Sonntag, 18. August 2013

Nochmal das Retrokleid, und was man sich unter bügelfreiem Stoff vorstellen muss


Das Retrokleid, an dem ich hier und hier genäht hatte, ist längst fertig. Der Schnitt ist toll, aber bei der Auswahl des Stoffes habe ich mir selbst ein Bein gestellt. Ich finde ja, dass bügelfreie Hemden (neben der Geschirrspülmaschine) eine der besten Erfindungen überhaupt sind. Hemd waschen, ausschütteln, ordentlich auf einen Bügel hängen, das wars - restliche Falten "glätten sich beim Tragen am Körper", wie es im Beipackzettel der Lieblings-Hemdenmarke von Herrn Nahtzugabe heißt. Wenns irgendwo Hemdenstoff zu kaufen gibt, bin ich also dabei, und so suchte ich auch für den Retrokleidschnitt einen Hemdenstoff aus. Bügelfrei kann ja auch bei einem Kleid nicht verkehrt sein.


Haha. Ha. Also bügelfrei bedeutet im Umkehrschluss auch, dass sich so ein Stoff kaum bis überhaupt nicht im Form bügeln lässt. Falls ihr es noch nicht wusstet. Kann man sich ja vielleicht auch denken, ich dachte es mir nicht. 


Das Kleid wird leider immer nach "beim Nähen nicht gebügelt" aussehen. Bei dem abgesteppten Einsatz geht es, der Kragen ist auch ganz in Ordnung, weil sich wenigstens der rote Stoff bügeln lässt. Die roten Knöpfe hatte ich zufällig noch - in zwei Größen, was sich ganz gut macht. Die überschnittenen Schultern bilden kleine Ärmel, die oben gegeneinander geknöpft werden. Es sind jeweils zwei kleinere Knöpfe mit einem Fadensteg verbunden.


Aber an der Taillennaht zum Beispiel kann man nichts machen (außer vielleicht absteppen). Das Naheliegendste, nämlich einen roten Gürtel oder gar noch rote Schuhe zum Kleid zu tragen, ist mir aus Abneigung gegen Komplettlooks nicht möglich. Ich fühle mich in diesem Kleid ohnehin schon übermäßig adrett. Ich könnte darin irgendwo etwas servieren - riesige Hamburger in einem 50er-Jahre-Diner zum Beispiel. Oder in einer altmodischen Drogerie Wäschestärke verkaufen.  


Die Hüftpassentaschen mit Klappe sind ein bißchen kniffelig zu nähen, vor allem an der linken Seite, wo dann auch gleich der Reißverschluss eingesetzt wird. Aber ein schönes Detail, weil die äußere Kante der Klappe genau mit der Hüftrundung vom Rock abschließt.

Hier noch ein Blick auf die scheinbar niemals gebügelte Rückenansicht und einen Saum, den man aus dem gleichen Grund nur als Katastrophe bezeichnen kann.

Ich seh' schon, ich muss das unbedingt noch einmal nähen. Es ist zwar schon praktisch, dass sich Sitzfalten in diesem Kleid nach einer halben Stunde im Stehen von selbst wieder geglättet haben, aber dass die Nähte nach jeder Behandlung mit Bügeleisen und Dampf innerhalb der gleichen Zeit wieder in ihren vormals unausgebügelten Zustand zurückplöppen, ist deprimierend. Mir fällt auch nichts ein, wie man dieses Zurückplöppen verhindern könnte - habt ihr Erfahrung mit solchen störrischen Stoffen?  Und habt ihr sie bezwungen? Ich könnte noch nachträglich ein paar Nähte absteppen, zum Beispiel wenigstens die Teilungsnähte hinten im Rock. Aber sonst?

Freitag, 16. August 2013

Cyanotypie: den preußischen Himmel einfangen


Cyanotypie oder Eisenblaudruck wollte ich ja schon sehr lange mal probieren, der Liebste auch, und letztlich waren es Kristinas Blogposts zum Thema, weswegen er spontan die Chemikalien bestellte - man braucht ja manchmal so einen Anstoß, um Pläne in die Tat umzusetzen. Die Cyanotypie ist ein fotografisches Druckverfahren und wurde Mitte des 19. Jahrhunderts erfunden, man kann damit zum Beispiel  Papierabzüge von Fotonegativen herstellen. Eine der Pionierinnen der Cyanotypie war aber die englische Botanikerin Anna Atkins, die diese damals völlig neue Technik verwendete, um Algen, Blütenpflanzen und Farne abzubilden und zu dokumentieren. Eines ihrer Bücher, Photographs of British Algae von 1843 kann man zum Beispiel hier Seite für Seite anschauen.  


Möchte man heute Cyanotypie ausprobieren, gibt es zwei Möglichkeiten. Die einfache: gebrauchsfertige Lösungen oder die nötigen Salze im Künstlerbedarf in kleinen Mengen teuer kaufen, schon fix und fertig abgewogen. Die Kompliziertere: Man bestellt bei einem Chemikalienhandel die kleinstmögliche Menge und hat dann so viel, dass man ganze Tapetenbahnen belichten könnte. Wir entschieden uns für letzteres und folgten der grundlegenden, einfachen Cyanotypie-Anleitung von Herbert Frank. Die beiden Salze - Ammoniumeisen(III)-Citrat und das so genannte "rote Blutlaugensalz" Kaliumferricyanid - wurden mit einer etwas gewagten Konstruktion aus Briefwaage mit angehängtem Teefilterbeutel abgewogen und jeweils für sich in destilliertem Wasser aufgelöst. Die Chemikalien sind reizend und das Ammoniumeisen(III)-Citrat noch dazu staubfein, das heißt man sollte beim Hantieren darauf achten, dass man nichts einatmet, nichts schluckt, nicht herumkleckert und das Zeug nicht auf die Haut kriegt. Die beiden Lösungen lassen sich fast unbegrenzt lange aufbewahren.

Für die lichtempfindliche Cyanotypieflüssigkeit müssen die beiden Lösungen im Verhältnis 1:1 vermischt werden, am besten in einem Raum ohne Tageslicht bei 25-Watt-Funzelbeleuchtung. Unser fensterloses Bad erwies sich endlich einmal als praktisch, weil man für die beschichteten Papiere und Stoffe außerdem einen dunklen Trockenplatz braucht. Die Cyanotypielösung ist eine gelb-grüne Flüssigkeit, die vom Stoff prima aufgesaugt wird. Papier könnte man trockenföhnen, Stoffe eher nicht. Ich experimentierte mit zwei Materialien, einem dicken, leinenähnlichen Baumwollstoff, der sehr viel Flüssigkeit schluckte, und einem dünnen Baumwollbatist mit ca. 20% Polyanteil.

Wir beschichteten Stoffe und Papiere am Samstagabend und ließen sie über Nacht trocken, Sonntag nach dem Frühstück, es sah eher nach Regen aus (typisch! da braucht man EIN Mal Sonne!) wurde es dann richtig spannend - wenn man alles selber macht, selber abwiegt und mischt, noch dazu mit solch durch und durch professionellem Equipment wie wir, weiß man ja nicht, ob es wirklich funktioniert. 


Ich hatte am Tag vorher ein paar Pflanzenteile gesammelt und über Nacht schon ein bißchen im Telefonbuch gepresst und mir ansonsten nicht allzu viele Gedanken gemacht. Die Pflanzenteile (oder was man sonst abbilden will) kommen auf den jetzt trockenen, grün-gelben Stoff, darauf am besten eine Glasscheibe, z. B. aus einem Bilderrahmen. Das ganze wird jetzt dem Licht ausgesetzt, bei voller Sonne so 10 bis 15 Minuten, im Winter wohl besser eine Stunde oder sogar länger.

Wir haben bei unseren Experimenten nicht exakt die Belichtungszeit genommen, was man aber unbedingt tun sollte, möchte man sich systematisch an gute Druckergebnisse heranarbeiten - aber dazu war die ganze Sache einfach zu aufregend! Durch das UV-Licht entsteht aus dem wasserlöslichen Ammoniumeisen(III)-Citrat irgendwie (fragt lieber die Chemikerin eures Vertrauens nach Details) eine wasserunlösliche, strahlend blaue Eisen(II)-Verbindung - aber eben nur dort, wo das Licht hinkommt. 


Der Stoff verfärbt sich im Licht dunkel-braun-grün, und wenn man die Pflanzenteile abnimmt, siehts erstmal etwas enttäuschend aus: scheinbar nur ein paar undeutliche Spuren. Soll das alles gewesen sein?


Beim Ausspülen erscheinen dann mehr und mehr Details!


Und beim Trocknen wird das Bild noch deutlicher, feine Strukturen werden sichtbar.


Das ist der beste Druck und das typische Preußisch Blau der Cyanotypie: den Stoff hatte ich gut mit der Lösung getränkt (soweit sich das nachher rekonstruieren ließ) und bei bedecktem Himmel ziemlich lange belichtet.

Hier war entweder zu wenig Lösung drauf, die Lösung war nicht ganz im richtigen Verhältnis gemischt, oder ich habe nicht lange genug gewartet.


Der Batist hat die Farbe etwas anders angenommen als die Baumwolle, durch den Polyesteranteil ist der Untergrund ganz leicht meliert. Grundsätzlich ist aber dünnerer Stoff wohl besser geeignet: er schluckt nicht so viel Flüssigkeit, und wie immer beim Stoffdruck lassen sich feine Details auf dem feinen Fadenraster besser abbilden.


Weil die Pflanzen noch nicht ganz platt gepresst waren, ergeben sich zum Teil reizvolle Unschärfen, wenn die Blätter nicht ganz plan aufliegen. Es ist faszinierend, dass auch die fligransten Strukturen auf diese Weise übertragen werden können. Im Herbst möchte ich die Technik unbedingt mit skelettierten Blättern ausprobieren!


Der Versuch mit Scherenschnittrosetten und Papierpunkten aus dem Locher wirkt im Vergleich dazu  grobschlächtig. Die Umrisse der Glasscheibe (es war windig, die Scheibe aber kleiner als der Stoff) haben sich hier auch mit übertragen.


Der zweite Druck mit Scherenschnittmotiven. So weit ich gelesen habe, sind die Drucke sehr lichtecht, und in klarem Wasser oder mit Wollwaschmittel waschbar, da die Farbe von Laugen (=normales Waschpulver) angegriffen wird. Wir werden bestimmt weiter experimentieren - die Foto-Ergebnisse des Liebsten gibts übrigens hier zu sehen.

Montag, 12. August 2013

Woche 32


Wieder erträgliche Temperaturen, und ich bin total im Strickfieber. Alles Eskapismus, nehme ich an, denn mit nichts kann ich mich derzeit gedanktlich so gut wegbeamen, vor allem an den verregneten Abenden, die wir jetzt ab und zu hatten. Stricken beruhigt mich, und so muss ich nicht Zigaretten holen gehen und mit gefälschtem Pass in Argentinien ein neues Leben anfangen. (Macht euch keine Sorgen um mich, es ist nur die alte Geschichte "Der Text und ich", den ich nicht mehr sehen kann, der jetzt langsam fertig wird und irgendwie auch zu schnell, weil ich mich fürchte, ihn abzugeben.)

Sprechen wir lieber von erfreulichen Erfolgserlebnissen:

1. Ich habe eine Strickjacke abgekettet.

2. Experimentiert.

3.  Eine neue Maschenprobe gestrickt, aus Baby Merino von Drops. Das Muster nennt sich "Schleifenmuster" und wird eigentlich wie in der unteren Hälfte der Probe gestrickt (sofern man das bei schwarzer Wolle erkennen kann), mit normal abgestrickten Umschlägen.  Bei dem glatten Garn gefällt mir das Muster mit verschränkt abgestrickten Umschlägen und kleineren Löchern aber auch ganz gut. Welches es wird? Mal sehen. Die Maschenprobe habe ich diesmal kurz durchgewaschen, weil ich irgendwo in einem Blog (war es bei Lucia?) gelesen hatte, dass dieses Merinogarn stark nachgibt. Das kommt mir auch so vor.

4. Mich mit Strickmusternachschub versorgt (darunter zu sehen übrigens Teile des blöden Textes). Die gedankliche Strickprojektliste umfasst nun etwa 15 Positionen, aber keine Angst - das alles werde ich sicher nicht stricken, nur davon träumen. Ich habe ja zum ersten Mal seit Jahren wieder Strickmusterhefte gekauft und bin ganz angetan. Die Modelle können durchaus mit dem mithalten, was man von ravelry aus dem angelsächsischen Raum kennt. Nur Anleitungen für dünneres Garn - also dünner als Nadelstärke 4 - sind immer noch selten. Und es gibt Eulen- und Katzenpullover, ohje. Aber meine älteren Strickzeitschriften sind von 2006, als ich dachte, ich könnte mal wieder was stricken und zwei Verenas kaufte. Letztlich strickte ich nichts daraus, und wenn ich mir die alte Modelle jetzt ansehe, weiß ich auch wieder, warum. Eine Vorschau auf die aktuellen Hefte findet ihr hier: Rebecca Heft 55 und hier: Verena Herbst 2013.

5. Die Besteigung der Eiger-Nordwand mit der Heidi-Jodelgruppe geplant. Susa hat da schon wieder ein Strickmuster entdeckt (aus der Rebecca) und einen schlimmen Rückfall der Heidi-Strick-Jodelitis erlitten (wir erinnern uns). Natürlich wurden wie letztes Jahr wieder zahlreiche Bloggerinnen in Mitleidenschaft gezogen (gehörte ich einer bestimmten theoretischen Richtung der Literatur- und Kulturwissenschaft an, schriebe ich jetzt Mit-leiden-schaft, damit ihr auch ja alle merkt, welche Einzelbestandteile in diesem Wort stecken, und dass es um Leiden und um Leidenschaft und um das Gemeinsame, das Mitfühlen, Verzeihung, das Mit-Fühlen geht und das alles ungeheuer tief und bedeutsam ist), also, es wurden andere Bloggerinnen in Mitleidenschaft gezogen und auch ich, die ich ja nur den Fehler machte, die Kommentare zu lesen, konnte mich dem nicht entgegenstellen, als ich einem Link von Ilsebyl folgte: So ein Strickcape brauche ich jetzt wohl auch! Eine Lawine kann man nicht aufhalten.

Am 1. September gehts los, die weitere Route der Jodelgruppe in Sachen alpenländischer Strickware entnehmen Sie bitte dem Post unserer Expeditionsleiterin Frau Sachenmacherin. Es sind noch Plätze in unserer Seilschaft frei! Mein Motto wird sein: Miss Marple goes Eiger-Nordwand.

5. Die alles beherrschende Strickleidenschaft ist auch Schuld daran, dass ich wollige Links zu empfehlen habe: Bei drops wird es ab etwa Mitte Oktober zwei neue Garne geben: ein flauschiges Alpaca-Seide-Garn, das sehr dünn ist, aber mit Nadelstärke 5 verarbeitet werden soll, und eine Mischung aus Baumwolle und Merino, die ziemlich sportlich aussieht. Besonders auf das Flauschgarn bin ich gespannt, mehr noch auf die Anleitungen dazu - ich finde, dann kann man erst richtig abschätzen, wozu so ein Garn geeignet wäre.

Samstag, 10. August 2013

Loben und Lästern: Burdastyle 08/2013

Ich finde es ist Zeit für eine neue Rubrik hier im Blog! Ich kaufe mir ja Monat für Monat das neue Schnittmusterheft von Burda, finde fast jeden Monat den einen oder anderen Schnitt, den ich un-be-dingt nachnähen will, lästere im Familienkreis über andere Modelle, die ich albern, lächerlich oder missraten finde, lege das Heft dann auf den wachsenden Heftstapel hier und habe bald darauf alles vergessen. Das hat zwei Nachteile: die unbedingt nachzunähenden Schnitte werden nicht genäht, und lästern ist ja in größerer Runde und unter Nähexpertinnen noch viel schöner. Außerdem lese ich gerne  die Rubrik revue de presse von Nowak - hier die Besprechung vom Burdastyle-Augustheft- und erinnert sich noch jemand an die grandiosen Burda-Lästereien der Selfish Seamstress, back in the days - zum Beispiel hier, hier und hier? Neben etwas augenzwinkerndem Läster-Spaß erhoffe ich mir mehr Struktur für meine Nähpläne. Oft habe ich ja sogar schon passende Stoffe da, und planen und schwärmen und Ideen ausbrüten ist ja sowieso das Allerschönste am Nähen.

Los gehts mit dem Burdastyle-Augustheft, wie üblich schon das erste Herbstheft mitten im Sommer, aber als echter Nähnerd kann ich mich eiskalt (haha) mit der Planung der Herbstnähereien befassen, auch bei 30 Grad im Schatten.

Die Lieblingsschnitte




Der Rock 130 von Seite 31, ein Wollrock ganz nach meinem Beuteschema: schmal mit Taschen und Anklängen an eine Herrenhose durch die Paspeltaschen im Rückenteil und einem - scheinbar - klassischen Reißverschlussschlitz. In Wirklichkeit handelt es sich um einen Wickelrock: Ein teilbarer Reißverschluss verbindet vorne die obere und die untere Lage. Wie das ganze genau funktioniert, habe ich beim Lesen der Nähanleitung noch nicht verstanden, aber das erhöht nur den Reiz. Der dicke schwarze Wollstoff mit eingewebten weißen Streifen aus meinem Lager (vom Sonderverkauf bei Thatchers) passt jedenfalls perfekt dazu.

Den Streifenpullover vom Foto finde ich von der Idee her gar nicht so schlecht - aber nicht in dieser übergroßen Passform, die mich sofort wieder ins Jahr 1986 beamt.

Der Mantel 125 von Seite 32, ein schmaler Mantel mit Prinzessnähten und einem einseitigen Kragen. Seitdem ich den sehr tollen, aber wegen mieser Stoffqualität leider unrettbaren Übergangsmantel beerdigt habe, ist der Posten wieder frei, und dieser Kandidat erfüllt alle Anforderungen: knielang, schmal, und ein Schnitt, der sich besser bei mittelkalten Temperaturen als im tiefsten Winter trägt. Und einen wunderbaren dunkel-smaragdgrünen Mantelvelours in ausreichender Menge gibt das Lager auch her. Futter dann am besten himbeerrot. 

Auf der Suche nach dem dritten potentiellen Lieblingsschnitt im Heft blätterte ich hin- und her und konnte mich nicht recht entscheiden. Ein Cape wollte ich mir ja schon immer mal nähen, aber Modell 122 frisst über 4 Meter Wollstoff, es handelt sich mithin wohl um eine Jurte, nicht um ein Kleidungsstück. Dann gibt es mit Modell 106/107 ein wunderschönes Jäckchen mit Kelchkragen, aber hier tappe ich in die Blazerfalle: Ich mag solche Jacken, aber ehrlicherweise habe ich derzeit wenig Gelegenheit, sie anzuziehen.

Daher empfehle ich euch als drittes einfach einen Blick auf die Schnitte in großen Größen (Nummer 135 bis 142, hier fast ganz unten). Da gibt es dieses Mal nämlich sehr schöne, etwas retromäßig gestylte Kleiderschnitte, eine aufwendige Wolljacke und eine Hose. Ich finde, die sehen ganz brauchbar aus.

Die Flops



Das Kostüm von Seite 35 aus Jacke 101 und Rock 132, und ich weiß schon jetzt, dass ich mich mit dieser Wahl unbeliebt mache, denn Marion erinnerte das Modell an Raumschiff Orion, und zwar auf die gute Art. Vielleicht verstehe ich es nur einfach nicht: eine ohnehin schon kastige Jacke wird noch kastiger gemacht, indem zwei Lagen Wollflausch in verschiedenen Farben aufeinander gesteppt werden. Dazu noch eine Prise schwarzes Lackleder an den Blenden und für den Vorderteilbeleg, und die Jacke steht auch ohne Inhalt von alleine. Ähnlich beim Rock, auch hier bestehen die blassrosa Felder aus einer zweiten, aufgesteppten Lage Wollflausch. Äh ja, das hält bestimmt schön warm und ist wegen der unüblichen Verarbeitung auch sicherlich sehr interessant zu nähen - aber ich vermisse bei diesem Modell buchstäblich die Leichtigkeit, und das liegt nciht nur am Material, auch an der kilometerlangen knappkantigen Abstepperei, die hier involviert ist.

Auch bei Kleid 133 von Seite 58 fragte ich mich, was das in einem Modeheft zu suchen hat: Roter Pannesamt? Eine Schnürung mit eingeschlagenen Metallösen am Ausschnitt? Dazu Empiretaille und Dreiviertelärmel in einer ganz blöden Länge, die wie herausgewachsen wirkt? Ernsthaft? Ich dachte, müssten nur diejenigen bedauernswerten Besucherinnen von Mittelalterfesten  anziehen, die nicht selbst nähen können und irgendwo was aus dem Katalog bestellen müssen.

Und zuletzt die Bluse 114, Seite 19, Motto: Uniformbluse trifft Spitze und viel hilft viel. Hier wurden für einen kastigen Blusenschnitt Stickereibatist in zwei Farben, einfacher Batist, Baumwollspitze, ein Perlenband zum Aufnähen und drei große goldene Knöpfe verbraten. Für ausreichend lange Ärmel war aber trotzdem nicht genug Material da.Wahrscheinlich verstehe ich den Reiz dieser ganzen nostalgisch aufgemachten Jahrhundertwende-trifft-Achtziger-Modestrecke nicht so richtig, denn auch die Kleider und Blusen mit Halskrause (104 und 105), das weiße Spitzenkleid wie aus Tod in Venedig (117) und nicht zuletzt die oben weite, unten enge knöchellange Lederhose (112) waren Anwärter für einen der Top-of-the-Flops-Plätze.

Ob ich mir diese Sachen in ein bis drei Jahren "schöngesehen" habe und sie dann doch ganz gut finde? Lassen wir uns überraschen, denn kein Geschmacksurteil hat ewig Bestand!    

Montag, 5. August 2013

Live vom Nähtisch II: was weiter geschah



Nur ganz schnell der Stand des Retrokleides nach dem Wochenende: ich muss noch die Belege an den Ärmeln absteppen (präzise um-die-Ecke-Stepperei involviert, dazu brauch' ich ne ruhige Minute oder zwei), Knopflöcher einnähen, Knöpfe annähen und das Kleid säumen.

Samstag Abend warf mich ein Denkfehler in der Anleitung zurück, der mich nötigte, die Schulternähte zum Teil wieder aufzutrennen, um den Kragen anzunähen - das war aber gar nicht so schlimm, weil ich mich durch das Aufdecken dieses Fehlers als Probenäherin von solcher Wichtigkeit durchdrungen fand, dass sich das bißchen Trennarbeit fast wie im Fluge erledigte. Beim späteren Kneipenbesuch kam ich dann auch auf eine nähtechnisch sehr elegante Lösung, wie sich Kragen und Einsatz ohne Handnähte zusammenfügen lassen. Alles in allem also ein sehr erfolgreicher Abend.

An Sonntag widmete ich mich dem Reißverschluss und den Belegen an den Ärmeln, letztere eine in meinen Augen eine verhältnismäßig fummelige Angelegenheit mit lauter Ecken. Bisher bin ich von dem Schnitt aber ganz angetan. Ich könnte ihn mir auch in einer Winterversion aus Wolle vorstellen, dann natürlich gefüttert. Das wäre vermutlich sogar einfacher als die fummeligen Belege. Bald mehr, wenn das Kleid fertig ist!

Samstag, 3. August 2013

Live vom Nähtisch: ein ganz besonderes Retrokleid

In Berlin solls heute irre heiß werden, den Wochenendgroßeinkauf haben der Liebste und ich schon erledigt und uns mit kühlen Getränken in der Wohnung verbarrikadiert. Der Liebste überlegt noch, ob er gleich zum Fotografieren in die Hitze hinausgeht - na meinetwegen, solange ich nicht mit muss.

Auf meinem Nähtisch liegt ein ganz besonderer Schnitt, auf den ich schon ganz heiß (haha!) bin, seitdem ich die Modellzeichnung das erste Mal gesehen hatte: ein Sommerkleid aus den 1930er Jahren mit kleinen, angeschnittenen Ärmelchen mit Knöpfen, einem raffinierten Reverskragen, der aus einem viereckigen Einsatz hervorgeht, Hüftpassentaschen und einem Rock, der im Rückenteil stärker ausgestellt ist als vorne. Genauer gesagt - das hier:



Das nähe ich jetzt und versuche parallel dazu life zu bloggen, wie das  Meike immer beim Tatort macht. Mal sehen, ob ich letzlich mehr nähe oder mehr schreibe. Näht heute noch jemand anderes, oder seid ihr alle am See?

11.30 Uhr, draußen 30°, heiter; drinnen 24°, optimistisch



Also, der Schnitt: den hat eine meiner Mitbewohnerinnen in der Büroetage, die Modedesignerin ist, nach der Zeichnung oben professionell erstellt. Aus der gleichen Serie modernisierter Retroschnittmuster stammt auch das Streifen-Trägerkleid, das Nina vor ein paar Wochen genäht hatte. Das Schnittmuster für Ninas Kleid gibts inzwischen im Nähkontor zu kaufen, das Kleid das ich jetzt nähe, wirds dann dort auch bald geben, sobald der Schnitt optimiert ist. Meine Nachbarin Regine hatte nach der allerersten Schnittversion ein Nesselmodell angefertigt, noch ein bißchen am Design geschraubt, und mir die zweite Version zum Ausprobieren überlassen.

Die Stoffwahl fand ich nicht einfach: der Vorrat gab natürlich nichts Passendes her (bitte nicht lachen jetzt!) und natürlich findet man (also ich) auf dem Markt nichts rechtes, wenn man dringend mal etwas braucht. Ich kaufte einen geht-so-Stoff, eine Art hellblauen Oberhemdenstoff mit einer ganz schönen Webstruktur. Ich befürchte aber, dass ich in einem hellblauen Kleid wie Rotkreuzschwester  Hildegard, 1932 aussehen könnte - also kurz gesagt: Kittelalarm droht - und möchte deshalb für den Oberkragen, die Belege an den Ärmeln und möglicherweise die Taschenklappen einen roten Stoff verwenden. Einen helleren oder einen dunkleren:


Ich sinniere noch ein bißchen über hell oder dunkel, während ich den Schnitt ausschneide und die blauen Teile zuschneide.

12.30 Uhr, draußen sonnig, 32°; drinnen durstig, 25°


Puh, Zuschneiden auf dem Fußboden ist etwas mehr Bewegung, als ich mir im Moment wünschen würde. Aber welch ein Luxus, einen für die eigenen Maße optimierten Schnitt zu verwenden! Als ich das Nesselmodell anprobierte, ergaben sich nämlich zwei Änderungen gegenüber der Standard-38: ich brauche an der Brust zwei Zentimeter mehr und ein um 1,5 Zentimeter verlängertes Oberteil. Das wurde in meinen Schnitt gleich eingearbeitet, mit dem Schnittmusterprogramm ist das kein Problem. (Und ich fühle mich bestätigt: das sind genau die Zentimeter, die ich immer bei Burdaschnitten zugebe.) Einfach zuschneiden und nähen, wann hat man das schon mal.

Wie ich sehe bin ich auch nicht ganz alleine: Catherine näht auch, wenigstens ein bißchen, Julia winkt, und ja, Nina, ich nehme den hellroten Stoff. Aber zuerst mach' ich mir ein Schinkenbrot.

13.45 Uhr


Der Liebste hat sich mit unbekanntem Ziel und seiner Fototasche nach draußen begeben - und ich frage mich, jetzt wo alles zugeschnitten ist, warum ich nicht den hellroten Stoff für das Kleid genommen habe. Der ist so schön, ein mattes, überhaupt nicht grelles Rot. Naja. Der Reststoff reicht vielleicht noch für ein Kleid. Manchmal bin ich schon komisch.  Und fein, Siebenhundertsachen und Sabine nähen auch mit im virtuellen Nähkränzchen.

15.00 Uhr, draußen 32°, bewölkt; drinnen 26°, puh


Also ehrlich, bei 32° in der Wohnung wie bei Sabine könnte ich nicht nähen! Ich überlege schon jetzt, ob einfach Herumsitzen nicht ne prima Alternative wäre. In der Zwischenzeit habe ich festgestellt, dass
- mein Bügeleisen dringend eine Reinigung vertragen könnte 
- ich beim Zuschneiden eines Rockteils übersehen habe, dass die Schnittkante des Stoffes nicht ganz gerade war, nun fehlt an der Stelle ein kleines bißchen an der Saumzugabe
- der selbstgemachte Eistee aus Hagebutte-Hibiskus-Brombeerblättertee, Zitronenschale und -saft und braunem Zucker genau die gleiche Farbe hat wie der rote Stoff


Das Bild vom zusammengenähten hinteren Rockteil ist für Yvonet: Ich glaube nämlich, dass der Rockteil und speziell die Rückenpartie ganz ähnlich ist wie bei dem gestreiften Sommerkleid von Dolce & Gabbana, über dessen Konstruktion wir gerätselt hatten. Das Rockvorderteil ist im Prinzip ein leicht ausgestellter Rock, ganz normal im Bruch zugeschnitten, der hintere Teil besteht aus aus 5 mehr oder weniger keilförmigen Einzelteilen und ist stärker ausgestellt als das Vorderteil. Hätte ich einen Streifenstoff genommen, wäre der Streifenverlauf vermutlich ganz ähnlich wie beim D&G-Kleid. Ich werde das aber anhand der Schnittteile nochmal genauer überprüfen!   

15.30 Uhr


Zuzsa näht auch! Ich habe übrigens von der Nähmaschine allerbeste Sicht auf durchtrainierte, nur halb bekleidete Männer - im angrenzenden Hof wird ein Gerüst an der Hausfassade aufgebaut. Ich schwanke zwischen Mitleid (die müssen echt arbeiten! am Samstag! bei den Temperaturen!) und Verwunderung: warum haben die alle so forschtbare Tätowierungen?

17.00 Uhr, draußen 32°, leicht bewölkt; drinnen 26°, gefühlt tropisch 


Stecken, nähen, bügeln, einschneiden, stecken, nähen, bügeln, absteppen - beim viereckigen Einsatz im Vorderteil bin ich etwas ins Schwitzen gekommen. Der Liebste  ist draußen verschollen. Falls ihr in Berlin und Umgebung einen Mann im schwarzen Polohemd und mit Fototasche herumirren seht, bitte gebt ihm Wasser!


Bisher fügen sich die Schnittteile prima zusammen. Da jede Naht eine Nummer hat, sieht man auch sofort, was an welches Teil gehört. Die Anleitung ist knapp, aber ausreichend, über die gängigsten Verarbeitungstechniken sollte man allerdings Bescheid wissen.

An den unteren Ecken des Krageneinsatzes habe ich zuerst eine Stütznaht genäht, knapp auf der Natzugabe - die blaue Linie ist die Nahtlinie. Beim Einsetzen wird erst die untere, waagerechte Naht genäht, dann bis zu den Ecken eingeschnitten, umgeklappt, und als nächstes die senkrechten Nähte geschlossen. Beim Absteppen rundherum war mittendrin der Unterfaden alle - alles andere hätte mich auch gewundert!

18.00 Uhr


Der Mann ist wieder zurück, dehydriert, aber unverletzt. Gerade bemerkt, dass es an der vorderen Rockbahn auch so eine Ecke mit Einschneiden und allem Pipapo gibt - und da treffen auch noch die dicke Taschenklappe und zwei Taschenbeutelteile aufeinander. Herrje. Genäht und eingeschnitten ist es - wird den Rest das Bügeln richten? Oder erstmal ein Eis?

19.45 Uhr


Der Mann wirkt apathisch, ich mache mal schnell was zu essen. Die vordere Kniffelstelle an den Taschen war gar nicht so schwierig. Und: die Bügeleinlage, die ich vor kurzem bei Yavas in Charlottenburg gekauft hatte, ist eine Wucht. Ich habe Jahre, wirklich Ja-hre meine Lebens mit Bügeln verschwendet. Bis jetzt. Denn jetzt kenne ich ja das gute Zeug. 

Ich weiß noch nicht, ob ich heute Abend weiternähe - eine Nachbarin will eventuell in ihren Geburtstag reinfeiern. Ach ja - und schaut doch mal in den vorigen Beitrag, falls ihr alte Jeans zur Weiterverwertung gebrauchen könnt.