Mittwoch, 2. Juni 2021

Pyjama für draußen: Keana-Bluse von named clothing

Wie steht ihr zu Pyjamas als Straßenbekleidung? In Shanghai und manchen anderen Städten in China scheint es üblich zu sein, im Pyjama zum Einkaufen zu gehen oder zumindest kleine Besorgungen in der Nähe des Zuhauses zu machen. Ich kann mich erinnern, dass ich zuerst kurz vor oder während der Sommerolympiade in Peking von dieser Gewohnheit las, weil die chinesische Regierung das Tragen von Pyjamas in der Öffentlichkeit verbieten wollte, um im Ausland einen guten Eindruck zu machen. Kurz vor der Weltausstellung in Shanghai 2010 gab es wieder solche Bestrebungen und aktuell wird anscheinend immer noch gegen das Pyjamatragen in der Öffentlichkeit vorgegangen, das als "unzivilisiert" gilt - mit Hilfe von automatischer Gesichterkennungssoftware und Anprangern bei WeChat. 

Herrje. Was ich mir als launigen Einstieg für meine pyjamaähnliche Bluse gedacht hatte, hat mich unerwartet in ein ernstes Thema manöviert. Wie bekomme ich jetzt den Dreh zu Schnittmustern und Stoffen? Mir würde es nämlich gut gefallen, wenn Pyjamas aus Baumwollwebware auch bei uns im Sommer auf der Straße getragen würden. Im Vergleich mit einer Kombination aus Shorts und Tanktop oder neben formlosen Sportklamotten wirkte ein klassischer Pyjama geradezu seriös. Immerhin sind die Hosen und die Ärmel lang, das Oberteil hat Taschen und einen Kragen und ähnelt einer Jacke - der Unterschied zu einem Sommeranzug ist allenfalls graduell. 

Gerade das pyjamaähnliche Design gefiel mir schon längere Zeit am Blusenschnitt Keana von named clothing - auch ein Schnitt, den named vor einiger Zeit (letztes Jahr?) aus dem Programm genommen hatte und den ich mir vorher noch schnell sicherte (wer mir etwas verkaufen will muss nur ankündigen, dass es das bald nicht mehr gibt). 

Kragen, Vorderkanten und Ärmelblenden kann man mit feinen Paspeln absetzen, named schlägt dafür vor, ein gefalztes Baumwollschrägband längs zu halbieren und die Stoffstreifen als Paspel zu nutzen. Ich schnitt mir die Schrägstreifen selbst aus einem Stoffrest (vermutlich Polyester) zu und erwischte damit einen Stoff, der sich auch im schrägen Fadenlauf so gut wie nicht dehnt und der sich daher auch nicht so richtig glatt um die Kragenecken legen will. Die Paspelbreite überall einzuhalten fand ich auch sehr schwierig - das ist definitiv einfacher, wenn die Paspel eine Füllung hat und sich der Nähfuß daran orientieren kann. Also, was präzises Nähen betrifft, ist hier noch Luft nach oben, aber im Gesamtbild nimmt man die Unregelmäßigkeiten nicht so sehr wahr. Oder sie werden von dem entzückenden Stoffmuster - Batist mit Artischocken, Bohnen und anderem Obst und Gemüse - gut überspielt. 

Der Blusenschnitt fällt sehr kurz aus - der Saum endet normalerweise etwa in der Taille, ich habe die Bluse um etwa 4 cm verlängert, denn ganz so kurz wollte ich sie doch nicht haben. Die Proportionen sind aber gut durchdacht: Keana passt so gut zu hoch geschnittenen Hosen und Röcken. Die Passform an den Schultern ist relativ reichlich, die Armausschnitte sind ziemlich groß, das soll ein eher kastiges, weites Oberteil sein, daher würde ich den Schnitt wirklich nicht mehr verlängern als unbedingt nötig. Keana ist eben eine Kreuzung aus Pyjamaoberteil und Hawaihemd, aber mit vielen schönen Details. 

Mir gefällt vor allem der breite, doppelt umgeschlagene Saum, der an den Seitennähten Schlitze hat - das ist gut durchdacht beim Nähen und passt sehr gut zu einer Bluse, die über dem Hosen- oder Rockbund getragen wird. Eine einfarbige Version - zum Beispiel ganz pyjamamäßig in dunkelblau mit weißen Paspeln - könnte ich mir auch gut vorstellen. Für leichte Stoffe wie Batist oder auch Viskosestoffe ist der Schnitt sehr gut geeignet, und man braucht außerordentlich wenig Stoff (ca. 1,30 m). 

Die Hose ist Schnitt 104c aus Burdastyle 2/2017, die ich 2019 genäht hatte (und auch noch einmal in grün besitze), passt am besten zum derzeitigen Übergangswetter, da es für Strumpfhosen zu warm, für Röcke mit nackten Beinen aber außer mittags noch zu kalt ist.  

Beim MeMadeMittwoch, dem monatlichen Treffen für Menschen, die ihre Kleidung selbst machen, lässt sich bestimmt gut abesen, wie es um die Temperaturen anderswo bestellt ist. Vielen Dank für die unermüdliche Organisation, liebes MMM-Team!  

Details in Kürze  

Bluse: Schnitt: Keana von named clothing (wird nicht mehr angeboten) 

Änderungen: etwa 4 cm über der Taille verlängert (Größe 40 genäht) 

Stoff: 1,30 m Batist, Rest Unistoff für die Paspeln (Schrägband)  

Hose: Schnitt 104 c aus Burdastyle 2/2017, der Blogpost dazu ist hier.

12 Kommentare:

  1. Das ist schon krank, was die alles umsetzen wollen für das "Ansehen". Aber auf einem Dorf ist man oft auch nahe dran :D Ich gehe trotzdem im Pyjama meinen Müll rausbringen (sieht allerdings eher wie Jogginganzug aus).
    Deine Bluse ist sehr schön geworden und erinnert mich jetzt nicht an einen Pyjama.
    Liebe Grüße
    Tina

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    1. Danke! Ich gehe auch im Pyjama zum Briefkasten - ob da jemand guckt: egal, aber ich glaube eher nicht.

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  2. Die Länge ist perfekt gewählt, finde ich. Mich erinnert es schon an einen Pyjama, aber er kleidet dich sehr gut.

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    1. Danke! Ich bin ganz froh, dass mir noch vor dem Zuschneiden aufgefallen ist, wie kurz die Bluse ohne Änderung werden würde.

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  3. Sehr hübsch! Pyjama-Assoziationen habe ich überhaupt nicht; ein Schlafanzug wird für mich erst in Kombination mit einer weiten Hose aus dem gleichen Stoff draus, vorher ists halt eine normale Bluse :D

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  4. Ein Look im edlen Pyjama-Stil würde mir auf den Strassen auch erheblich besser gefallen, als der eher schlunzige Jogging-Sil, den alle Welt trägt, sofern man mit dem Pyjama nicht gerade eben dem Bett entstiegen ist, : ).
    Dr typische Look ist bei deinem Hemd unverkennbar, aber durch dein Styling erst auf den zweiten Blick; ein toller Look!
    LG von Susanne

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    1. Dankeschön! Ich finde Pyjamas aus Webstoffen auch recht elegant, da nicht so formlos und ausbeulend wie Jersey.

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  5. Im selbst genähten Pyjama auf die Straße, warum nicht! War damit schon schnell unten beim Bäcker gewesen und würde sagen, kommt auf Schnitt und Stoff an. In Deiner neuen botanischen Bluse würde ich mich sehr angezogen fühlen. Der Print ist ja ganz bezaubernd! LG Manuela

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    1. Danke! Ich glaube auch, dass ein Pyjama je nach Stoff oft gar nicht als solcher erkannt werden würde. Wenns dunkler, einfarbiger Stoff ist gukct wahrscheinlich gar keiner so genau hin.

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  6. Sieht für mich überhaupt nicht nach Pyjama aus, schon wegen des Musters, bei Pyjama denke ich eher an Jerseyoberteil und Hosen, insofern sieht viel nach Pyjama aus, wenn man es eng sieht. Aber die Analyse ist spannend. Ich besaß mal einen sehr schicken Pyjama aus etwas seidenartigem, ein buntes Paisleymuster, ich erinnere mich, dass ich ihn an einem sehr heißen Sommertag sogar bei einem Auswärtstermin anhatte, das Oberteil aufgeknöpft über einem Shirt, also wie eine leichte Sommerjacke. Ich schließe mich damit Manuela an, kommt auf Schnitt und Stoff an. LG anja

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    1. Ein schickes Pyjamaoberteil als Jacke kann ich mir auch gut vorstellen. Mit Revers, Taschen und Knöpfen sind ja alle Elemente vorhanden, die eine Jacke ausmachen. Viele grüße!

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