, Rosa und Royalblau. Passt zu allem, leider sind es nur 1,20 Meter, so dass ich nach viel Schnittsucherei dann doch wieder bei Pam aus La Maison Victor gelandet bin.

Über den Streifenverlauf dachte ich lange nach, ich wollte auf jeden Fall, dass die Streifen bei Vorder- und Rückenteil und Ärmeln in dieselbe Richtung verlaufen, das passte aber nur quer zum Fadenlauf auf den Stoff. Ich probierte ziemlich lange hin- und her und schnitt dann - nicht besonders überzeugt - Querstreifen zu.  Mittlerweile finde ich die waagerechten Streifen gerade gut  und merke mir für die Zukunft: Öfter mal Querstreifen in Erwägung ziehen.  



Der MeMadeMittwoch, die monatliche Verlinkungsaktion für selbstgenähte Kleidung, hat heute das Sommerspecial Urlaubsgarderobe - egal, wo Urlaub stattfindet - leider ist mein Sommerurlaub für dieses Jahr schon vorbei, aber Berlin ist ja bekanntlich die Stadt, wo andere Leute Urlaub machen, und hier lässt es sich im Sommer ganz gut aushalten (abzüglich der Tage mit 35 Grad natürlich, aber die sind auch an den meisten Urlaubsorten anstrengend). Urlaubsgarderoben en masse zur Inspiration also jetzt beim MeMadeMittwoch.


Die Details kurz gefasst:

Hose ("Culotte")
Schnitt: 104C aus Burdastyle 2/2017
Stoff: 1,80 m olivgrüner Baumwolltwill ohne Elasthan
Änderungen: Etwa 3 cm kürzer als das Schnittmuster

Bluse
Schnitt "Pam" aus La Maison Victor Januar/Februar 2016
Stoff: 1,20 leicht gecrashte Viskose, quer zum Fadenlauf zugeschnitten (und gebügelt), Ausschnittbeleg aus schwarzem Baumwollvoile
Änderungen: Rückennaht mit leichter Hohlkreuzanpassung

Mittwoch, 7. September 2016

Heute als schicke Suffragette in Girl-Friday-Culottes von Liesl+Co


Die ersten Annäherung an Culottes, diese Zwischendinger zwischen Rock und Hose, finde ich immer noch spannend. Beim Blick in den Spiegel und an mir herunter - den üblichen Perspektiven, die man auf sich selbst halt hat - weiß ich regelmäßig nicht so recht, was ich davon halten soll. Bei der Culotte nach Burdaschnitt vom letzten Jahr schwankte mein Eindruck zwischen Clownshose, Amish und Avantgarde. Bei diesem Exemplar war ich beim Anprobieren des halbfertigen Teils noch nicht sicher: Samurai oder Kolchosbäuerin? Cool oder Katastrophe? Da kann ein Foto für den MeMadeMittwoch enorm helfen: Das Foto liefert den Blick von außen, den der Spiegel nicht liefern kann. 


Tja, und beim Blick auf das Bild sind die Assoziationen doch sofort klar: Frauenrechtlerinnen um 1900, oder so eine flotte Radfahrerin.

Bicyclist on Adam`s Slip, Nantucket, ca. 1900 (Public Domain - via flickr commons)
Seht ihr die Ähnlichkeit?

Der Schnitt der Culotte sind die Girl Friday Culottes von Liesl+Co, die Elke - Grüne Blume letztes und vorletztes Jahr zwei Mal genäht hatte, erst in schwarz, dann aus Wolle mit Fischgratmuster und die ich damals an ihr schon sehr klasse fand (ohne jede Kolchos-Assoziation übrigens). Sie war auch so nett, mir den Schnitt zu leihen - vielen Dank!! Der Schnitt ist wirklich ein Hit, viel raffinierter als meine Burda-Culotte. In der vorderen und hinteren Mitte gibt es eine große Kellerfalte, die den Hosenschritt ein Stück überdeckt, Girl Friday wirkt daher eher wie ein Rock als wie eine Hose. Der Reißverschluss ist in der Seitennaht, und wenn man nicht wie ich die Anleitung zuhause vergisst (das hat Tradition bei mir) und dann beim Nähkränzchen fünfmal trennen muss, bekommt man das sicher beim ersten Anlauf hin. Ich hatte die Tasche zuerst hinter den Reißverschluss genäht, da hätte man den Taschenbeutel dann Richtung Po klappen müssen.    


Der Stoff ist ein mittelfester Chambray vom Markt, also ein gewebter Stoff aus blauen und weißen Fäden, die dann zusammen ein strukturiertes Jeansblau ergeben. Ein absoluter Glücksgriff: Reine Baumwolle, leicht, glatt, kühl, knittert nur wenig, mit leichtem Glanz.


Um den Jeans-Anmutung zu betonen, steppte ich den Saum und die meisten Nähte mit dickem kupferfarbenen Garn ab. (Absteppgarn nur als Oberfaden, in der Unterfadenspule normales Nähgarn).

Die Größentabelle bei Liesl+Co fand ich ein bißchen irreführend: Meine Körpermaße entsprechen ziemlich genau Größe 10, aber ich sah glücklicherweise noch rechtzeitig in der Tabelle der Fertigmaße, dass der Taillenbund 1,5 inches, also knapp 4 cm weiter als der Taillenumfang werden würde. Das halte ich für Quatsch bei einem Kleidungsstück, das wirklich in der Taille sitzen muss, und so kopierte ich gleich Größe 8 heraus, da hatte ich zwischen Taillenumfang und Bundweite etwa 1,2 cm Unterschied, das passt genau richtig. Den Hüftumfang kann man bei diesem Schnitt bei der Größenwahl außer Acht lassen.

Der Bund schien dann beim Annähen zuerst einen Tick zu kurz für die Oberkante der Culotte, aber die Weite kann man sehr gut über die Falten regulieren und außerdem soll die Oberkante des Hosenrocks beim Annähen leicht eingehalten werden (das las ich dann später zuhause in der Anleitung). Alles in allem ein guter Schnitt, dass ich mit den integrierten Nahtzugaben nicht gut zurecht komme, dafür kann ja das Schnittmuster nichts, ich bin begeistert und gehe gedanklich schon mein Stofflager durch, ob ich eine ausreichende Menge eines leichten Wollstoffs im Vorrat habe, für Nummer 2.

Beim MeMadeMittwoch zeigt Karin heute ein schon etwas herbstliches Übergangskleid aus Jersey, und auch das MeMadeMittwoch-Blog hat sich etwas Neues angezogen!

Details zu Schnitt und Material (das tl; dr der Nähnerds):

Schnittmuster: Girl Friday Culottes, Liesl+Co
Größe 8 ohne Änderungen (eine Größe kleiner als laut Tabelle passend)
Stoff: Etwa 1,80m Baumwollchambray vom Markt, der Stoff lag aber 1,60 m breit (angegeben ist ein Stoffverbrauch von etwa 2,05 m bei 1,47 m Stoffbreite)

Mittwoch, 29. April 2015

Die Culotte: Clown oder Couture, Amish oder Avantgarde?


Etwas Ungewöhnliches ist passiert: zum allerersten Mal seit Urzeiten interessiert mich ein modisches Kleidungsstück, das in unserer kleinen Stadt sogar schon die Schaufenster von H&M und Konsorten erobert hat. Die Culottes, früher Hosenröcke genannt, beenden das Einerlei der skinny Jeans, das in den letzten Jahre dazu geführt hatte, dass ich die Hosenmode als für mich nicht relevant abgespeichert hatte.

Ich wäre gar nicht darauf gekommen, dass ich einen Hosenrock brauche, wären nicht a) in den letzten Wochen unheimlich viele Hosenrockschnitte neu erschienen und hätte man b) diese Schnitte nicht schon sehr bald an vielen Bloggerinnen sehen können. Hosenröcke scheinen gerade bei vielen einen Nerv zu treffen, ein Lemming-Phänomen wie manche Kleiderschnitte.

Ich habe den Schnitt 126 aus Burdastyle 3/2015 ausprobiert, aus einer schwer fallenden Leinen-Viskosemischung mit Fischgratstruktur (Stoff&Stil Sale, gibt es nicht mehr). Die vorderen, übereinander liegenden Falten änderte ich nach dem Vorbild von Max Lau in zwei tiefe einseitige Falten um, die ursprüngliche Faltenkonstruktion fiel nicht so schön. Den Schnitt 126 (3/2015) findet man zum Beispiel auch bei Elke (originale Falten, etwas kürzer als meiner).


Aber es gibt ja auch noch andere schöne Culotteschnitte: Elke Grüne Blume stellte gerade ihre zweiten Girl Friday Culottes vor - dieser Schnitt hat einen Seitenreißverschluss und große Kellerfalten. Ebenfalls Kellerfalten, aber gleich doppelte, hat der Burda-Einzelschnitt 6905, den Miss Margerite ausfindig machte. In der Burda 4/2015 erschien noch ein Culotteschnitt, Nr. 113, den man sich genäht bei Wollhellis, bei Verstecktes Pfefferminz und bei Brigitte - Overluck angucken kann.

Brigitte spricht in ihrem Beitrag auch aus, was ich bei der ersten Anprobe befürchtete: Habe ich mir etwa eine Clownshose genäht? Der Grat zwischen Clown und Couture ist schmal. Wobei ich mit falschem, weil zu klobigen und zu flachen Schuhwerk, in meiner Culotte eher wie die hinterwäldlerische Anhängerin einer sehr konservativen Glaubensrichtung wirke.

Mit hohen oder zierlichen Schuhen (auch flache Sommerschläppchen gehen) und einem engen, kurzen Oberteil ist aber alles prima und noch dazu unschlagbar bequem. In den letzten, überraschend kalten Tagen, als ich nicht zu den winterlichen Wollröcken zurückwollte, in Sommerröcken aber gefroren hätte, war die Culotte ein sehr guter Kompromiss. Vollends überzeugt wurde ich die Komplimente meiner nähverrückten Kolleginnen bei Nebenjob 1 im Stoffladen, die sehr begeistert waren - während meine schnittkonstruierende Schreibtischnachbarin bei Job 2 das Teil bis jetzt noch nicht einmal bemerkt hat. Auch das ist gut - hätte ich wie ein Clown oder wie eine religiöse Fundamentalistin gewirkt, hätte sie bestimmt etwas gesagt.


Zu der Culotte trage ich eine kurze Walkjacke doppelreihig geknöpft (Schnitt 123 aus Burda 9/2006), die ich mir gleich im Herbst 2006 genäht hatte und die seither ein Lieblingsteil ist. Und nun bin ich gespannt, ob die Culotte-Mode ein Mikrotrend des frühen Frühjahrs 2015 bleibt, oder ob wir solche Rockhosen auch im Sommer noch sehen werden. Beim heutigen Me made Mittwoch, der Verlinkungsaktion für selbstgemachte Erwachsenenkleidung habe ich keine entdeckt. Aber dafür Sybille im Wickelkleid mit Bildern aus Paris und mehr als 100 Teilnehmerinnen - Reinschauen lohnt sich!

Das Wickelkleid wird übrigens auch das Thema des nächsten Motto-Me made Mittwochs am 13. Mai sein. Zeigt eure Wickelkleider und Pseudo-Wickelkleider und berichtet über eure Erfahrungen mit den Schnitten, damit jede das Wickelkleid findet, das zu ihr passt!

Donnerstag, 27. November 2014

Hosen-Herbst - die erste Probehose oder: Fast so schlecht wie gekauft.

Was wurde aus meinen Hosenplänen zum Hosen-Herbst? Zur Erinnerung: FrauCrafteln hatte den Hosen-Herbst ausgerufen, als kollaborative Wissenssammlung rund um die Themen Hosenformen, Hosenschnitte, Hosenpassform, Hosenverarbeitung. Jeden Monat werden Beiträge zu einem bestimmten Thema gesammelt.

Vor ein paar Wochen nahm ich auch endlich die erste Hose seit etwa sechs oder sieben Jahren in Angriff und hatte schnell etwas aus braunem Cord produziert, das einer durchschnittlich schlecht sitzenden Kaufhose ähnelt. Ich finde das schon deprimierend: bei Röcken und zunehmend auch bei Oberteilen habe ich es im Laufe der Jahre gelernt, mit überschaubaren Änderungen gut passende und bewegungsfreundliche Teile zu produzieren, die mit Gekauftem überhaupt nicht zu vergleichen sind. Selbst genähte Röcke, Kleider, Mäntel, Oberteile sind Kaufkleidung in der Preisklasse, die ich mir leisten könnte, in jeder Hinsicht überlegen. Bei Hosen werde ich wieder auf den Anfängerstatus zurückgeworfen. Das ist hart. 

Den Schnitt hatte ich etwa 2004 von einer verhältnismäßig gut sitzenden gekauften Hose aus Cord abgenommen. Denn wenn ich mal zurückdenke: eine Liebesaffäre war das mit den Hosen und mir noch nie. Meine Hosenerfahrungen sahen immer so aus, dass ich pro Einkaufsversuch etwa 20 verschiedene anprobierte, um dann die am wenigsten schlecht sitzende zu kaufen. (Ja, "die am wenigsten schlecht sitzende". Es verbietet sich, in diesem Zusammenhang von einer "gut sitzenden" oder gar von "der am besten sitzenden" Hose zu sprechen!) Wenn die Hose an den Oberschenkeln einigermaßen passte, konnte ich vorne am Bund immer noch jemanden mit reinnehmen, es war zum Verzweifeln.

Das Nachnähen von Kaufhosen erleichterte dann eine Weile mein Leben. Allerdings machte ich schon vor ein paar Jahren die Erfahrung, dass das Material einen sehr großen Anteil daran hat, wie die Hose ausfallen wird. Die letzte, etwa vor vier Jahren aussortierte Hose mit dem hier verwendeten Schnitt war zum Beispiel aus einem Baumwollcord mit Elasthananteil genäht, der sich nach einer halben Stunde auf dem Sofa perfekt an die Körperformen anpasste. Der jetzt verwendete braune Cord ist zwar schmiegsam, aber nicht im mindesten elastisch und durch den Polyesteranteil neigt er weniger zum Ausleiern.

Nach dem Zusammennähen war die Hose also erstmal zu eng. Da das letzte überlebende Exemplar nach diesem Schnitt schon seit Jahren in textilen Recyclingkreisläufen verweilt, ließ sich nicht überprüfen, ob die Enge auch noch auf Figurveränderungen meinerseits zurückzuführen ist - ich vermute: ja. Aber, wie sagt man so schön: So lange noch Nahtzugabe da ist, ist auch noch Hoffnung da.


Ich ließ die Nahtzugaben aus, wobei die Zugabe der Vorderhose nicht ganz ausreichte, um eine senkrecht verlaufende Seitennaht zu erzielen, an einer Stelle wird sie immer noch nach vorne gezogen. Beim Ansetzen des Bundes (der zu schmal und schlecht verstärkt ist), erging ich mich in lustigem Hin- und Herändern: zu weit, immer noch zu weit, nur noch hinten zu weit, annehmbar. Nach kurzem Probetragen - der Zustand ist auf dem Foto abgebildet - ist die Hose obenrum wieder zu weit, das bleibt jetzt aber erstmal so, ich schaue mir die Passform nochmal genauer an, wenn die Hose frisch gewaschen ist. 

  
Die Passform der Rückseite entspricht ungefähr dem, was ich von einer gekauften Hose erwarten würde. Als ich die Fotos gemacht hatte, fand ich den Anblick zuerst so scheußlich, dass ich nicht sicher war, ob ich diesen Zustand wirklich hier dokumentieren wollte.

Dass ich inzwischen etwas Abstand gewonnen habe und die Falten nicht mehr so schlimm finde, liegt nicht nur an FrauCraftelns klugem Artikel und ihre Argumentation für mehr Gelassenheit und weniger Hosen-Perfektionismus, sondern auch daran, dass ich seit Wochen die Hosenpassform bei fremden Menschen auf der Straße (und bei Menschen in meiner Umgebung) begutachte. Als eine meiner Schreibtischnachbarinnen, eine sportliche Größe 36, Modedesignerin und Schnittdirectrice (also: superschlank und vom Fach) neulich den Geschirrspüler ausräumte, in einer relativ weit geschnittenen Kaufhose, die auf der Rückseite ein einziges, wüstes Faltengebirge zeigte, hatte ich ein Aha-Erlebnis. Wer bin ich, mich über meine moderaten Querfalten in der Selbstgenähten aufzuregen, wenn eine zum Perfektionismus neigende Expertin nichts dabei findet, in einem Faltengebirge unter Leute zu gehen?

Natürlich lässt sich die Passform meines Hosenschnittes noch verbessern, und darauf werde ich im Laufe der Zeit in den nächsten Versionen hinarbeiten. Ich werde zunächst die größten Änderungen auf den Schnitt übertragen, herausfinden, womit ich den Bund am besten verstärke, darauf achten, dass ich den Reißverschlussuntertritt nicht zu kurz zuschneide (ein Fehler bei dieser Hose), und mich in Trippelschnitten der Verbesserung annähern.

Perfekte Hosen werden nicht an einem Tag genäht - und wer sagt, dass es die perfekte Hose überhaupt gibt? Ich glaube nämlich, FrauCrafteln hat recht, wenn sie sich und uns fragt, ob die angebliche "perfekte Hose" nicht nur eine verklärte Erinnerung ist. Selbst bei diesem relativ stabilen Cord hier veränderte sich die Passform schon innerhalb einer halben Stunde. Was wäre also "perfekt": ein Hose, die gleich nach dem Anziehen faltenfrei passt? Eine Hose, die nach einer Stunde faltenfrei passt? Eine Hose, die im Stehen perfekt sitzt? Eine Hose, mit der ich bequem auf dem Sofa herumhängen kann? Das sind wiedersprüchliche Anforderungen, die eine einzige Hose gar nicht erfüllen könnte! Also: eine ganz gute Hose zu nähen reicht vorerst aus. Und wenn ich an die vergangenen Hosenkaufdramen zurückdenke, die in Umkleidekabinen vergeudete Zeit und den Frust, dann bin ich mit der Cordhose gut dran: so eine Hose hätte ich damals gekauft und wäre damit sehr glücklich gewesen.

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Mein später Einstieg in den Hosen-Herbst und Wissenssammlung Nähtechniken bei Crafteln

Im Blog von Frau Crafteln läuft ja im Moment der Hosen-Herbst, ein Hosen-Sewalong ohne Terminstress, da jede in ihrem eigenen Tempo näht. Die Blogbeiträge der Mitnäherinnen zu Hosenschnitten, Passform und Verarbeitung werden jeweils am Monatsanfang und -ende gesammelt, so dass eine große Wissenssammlung zum Thema Hosen und Hosennähen entsteht, auf die man später immer wieder zurückgreifen kann.

Im Oktober gehts um die kniffeligen Details beim Hosennähen, und dazu hatte mich Frau Crafteln eingeladen, einen Gastbeitrag zu schreiben. Ich habe eine Menge Tutorials über Hosenreißverschlüsse, Taschen und so weiter zusammengetragen, ihr findet den Beitrag hier im Crafteln-Blog.


Parallel dachte ich natürlich über eigene Hosen-Projekte nach, ich verharre also seit mehreren Wochen beim Hosen-Herbst-Thema I, "Hosenformen, Hosenmoden, Hosenschnitte". Wenn ich mich richtig erinnere, nähte ich meine letzte Hose 2006 oder 2007, eine Hose aus dieser Zeit lebt sogar noch und ich ziehe sie auch noch gerne an. Obwohl ich mir in den letzten Jahren immer wieder vornahm, auch mal eine Hose zu nähen, kam es nie dazu. Rock- und -Kleidprojekte und was man sonst noch so nähen kann, schoben sich immer dazwischen, waren schneller abzuschließen, schienen interessanter, bunter und spaßiger. Hosennähen ist wirklich echte Brot- und Butternäherei, wie es Mema so passend formulierte.

Gestern kaufte ich immerhin schon mal Cord für eine Hose und ich bin fest entschlossen, jetzt aber wirklich (wirklich!!) das Hosen-Projekt in Angriff zu nehmen. Vielleicht kann ich für den November zum Thema Hosen-Passform II hier sogar schon erste Ergebnisse zeigen.

(Und fast hätte ich gar keinen Stoff gekauft! Vormittags fuhr ich mit Lotti recht spontan zu HüCo und wir streiften durch einen ganze Fabriketage voller Stoffe, nahmen aber nur ein paar Garnrollen (Lotti) bzw. nichts mit (ich). Ich suche immer noch nach einem Stoff für meine Partnerin für die Stoffwechsel-Aktion, habe eine ziemlich genaue Vorstellung im Kopf, was passen könnte, und das blockiert mich wohl ein bißchen.

Danach waren wir schnell noch auf dem Markt, wo sich wie zu erwarten auch nichts für Stoffwechsel fand. Aber ich suchte ja außerdem auch noch Cord für eine Hose. An einem Stand mit großer Cordauswahl (schwarz, grau, verschiedene Brauntöne) konnte ich mich erst nicht für einen entscheiden und war kurz davor, es sein zu lassen, aber der Gedanke daran, dass ich an dem Tag schon durch 1000 Quadratmeter voller Stoffe gelatscht war, ließ mich pflichtbewusst werden. Ein Ergebnis der Shoppinganstrengungen musste her, und so nahm ich dann den dunkelbraunen.)

Mittwoch, 22. Juni 2011

Me-made Mittwoch*: Hosentag


Heute eine Premiere zum Me-made Mittwoch: eine Hose! Da ich normalerweise Röcke trage, wurde diese unglaubliche Tatsache auch schon von meinen Schreibtischnachbarinnen kommentiert. Sollte ich in Jeans aufkreuzen, werde ich vermutlich gefragt, wer ich bin und was ich hier mache.

Die weite Hose aus Leinen – nach einem Tag etwas von ihrer Bestform entfernt – entstand schon vor längerer Zeit nach dem Schnitt einer gut passenden gekauften Hose, die ich auseinander nahm und abmalte, als ihre besten Zeiten vorbei waren. Diesen Schnitt habe ich schon mehrmals reproduziert, und könnte ich mich besser zum Hosennähen aufraffen, würde es noch einige Versionen aus Leinen und aus Wollstoff geben. Die Bluse ist die Origami-Bluse aus twinkle sews, hier schon einmal ohne Strickjacke gezeigt und hier im Detail vorgestellt. Beides zusammen ergibt ein Outfit, das nur unwesentlich mehr Form hat als mein Schlafanzug, durch Farbe, Material und den interessanten Schnitt der Bluse aber nicht so schlunzig wirkt, wie es in Wirklichkeit ist. Meine Strategie, wenn ich es sehr bequem haben, aber gleichzeitig nicht unangenehm auffallen möchte. Wobei, auffallend war es ja trotzdem: "Du trägst ja eine Hose?!?" - "Ähm ja, und?"

*) Am Me-made Mittwoch geht es darum, Selbstgemachtes zu tragen und dies zu dokumentieren Die Teilnehmerinnen von heute finden sich hier, organisiert wie immer von Catherine.