Montag, 18. Februar 2013

Ufo-Angriff, die letzte: wenigstens eins erlegt


Die vereinten Ufo-Bekämpferinnen treffen sich heute zum letzten Mal bei Miss Margerite. Ich fühle mich semi-erfolgreich: letztlich habe ich nur ein einziges Teil von der ursprünglichen Liste fertiggestellt, aber eines ist besser als keines, nicht wahr? Und das gilt noch viel mehr, da es sich ja nicht um ein Teil handelte, dass man mal eben an einem Nachmittag zusammentackert.

Mit dem Blazer bin ich nun so leidlich zufrieden - ich hatte mir ja vorgenommen, nicht mehr so viel an meinen Sachen herumzukritteln. Dass sich die Naht des rechten Ärmels etwas nach vorne dreht, übersehe ich deshalb einfach. Beim Nähen lernt man ja nie aus, es gibt so viele Möglichkeiten der Verarbeitung, die alle zum Ziel führen, jedes Material verhält sich anders, jeder Schnitt hat seine Besonderheiten - ich werde noch viele Blazer nähen und viel ausprobieren, ehe ich mich auf diesem Gebiet als Könnerin betrachten kann. Aber das ist völlig in Ordnung, denn dieser Lernprozess macht für mich das Hobby aus. Wo wäre denn da die Herausforderung, wenn sich alles einfach so runternähen ließe? Dass ich es mag, herausfordernde Dinge zu nähen, selbst wenn es länger dauert, habe ich bei diesem Projekt auch wieder gemerkt. Deshalb steht als nächstes herausforderndes Vorhaben auch eine Frühlingsjacke oder ein Frühlingsmantel auf der mentalen Liste.


Demnächst gibt es dann auch noch ein Bild mit Blazer und mir - so traurig auf dem Bügel hängend und bei den derzeitigen Lichtverhältnissen sieht der wirklich "nach nichts aus", wie man früher bei uns immer sagte. Beim Futter habe ich mich diesmal nicht großartig ausgetobt: es ist einfach neutral schwarz. Die grau-schwarzen Knöpfe sind schon älter und stammen aus dem Fundus. Der Blazerschnitt war die Nummer 110 aus Heft 8/2005, unverändert bis auf ein paar kleinere Passformänderungen.

Wie ist es wohl den anderen Ufo-Jägerinnen ergangen? Hier bei Miss Margerite sind sie versammelt

Dienstag, 12. Februar 2013

Woche 4 + 5+ 6


1. Immer wieder Schnee, immer wieder Dunkelheit - Winter, ich habe dich so satt.

2. Mein Strickzeug und ich, wir freuen uns auf morgen Abend, dann ist wieder MittwochsMasche, das offene Stricktreffen im Cafe Provinz. Und meine Strickjacke freut sich auf Ärmel.

3. Webfundstück 1 (via Hobbyschneiderin): Das Schnittquelle-Blog feiert ersten Geburtstag und zu diesem Anlass gibt es den Schnitt für das Jerseykleid Vichy kostenlos als Download.  

Webfundstück 2 (via FrauCrafteln): Die Stolperfallen (für beide Seiten!) im Verhältnis von Bloggern und Unternehmen, über die wir hier im Blog ja vor kurzem schon gemeinsam nachgedacht hatten,  fasst dieser Artikel im Blog einer Social-Media-Agentur sehr gut zusammen. Und die Entwicklungen bei Autoblogs und Techblogs werden früher oder später auch unsere DIY-Nische erreichen.

Montag, 11. Februar 2013

Ufo-Angriff 4 - Zwischenstand: die Hoffnung stirbt zuletzt und einige Gedanken über Passform und Selbernähen

Ich habe noch nicht aufgegeben. Nachdem der Angriff virenförmiger intergalaktischer Sturmtruppen auf mein Immunsystem (ich sprach an dieser Stelle schon fünf- bis zehnmal davon) mich die letzten zwei Wochen außer Gefecht gesetzt hatte (oh, eine Kriegsmetapher, tss), gibt es nun Fortschritte in Sachen Blazer zu vermelden.


Beim Einsetzen der Ärmel waren die Anleitungen von Lucia ungeheuer hilfreich, die sie anlässlich des Wintermantel-Sewalongs gemacht hatte: Armloch anpassen, das rückwärtige Armloch mit einem Schrägstreifen einhalten, den Vorderärmel stabilisieren. Das Verschmälern der Schultern um gut 1cm beseitigte wundersamerweise auch Falten über der Brust. Dennoch war ich Samstag Nacht nicht so hundertprozentig von der Passform überzeugt. Oder genauer gesagt, ich schwankte zwischen: entweder werfe ich es jetzt weg oder ich trenne alles nochmal auf und fange mit der Anpassung noch einmal ganz von vorne an.

Glücklicherweise gab ich keinem der beiden Impulse nach, sondern ging erstmal schlafen. Und Sonntag entdeckte ich die Geheimwaffe, die in meinem Schrank hing. Ich zog nämlich einen gekauften schwarzen Cordblazer an, einfach um mal zu sehen, wie so ein Blazer eigentlich richtig sitzen muss. Ich war vollkommen überzeugt, die Jacke werde prima passen, schließlich hatte ich sie im Geschäft anprobiert, ausgewählt und jahrelang zufrieden getragen. Aber jetzt war etwas anders. 
Um mit Sherlock Holmes zu sprechen: "Watson, Sie sehen, aber Sie beobachten nicht!" 

Ich war Watson. Wie hatte mir so lange entgehen können, dass die Schultern des Kaufblazers zu breit waren? Wie hatte ich die Falten von der Schulter zur Brust ignorieren können? Und die Tatsache, dass ich die Jacke über der Brust nur mit Mühe zuknöpfen konnte? Das Ding war ein einziger geballter Passformmangel, und das hatte ich jahrelang nicht erkannt. Aber mein halbfertiger, selbstgenähter Blazer hatte mir die Augen geöffnet.

Und damit brachte mich der Vergleich mit dem Kaufblazer wieder zurück auf den Boden der Tatsachen: Eine Maßschneiderin mit zehn Jahren Berufserfahrung könnte eine Jacke sehr wahrscheinlich noch sehr viel besser an meinen Körperbau anpassen. Aber ist es vernünftig, diesen Maßstab aufs Selbernähen anzuwenden? - Nein! Wir Hobbynäherinnen (das überlegte ich mir, während ich auf dem Boden herumkroch, um das Futter zuzuschneiden), haben es ja in vielerlei Hinsicht viel schwerer als Nähprofis: wir haben keine systematische Ausbildung. Es fehlt uns oft an technischen Voraussetzungen - ich sage nur Zuschneidetisch, Bügelanlage, Nähzimmer. Wir nähen in kurzen Etappen, mitten in der Nacht oder mit eineinhalb Augen bei quengelnden Kindern, oder irgendwann zwischendurch. Und wenn wir unter den Bedingungen Sachen produzieren, die locker mit jedem gekauften Teil konkurrieren können, können wir doch stolz auf uns sein, oder?

Eim zweiter Aspekt an der Sache ist ja auch noch, dass zu viel Anpassen auch nicht gut ist. Man steigert sich so in den Wunsch hinein, alle Falten zu eliminieren und findet dabei kein Ende, so dass das Ergebnis letztlich weder schmeichelhaft noch bequem ist. Im englischen gibt es für diesen Vorgang den Begriff "overfitting". Die deutsche Sprache lässt uns trotz ihrer Wortzusammensetzmöglichkeiten hier im Stich, und auch in der deutschen Näh-Literatur kommt das Phänomen meines Wissens nicht vor. Oder kennt jemand eine deutsche Bezeichnung? Wenn ich hier von "Überanpassung" spräche, dächte man wohl eher an ein sozialpsychologisches Problem, nicht an zu stark angepasste Kleidung.

Aber wie auch immer: das Bewusstmachen meiner begrenzten Möglichkeiten und Fähigkeiten, der Vergleich mit einem ganz passablen Kaufteil und das Wissen, dass Kleidungsstücke auch zu gut passen können, nämlich so gut, dass man sich in ihnen nicht mehr bewegen kann, führten dazu, dass ich meine eigenen Nähversuche zunächst einmal mit mehr Nachsicht betrachte. Das schließt ja nicht aus, dass man dazulernen und bei jedem Teil ein bißchen besser werden kann - aber Perfektion sollte nicht der Maßstab sein. Mit meiner neu erworbenen Lockerheit bin ich jedenfalls ganz optimistisch, dass ich bis zum Ufo-Finale am nächsten Montag das Futter in den Blazer nähen kann. Den aktuellen Zwischenstand der tapferen Ufo-Bekämpferinnen sammelt heute wie jeden Montag die furchtlose Miss Margerite.

Sonntag, 3. Februar 2013

Sofa-Nähen, ein fertiger Rock und eine Entdeckung

Ein Lebenszeichen aus der Sofaecke - fast unvorstellbar, dass es in diesem Haushalt mal eine Zeit ohne Husten, Schniefen, Röcheln gab. Ab Montag wird aber tapfer am Schreibtisch weitergehustet. Es ist noch nicht ganz, ganz gut, aber erträglich, und ich habe einiges aufzuholen. In nicht ganz 14 Tagen wollte ich meinem Professor etwas vorweisen, das mehr oder weniger einer fertigen Arbeit ähnelt. Denken wir lieber nicht daran, jedenfalls nicht jetzt! 

In der Zwischenzeit beschäftigte ich mich vor allem mit Näh-Ersatzhandlungen - tatsächliches Nähen wäre die meiste Zeit viel zu anstrengend gewesen. Ich blätterte ca. 1000 Hefte BurdaPramoOttobre durch, auf der Suche nach einem simplen Schnitt für ein schmales Jerseykleid mit langen Ärmeln, gerne mit etwas hochgesetzter Taille. Unnötig zu erwähnen, dass ich nichts dergleichen fand, dafür aber hundert andere Schnitte, die es auch wert wären, genäht zu werden. Ich dachte über Nähen nach Plan nach - sollte ich die potentielle Blamage in Kauf nehmen und für das Frühjahr hier auch einmal öffentlich Outfit- und Nähplanung betreiben? In anderen Blogs lese ich solche Posts sehr gerne, und natürlich führe ich für mich eine Liste, welche Schnitte und welche Teile ich in nächster Zeit herstellen möchte. Was die Umsetzung meiner Liste betrifft, befinde ich mich aber in guter Gesellschaft mit Oh-Mimmi: wie sie anlässlich ihres Januarkleids feststellte, kommt es oft anders, aus diesen oder jenen wichtigen Gründen, weswegen es sich empfiehlt, immer nur schön nebulös über Nähpläne zu schreiben.  

Burda 130 auf Heft 8/2005 ("Junge Avantgarde") von vorne...
... und von hinten
Mit fast übermenschlicher Anstrengung - der Futtersaum und 4 Knopflöcher standen noch aus - ist dieser Tage aber doch auch etwas fertig geworden: ein Rock nach Schnitt 130 aus Burda 8/2005 aus der damaligen Rubrik "Junge Avantgarde". Mit diesem Schnittmuster verbindet mich eine längere Geschichte. Dieses Burda-Heft hatte ich nämlich im August 2005 im Zeitschriftenladen durchgeblättert, diesen Schnitt gesehen, für gut befunden, und das Heft aus Gründen, an die ich mich nicht mehr erinnere, dann doch nicht gekauft, was ich ein paar Monate später zum ersten Mal bedauerte, als ich einen Rock 130 irgendwo im Netz sah. Damit hätte die Geschichte erledigt sein können, hätte ich nicht im letzten Jahr einen Stapel Burda-Anleitungsteile mit Schnittbögen geschenkt bekommen, darunter auch 8/2005. Und sobald ich dieses Heft aufblätterte und die Schnittzeichnung sah, war auch die Erinnerung wieder da.


Die Rock-Konstruktion ist wirklich außergewöhnlich, fast würde ich sagen: unvergesslich. Der Rock besteht aus vier vollkommen unterschiedlichen Teilen, die vier Nähte laufen schräg um den Körper herum. Aus nur 1,50 m Stoff (ich hatte sogar nur 1,20 m) entsteht so ein Rock mit fast 2, 30 m Saumweite. Anne vom Anneblog zeigte diesen Rock letztes Jahr hier und hier - damit rutschte das Modell auf der Näh-Dringlichkeitsstufe noch weiter nach oben.


Der Rock wird hinten rechts mit einem geknöpften Schlitz verschlossen. Auf diesen Bildern sieht man auch deutlicher den Außenstoff: eine schwer fallende Viskosemischung mit einem kleinen, eingewebten Muster, ungefähr wie ein Herrenanzugstoff. Der Anblick meiner Knopflöcher von innen ist hingegen deprimierend und bestärkt mich, dass ich auf lange Sicht einfach eine bessere Nähmaschine brauche, ja wirklich, brauche. Ich kann mich nicht ewig mit diesen schraddeligen Wäscheknopflöchern abfinden, die meine Maschine produziert. Weiterer Grund zum Meckern: der Futterstoff, ich glaube es handelt sich um vor Ewigkeiten bei Nietzel bestelltes Acetatfutter, ist so dünn, dass man die aufgebügelte Einlage durchsieht. Da hätte ich wohl besser einen anderen genommen. 

Den Saum habe ich mit einer Saumspitze festgenäht, eine gute Idee, die ich vor einiger Zeit in einem Nähbuch aus den 70er Jahren fand. Bei schmalen Säumen an glockigen Teilen hat man ja öfter das Problem, dass ein doppelt eingeschlagener Saum viel zu sperrig wäre und den Fall des Rockes ungüstig beeinflussen würde. Ein einfach eingeschlagener Saum ist aber nicht sonderlich ansehnlich - man kann die Kante mit Zickzack versäubern oder overlocken, aber schön ist das nicht gerade.

Für die Saumverarbeitung mit Spitze nimmt man eine schmale Borte und setzt sie von rechts an die Rockkante an. Dann schlägt man den Saum um, bügelt ihn - die Spitze liegt innen und verdeckt die offene Saumkante - und näht nun mit der Maschine oder fast unsichtbar mit der Hand die Spitze fest.

Ganz zuletzt musste ich nun noch herausfinden, wer denn dieses Designerstück der "Jungen Avantgarde" 2005 entworfen hatte. Ich besitze ja nur den Einleger mit den Anleitungen, und dort wird der Designer nicht verraten. Im Hobbyschneiderinnenforum fand ich den entscheidenden Hinweis: Stephan Schneider, Antwerpen. Für mich eine echte Entdeckung, denn: das ist genau mein Geschmack! Die Sachen sehen auf selbstverständliche Weise gut aus - tragbar, aber nicht langweilig. Auf seiner Webseite kann man sich durch das Archiv der älteren Kollektionen klicken, ein wunderbarer Ideenpool. Auf den Bildern der Herbst-Winter-Kollektion 2005/2006 meine ich auch, den Rock aus der Burda zu entdecken - Bild 1 und Bild 12, und auf Bild 10 möglicherweise von hinten? - allerdings wird dort die Knopfleiste vorne rechts getragen. Sollten die Burdas da etwas falsch verstanden haben? Da es auch schon einmal vorgekommen ist, dass ein Rock aus Burda-Eigenproduktion auf dem Foto im Heft falsch herum angezogen wurde, würde mich das nicht besonders wundern...

Ein interessantes Interview mit Stephan Schneider, der ursprünglich aus Duisburg stammt und der bis vor kurzem auch an der Berlinder UdK gelehrt hat, findet man hier.

Dienstag, 29. Januar 2013

Und wieder ein Fall von: "Mit uns werden Sie berühmt!"

Mode-, Kreativ- und Einrichtungsblogs in Deutschland machen gerade einen großen Schritt in Richtung Kommerzialisierung und Professionalisierung, scheint mir. Zwei Indizien: SPON berichtete vor kurzem über das neue Netzwerk themusenet.com, das Kontakte zwischen Modebloggerinnen und Industrie knüpfen soll und den teilnehmenden Bloggerinnen ein festes monatliches Gehalt ermöglicht als Gegenleistung für ihre freundliche Berichterstattung. Und ebenfalls im Januar lud sich die Einrichtungsmesse imm cologne 2013 ein paar bekannte Einrichtungs- und DIY-Bloggerinnen ein, die im Rahmen einer "Bloggertour" auf allen Kanälen (Facebook, Instagram, Twitter, Blog) über die Kooperationspartner berichten -  Verlinkung und Bild garantiert. Blogkonferenzen wie Blogst geben den Bloggerinnen das Handwerkszeug an die Hand, um als Trägerinnen für Werbebotschaften bestehen zu können.

Ich begrüße diese Professionalisierung kommerziell ausgerichteter Blogs. Eine angemessene Bezahlung bedeutet eine tatsächliche Anerkennung der kontinuierlichen Arbeit, die hinter einem erfolgreichen, viel gelesenen Blog steckt. Die deutsche Entwicklung vollzieht dabei nur das nach, was in den USA Bloggerinnen wie Amanda Soule - Soulemama schon seit Jahren erfolgreich praktizieren: Bloggen als Beruf. Und zwar als Beruf, der durch Einnahmen aus unterschiedlichen Quellen - Blogsponsoring, Anzeigen, "sponsored posts" (bezahlte Beiträge), affiliate Links (Links zu Verkaufsseiten wie amazon, die Provision für erfolgte Bestellungen zahlen), oft auch Honorare für Vorträge oder online-Kurse - ein Einkommen generiert, dass eine Familie davon ernährt werden kann. Das wurde aber auch Zeit!

Allzu lange beruhte die Beziehung zwischen Bloggerinnen und Unternehmen vor allem im Bereich der Mode- und Lifestyleblogs auf dem Verteilen von Brosamen: die PR-Abteilung schickte ein paar Bloggerinnen ein paar kostenlose Produkte und bekam im Gegenzug einen netten, als persönliche Entdeckung getarnten Blogbericht, Verlinkungen, Traffic und durch die Webpäsenz letztlich gesteigerte Umsätze. Die geschmeichelte Bloggerin als willige Multiplikatorin der Unternehmens-PR, Kosten für das Unternehmen: fast nicht messbar. Vielleicht erinnert sich noch jemand an die Welle beleidigter Empörung, die durch die Modeblogs schwappte, als Mary Scherpe im September 2010 beim Fashion Camp in Wien solche Bloggerinnen als "Milchmädchen" bloßstellte (Zusammenfassung z. B. hier) und Bloggerinnen aufforderte, sich zu vernetzen und ihre Arbeit nicht unter Wert zu verkaufen - Forderungen, über die heute in Bloggerinnenkreisen sicherlich weitgehend Konsens herrscht.

Es geht heutzutage weit eher um die Frage, wie man die Beziehung Unternehmen - Bloggerin - Leserin konkret ausgestaltet. Und gerade in punkto Transparenz gegenüber den Leserinnen liegt bei uns auch noch einiges im Argen. Während es in US-Blogs eine Frage der Frage der persönlichen Integrität der Bloggerinnen ist, geschäftliche Beziehungen im Hintergrund offenzulegen und unmissverständlich anzugeben, wenn es sich um Partnerlinks handelt, die Provisionen generieren, wählt die deutschsprachige Bloggerin nach meiner Beobachtung häufig die Verschleierungstaktik - was ich ärgerlich und im übrigen unnötig finde. Aber das wäre noch einmal ein Thema für einen weiteren Blogeintrag.    

Aber sonst also alles soweit gut in unserem Winkel des Internets? Ich hoffte es, wurde aber vor kurzem eines Bessseren belehrt, als unverlangt eine Mail aus der Presseabteilung der Messe Kreativ Welt Wiesbaden in meinen Postkasten flatterte. Die Kostenlos-Mentalität der Unternehmen, die meinen, bei uns Bastelmuttis Content ohne Gegenleistung abgreifen zu können, ist noch nicht ausgerottet.

Unter der Betreffzeile "Kreative Blogs kostenlos anmelden!" wurde ich nicht nur über den großen Erfolg der  Kreativ Welt-Messe - "eine der größten europäischen Verkaufs-Hobbymessen" - informiert, nein, auch über ihre neue Webseite kreativ-welt.de unterrichtet:

"Diese Seite, die jetzt schon über hohe Zugriffszahlen verfügt, soll ab sofort eine neue Plattform für alle Kreativ-Blogger/innen werden. Wenn Sie sich bei uns anmelden, veröffentlichen wir eine Auswahl aus Ihrem Blog mit einer Verlinkung zu Ihren Seiten kostenlos auf unserem Portal! Wir würden uns darüberhinaus freuen, wenn Sie unser Logo als Link auf Ihrer Blogseite einbauen könnten."

Was für ein großartiges Angebot, nicht wahr? Sie würden meine Texte bei sich veröffentlichen! Mit einer Verlinkung zu mir! Und das völlig kostenlos, ich wiederhole: völlig kostenlos für mich! Kann ein Mensch so viel Glück fassen? Da braucht es die Aussicht auf "regelmäßige Gewinnspiele" und eventuell eine kostenlose Messeeintrittskarte gar nicht, mit denen in der PM um Teilnehmerinnen geworben wird. 

Und wie sieht nun das Vertragsverhältnis genau aus? Die AGBs machen den Bloggerinnen noch einmal die "größtmögliche Verbreitung ihrer Inhalte über diese Internetseiten" schmackhaft. Tatsächlich aber überträgt man mit der Anmeldung den Messeveranstaltern das "zeitlich unbeschränkte Recht, die Inhalte vollständig oder teilweise zu verbreiten und öffentlich zugänglich zu machen sowie das redaktionelle Bearbeitungsrecht, insbesondere für Kürzungen der Inhalte. Dies gilt für alle technischen Formate und für sämtliche Datenträger und Übertragungswege. [...] [Der Blogger] akzeptiert [...] bereits jetzt, dass die Form seines Inhalt [sic!] abgeändert werden kann, mit dem einzigen Ziel, die Lesbarkeit zu verbessern oder um technischen Anforderungen des Datenträgers oder der Übertragung gerecht zu werden. In keinem Fall wird der Inhalt sachlich falsch wiedergegeben." 

Der Messeveranstalter LPS - Logikpark Service GmbH kann also nach Herzenslust auf die Blogbeiträge zugreifen, sie kürzen, neu zusammenstellen, damit werben, sie über Webseiten und andere Medien verbreiten - gegen genau welche Gegenleistung noch mal? Die Absätze 2. 5 und 2. 7. geben Auskunft:  

"2.5 Die Kreativ-Welt.de verpflichtet sich, unter jedem Inhalt einen Link zum Profil des Bloggers zur Verfügung zu stellen, durch den man direkt auf den Blog zugreifen kann. Damit erfüllt Kreativ-Welt.de die Verpflichtung zur Wahrung des geistigen Eigentums.
[...]
2.7 Im Gegenzug zur Rechteeinräumung wird Kreativ-Welt.de die Inhalte in das Angebot Kreativ-Welt.de zur besseren Verbreitung der Inhalte einbinden, um damit ein größeres Publikum für die Veröffentlichungen und Werke des Blogger [sic!] zu erreichen. Darüber hinaus wird jeder vom Blogger gelieferte Inhalt unter Nennung des Namens oder Benutzernamens des Bloggers veröffentlicht."

Da haben wir es wieder: meine Blogbeiträge erscheinen unter meinem Namen! Und durch die nun schon zum tausendstenmal betonte "bessere Verbreitung der Inhalte" und das "größere Publikum"  (Zwischenfrage: noch größer als das Internet?) werde ich ganz schnell berühmt, aber mindestens!

Wie man sieht, sind noch längst nicht alle Unternehmen so weit, mit Bloggerinnen auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten - umso wichtiger, sich zu vernetzen und zu informieren, wenn man eine kommerzielle Nutzung des eigenen Blogs anstrebt. Lasst euch nicht abspeisen, Bloggen ist was wert!

Ergänzung 30.1.2013: Gerade ganz aktuell gefunden: Diesen Artikel von Richard Gutjahr, der die Einnahmen seines Blogs offenlegt. Interessante Tipps für diejenigen, die auf seriöse Weise mit ihrem Blog Geld verdienen wollen. 

Sonntag, 27. Januar 2013

Stoffspielerei im Januar: Schmuckfalten, Smok, Smocking


Smok stand schon lange auf meiner mentalen Liste und kam im Rahmen der Stoffspielereien auch schon einige Male vor - Karen smokte im Februar 2012 ein Täschchen, Griselda ebenfalls im August 2012, Kathrin probierte Smok mit Jersey aus. Das Prinzip ist immer gleich: Der Stoff wird mit einer Reihe von Hilfsfäden in ganz gleichmäßige Falten gelegt, die anschließend von der rechten Seite aus mit verschiedenen Stichen und Stichkombinationen überstickt werden. Da die Stickfäden zum Teil diagonal laufen und nicht so fest wie möglich angezogen werden, bleibt das Gestickte ein wenig elastisch. In den Nähbüchern der 1950er und 60er Jahre ist das Smoken noch eine Technik von vielen, um  Blusen- oder Rockpassen oder Bündchen zu verarbeiten, aber als der Gummifaden erfunden wurde, war es damit vorbei.

Wie die Dinge liegen, bin ich über Anfänge und theoretisches Wissen diesmal nicht viel herausgekommen - also ich weiß, wie's geht, theoretisch, die Verarbeitungsschritte fand ich mit meinem Stoff, einem zarten Baumwoll-Viskose-Poly-Blusenstoff technisch ziemlich anspruchsvoll (besonders als ich gleich am Anfang ein Loch reingebügelt hab'). Wenn mich die Geduld nicht verlässt, sollen es einmal zwei Smokpartien an den beiden Ärmeln einer Bluse werden.


Hier sieht man schon, wo es hingehen soll und wo die Schwierigkeiten liegen: Das Stickgarn muss in jeder gestickten Reihe ungefähr die gleiche Spannung haben, damit das Muster ganz gleichmäßig wird. Ich hatte den Stoff auf Grundlage eines 1cm-Rasters gefältelt, habe beim Ausprobieren aber gemerkt, dass bei so einem dünnen, weichen Stoff kleinere und damit weniger hochstehende Falten (vielleicht ein 7mm-Raster?) wahrscheinlich besser zum Material passen würden.

Ich richtete mich bei der Verarbeitung nach "Schmuckfalten und bulgarische Stickereien" von Marie Niedner, Leipzig 1916, eigentlich ein 32-seitiges Heftchen, das es aber mit zwei anderen Stickheftchen zusammen als Nachdruck in einem Band gibt (Marie Niedner, Helene Weber: Stickereien, Augsburg 1995).


Dieses Anleitungheft erhellt auch, wie die Technik im Deutschen vermutlich zu dem merkwürdigen Namen "Smok" gekommen ist. Die Einleitung klärt auf:

"Zurzeit sind Schmuck- oder Zierfalten ein begehrter Ausputz an Blusen und Kleidern für Groß und Klein. Wer diese nette Arbeit mit Smocks bezeichnet, gebraucht das englische Wort dafür, das für uns Deutsche entbehrlich ist, zumal auch noch deswegen, da es meistens falsch ausgesprochen wird, unsere deutsche Bezeichnung Schmuckfalten aber den Nagel auf den Kopf trifft." (S. 7)

Daraus lässt sich erahnen, dass die englische Bezeichnung "smocking" im frühen 20. Jahrhundert durchaus verbreitet und gebräuchlich war, es mitten im ersten Weltkrieg nur nicht opportun schien, den Begriff des Feindes zu benutzen. Die deutsche Bezeichnung "Schmuckfalten" setzte sich aber, wie wir wissen, nicht durch - bei Lieselotte Kunder im Westen ist 1966 ganz selbstverständlich von "Smoknäherei" die Rede, Antonie Janusch schreibt im Osten im gleichen Jahr über "Schmuckfalten". Das verschwundene "c" von "smocking" ist dann wohl auf die meistens falsche Aussprache zurückzuführen - irgendwann ist man dazu übergegangen, das Wort einfach so zu schreiben, wie man es ausgesprochen hat. Ergebnis: frühes Denglisch, durchaus kein Phänomen der Sprachverlotterung der letzten Jahre durch das Internet oder andere böse Mächte.   


Marie Niedner gibt ein Schnittschema für diese typischen Jahrhundertwendeblusen. Der gesamte obere Bereich der Ärmel und des Vorder- und Rückenteils wird gemokt, meistens auch der untere Abschluss des Ärmels. Die "bulgarischen Stickereien" sind, wenn man den Texten glauben darf, sehr farbenfreudige Ornamente aus Platt- und Stielstich, manchmal auch Kreuzstich. Alle Stickvorlagen sind auf den beiliegenden Musterbögen verfügbar, einer echten Jahrhundertwendebluse steht also nichts nur mangelndes Können im Wege!  


Die Vorbereitungen des Stoffes beim Smoken sind ziemlich aufwendig, sofern man nicht gerade einen regelmäßig karierten, gestreiften oder gepunkteten Stoff verwendet, der das Einreih-Raster schon vorgibt. Sowohl 1916 als auch 1966 gab es anscheinend Smokraster zum Aufbügeln zu kaufen. Ich dachte ich mache mir ein eigenes, indem ich auf Karopapier in 1cm-Abständen Punkte mit dem Bügelmusterstift vom Prym male und die Punkte dann aufbügele. Das funktioniert auch ganz hervorragend - wie man sieht wurden die Punkte übertragen - nur hielt mein Stoff das heiße Bügeln nicht aus, der Polyesteranteil schmolz davon und hinterließ Löcher in einem papierartig steifen Gewebe...


Nächster Versuch mit einer Pappschablone also: Löcher vorbohren, mit der Ahle von beiden Seiten erweitern, so dass ein gut gespitzter weicher Bleistift hindurchpasst.


Den Stoff am Rand mit Tesakrepp auf der Schneidematte (oder der Tischplatte) fixieren und Punkte malen...


Stunden später: durch die kaum sichtbaren Punkte Heftfäden ziehen. Links mit einem dicken Knoten beginnen, bei jedem Punkt einstechen und dicht daneben wieder ausstechen. Reihe für Reihe heften - schließlich den Stoff zusammenschieben und die Fäden paarweise verknoten. 


Gestickt wird dann wieder von der Vorderseite von links nach rechts - Geduld vorausgesetzt.


Die Stoffspielereien sammelt heute Griselda - und wie ich sehe, haben Falten und Smok heute auch bei den anderen eine große Rolle gespielt!