In Berlin solls heute irre heiß werden, den Wochenendgroßeinkauf haben der Liebste und ich schon erledigt und uns mit kühlen Getränken in der Wohnung verbarrikadiert. Der Liebste überlegt noch, ob er gleich zum Fotografieren in die Hitze hinausgeht - na meinetwegen, solange ich nicht mit muss.
Auf meinem Nähtisch liegt ein ganz besonderer Schnitt, auf den ich schon ganz heiß (haha!) bin, seitdem ich die Modellzeichnung das erste Mal gesehen hatte: ein Sommerkleid aus den 1930er Jahren mit kleinen, angeschnittenen Ärmelchen mit Knöpfen, einem raffinierten Reverskragen, der aus einem viereckigen Einsatz hervorgeht, Hüftpassentaschen und einem Rock, der im Rückenteil stärker ausgestellt ist als vorne. Genauer gesagt - das hier:
Das nähe ich jetzt und versuche parallel dazu life zu bloggen, wie das
Meike immer beim Tatort macht. Mal sehen, ob ich letzlich mehr nähe oder mehr schreibe. Näht heute noch jemand anderes, oder seid ihr alle am See?
11.30 Uhr, draußen 30°, heiter; drinnen 24°, optimistisch
Also, der Schnitt: den hat eine meiner Mitbewohnerinnen in der Büroetage, die Modedesignerin ist, nach der Zeichnung oben professionell erstellt. Aus der gleichen Serie modernisierter Retroschnittmuster stammt auch das
Streifen-Trägerkleid, das Nina vor ein paar Wochen genäht hatte. Das Schnittmuster für Ninas Kleid gibts inzwischen im
Nähkontor zu kaufen, das Kleid das ich jetzt nähe, wirds dann dort auch bald geben, sobald der Schnitt optimiert ist. Meine Nachbarin Regine hatte nach der allerersten Schnittversion ein Nesselmodell angefertigt, noch ein bißchen am Design geschraubt, und mir die zweite Version zum Ausprobieren überlassen.
Die Stoffwahl fand ich nicht einfach: der Vorrat gab natürlich nichts Passendes her (bitte nicht lachen jetzt!) und natürlich findet man (also ich) auf dem Markt nichts rechtes, wenn man dringend mal etwas braucht. Ich kaufte einen geht-so-Stoff, eine Art hellblauen Oberhemdenstoff mit einer ganz schönen Webstruktur. Ich befürchte aber, dass ich in einem hellblauen Kleid wie Rotkreuzschwester Hildegard, 1932 aussehen könnte - also kurz gesagt: Kittelalarm droht - und möchte deshalb für den Oberkragen, die Belege an den Ärmeln und möglicherweise die Taschenklappen einen roten Stoff verwenden. Einen helleren oder einen dunkleren:
Ich sinniere noch ein bißchen über hell oder dunkel, während ich den Schnitt ausschneide und die blauen Teile zuschneide.
12.30 Uhr, draußen sonnig, 32°; drinnen durstig, 25°
Puh, Zuschneiden auf dem Fußboden ist
etwas mehr Bewegung, als ich mir im Moment wünschen würde. Aber welch ein Luxus, einen für die eigenen Maße optimierten Schnitt zu verwenden! Als ich das Nesselmodell anprobierte, ergaben sich nämlich zwei Änderungen gegenüber der Standard-38: ich brauche an der Brust zwei Zentimeter mehr und ein um 1,5 Zentimeter verlängertes Oberteil. Das wurde in meinen Schnitt gleich eingearbeitet, mit dem Schnittmusterprogramm ist das kein Problem. (Und ich fühle mich bestätigt: das sind genau die Zentimeter, die ich immer bei Burdaschnitten zugebe.) Einfach zuschneiden und nähen, wann hat man das schon mal.
Wie ich sehe bin ich auch nicht ganz alleine:
Catherine näht auch, wenigstens ein bißchen,
Julia winkt, und ja,
Nina, ich nehme den hellroten Stoff. Aber zuerst mach' ich mir ein Schinkenbrot.
13.45 Uhr
Der Liebste hat sich mit unbekanntem Ziel und seiner Fototasche nach draußen begeben - und ich frage mich, jetzt wo alles zugeschnitten ist, warum ich nicht den hellroten Stoff für das Kleid genommen habe. Der ist so schön, ein mattes, überhaupt nicht grelles Rot. Naja. Der Reststoff reicht vielleicht noch für ein Kleid. Manchmal bin ich schon komisch. Und fein,
Siebenhundertsachen und
Sabine nähen auch mit im virtuellen Nähkränzchen.
15.00 Uhr, draußen 32°, bewölkt; drinnen 26°, puh
Also ehrlich, bei 32° in der Wohnung wie bei
Sabine könnte ich nicht nähen! Ich überlege schon jetzt, ob einfach Herumsitzen nicht ne prima Alternative wäre. In der Zwischenzeit habe ich festgestellt, dass
- mein Bügeleisen dringend eine Reinigung vertragen könnte
- ich beim Zuschneiden eines Rockteils übersehen habe, dass die Schnittkante des Stoffes nicht ganz gerade war, nun fehlt an der Stelle ein kleines bißchen an der Saumzugabe
- der selbstgemachte Eistee aus Hagebutte-Hibiskus-Brombeerblättertee, Zitronenschale und -saft und braunem Zucker genau die gleiche Farbe hat wie der rote Stoff
Das Bild vom zusammengenähten hinteren Rockteil ist für
Yvonet: Ich glaube nämlich, dass der Rockteil und speziell die Rückenpartie ganz ähnlich ist wie bei
dem gestreiften Sommerkleid von Dolce & Gabbana, über dessen Konstruktion wir gerätselt hatten. Das Rockvorderteil ist im Prinzip ein leicht ausgestellter Rock, ganz normal im Bruch zugeschnitten, der hintere Teil besteht aus aus 5 mehr oder weniger keilförmigen Einzelteilen und ist stärker ausgestellt als das Vorderteil. Hätte ich einen Streifenstoff genommen, wäre der Streifenverlauf vermutlich ganz ähnlich wie beim D&G-Kleid. Ich werde das aber anhand der Schnittteile nochmal genauer überprüfen!
15.30 Uhr
Zuzsa näht auch! Ich habe übrigens von der Nähmaschine allerbeste Sicht auf durchtrainierte, nur halb bekleidete Männer - im angrenzenden Hof wird ein Gerüst an der Hausfassade aufgebaut. Ich schwanke zwischen Mitleid (die müssen echt arbeiten! am Samstag! bei den Temperaturen!) und Verwunderung: warum haben die alle so forschtbare Tätowierungen?
17.00 Uhr, draußen 32°, leicht bewölkt; drinnen 26°, gefühlt tropisch
Stecken, nähen, bügeln, einschneiden, stecken, nähen, bügeln, absteppen - beim viereckigen Einsatz im Vorderteil bin ich etwas ins Schwitzen gekommen. Der Liebste ist draußen verschollen. Falls ihr in Berlin und Umgebung einen Mann im schwarzen Polohemd und mit Fototasche herumirren seht, bitte gebt ihm Wasser!
Bisher fügen sich die Schnittteile prima zusammen. Da jede Naht eine Nummer hat, sieht man auch sofort, was an welches Teil gehört. Die Anleitung ist knapp, aber ausreichend, über die gängigsten Verarbeitungstechniken sollte man allerdings Bescheid wissen.
An den unteren Ecken des Krageneinsatzes habe ich zuerst eine Stütznaht genäht, knapp auf der Natzugabe - die blaue Linie ist die Nahtlinie. Beim Einsetzen wird erst die untere, waagerechte Naht genäht, dann bis zu den Ecken eingeschnitten, umgeklappt, und als nächstes die senkrechten Nähte geschlossen. Beim Absteppen rundherum war mittendrin der Unterfaden alle - alles andere hätte mich auch gewundert!
18.00 Uhr
Der Mann ist wieder zurück, dehydriert, aber unverletzt. Gerade bemerkt, dass es an der vorderen Rockbahn auch so eine Ecke mit Einschneiden und allem Pipapo gibt - und da treffen auch noch die dicke Taschenklappe und zwei Taschenbeutelteile aufeinander. Herrje. Genäht und eingeschnitten ist es - wird den Rest das Bügeln richten? Oder erstmal ein Eis?
19.45 Uhr
Der Mann wirkt apathisch, ich mache mal schnell was zu essen. Die vordere Kniffelstelle an den Taschen war gar nicht so schwierig. Und: die Bügeleinlage, die ich vor kurzem bei Yavas in Charlottenburg gekauft hatte, ist eine Wucht. Ich habe Jahre, wirklich Ja-hre meine Lebens mit Bügeln verschwendet. Bis jetzt. Denn jetzt kenne ich ja das gute Zeug.
Ich weiß noch nicht, ob ich heute Abend weiternähe - eine Nachbarin will eventuell in ihren Geburtstag reinfeiern. Ach ja - und schaut doch mal
in den vorigen Beitrag, falls ihr alte Jeans zur Weiterverwertung gebrauchen könnt.