Mittwoch, 8. Oktober 2014

Riesenaufwand - geringe Wirkung. Pseudo-Wickelrock (130 aus Burdastyle 8/2013)


Jede Selbermacherin kennt das: es gibt Projekte, die sehen in der Vorstellung erheblich besser und raffinierter aus als das tatsächliche Ergebnis. Der Rock den ich hier zum Me made Mittwoch trage, Nummer 130 aus Burdastyle 8/2013 ist so ein Kandidat. Auf den Schnitt hatte ich schon ein Auge geworfen, als das Heft herauskam, und ich hatte mir im August 2013 sogar schon Stoff zurechtgelegt, schwarzen Wollstoff mit eingewebten wollweißen Streifen.  


Der Rock ist ein Wickelrock mit festgenähtem Untertritt und einem schräg verlaufenden, verdeckten Reißverschluss vorne. Ich stellte mir vor - Denkfehler Nummer 1 - dass der gestreifte Stoff im Zusammenhang mit der schrägen Öffnung einen raffinierten Effekt ergeben würde. Aber weit gefehlt: der Fadenlauf der Rockteile verläuft (natürlich) immer senkrecht, da ergibt sich also gar nichts mit den Streifen. Im Grunde kann man die übereinander geschlagenen Vorderteile auf dem Foto kaum erkennen, und die waagerecht verlaufenden Streifen des Bundes (die auch an den Seitennähten zusammentreffen) zeigen zwar an, dass ich sorgfältig zugeschnitten habe, tragen aber ansonsten nichts zum Gesamteindruck bei. 


Die Rückenansicht mit den Leistentaschen finde ich ganz gelungen, allerdings teilte mir eine  Schreibtischnachbarin gleich beim ersten Ausführen des Rockes mit, sie finde solche Taschen im Rückenteil von Röcken "blöd". Aha.

Meinen zweiten Denkfehler erkennt man glücklicherweise nur, wenn der Rock wie oben auf dem Bügel hängt und wenn man die Schnittzeichnung kennt: das beim Draufschauen rechte Vorderteil ist einen Tick länger als das linke. Ich hätte den Reißverschluss noch etwas schräger festnähen müssen (dann wären die Vorderteile am Saum gleich lang), aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass der untere Knopf wohl nicht auf dem Bund, sondern knapp darunter angenäht werden soll. Wenn man der Schnittzeichnung glauben mag, sollen die Vorderteile wohl noch mehr gegeneinander verschoben sein als bei mir.  


Damit kommen wir zu den Denkfehlern 3 bis 25, der nicht ausgereiften Anleitung oder meinem Unvermögen, sie zu verstehen. Normalerweise habe ich ja wenig Schwierigkeiten mit der Burda-Anleitungssprache - bei diesem Teil war ich kurz davor, die Burda-Nähtechnikberatung anzurufen und wurde nur durch deren ungünstigen Öffnungszeiten abgehalten, die nicht mit meiner Freizeit kompatibel sind.

Aus unerfindlichen Gründen verlangt die Anleitung einen teilbaren Reißverschluss, obwohl die beiden Rockteile unter dem Reißverschluss (allerdings mit einer Lücke von ein paar Zentimetern) aufeinander genäht werden. Ich durchschaute die Sache nicht ganz, fuhr extra nach Charlottenburg, um einen feinen, teilbaren Plastikreißverschluss zu kaufen (beim Reißverschlussspezialisten hier in der Großstadt kein Problem, aber ich möchte nicht wissen, was man woanders anstellen muss), und dann fiel mir beim Nähen auf, dass es ein normaler auch getan hätte. Die Vorderteile liegen einfach ein Stück übereinander, an der der einen Kante ist der Reißer, am Untertritt gibt es ein Knopfloch und einen Gegenknopf am Bund. So einfach, so unkompliziert.

   

Die Anleitung für die Taschen in der Seitennaht (von denen ich kein gescheites Bild habe) fand ich komplett unverständlich. Für den vorderen Tascheneingriff gibt es einen Beleg, der anscheinend offenkantig aufgesteppt werden soll. Das ergab für mich keinen Sinn, wie das ganze laut Anleitung mit dem vorderen Taschenbeutel verbunden werden sollte, war mir auch komplett unklar, so dass ich die Taschen nach dem allgemeinen Verfahren für Seitennahttaschen nähte.



Die angeschnittenen Belege an dem Vorderkanten muss man auf jeden Fall mit ein paar Handstichen fixieren, sonst wurschteln sie sich nach vorne raus. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich an den Ecken, wo Saum und Belege zusammentreffen, Briefecken genäht.

Ihr seht also: alles ein bißchen suboptimal. Ich werde den Rock zwar sicher regelmäßig tragen - so schlecht finde ich ihn auch nicht - aber ich hatte mir am Anfang mehr davon versprochen. Und falls ihr Modell 130 aus der Septemberburda 2013 noch auf der Nähliste habt, überlegt es euch lieber noch einmal.

Hier alle Schnitte:
Rock 130 aus Burdastyle 9/2013
Strickjacke mit Schleifenmuster aus Baby Merino nach eigenem Schnitt 
langes Tshirt: auch von Burda
Schal: handgenäht aus alten Tshirts und Jerseyresten

Alle Beiträge zum Me made Mittwoch mit dem neuen Teammitglied Katharina als Gastgeberin finden sich hier.

Montag, 6. Oktober 2014

Gestrickte Herausforderung (und eine kurze Anmerkung zur Brigitte-DIY-Debatte)


Von Zeit zu Zeit mag ich beim Stricken die technische Herausforderung. Auf die Entwürfe Kieran Foleys  wurde ich, wie könnte es anders sein, beim Blättern durch ravelry aufmerksam. Er entwirft Ajour- und Fair-Isle-Muster, oft in Kombination, die schon auf den ersten Blick sehr aus dem üblichen Stricktücher-Einerlei herausstechen. Es gibt Lochmuster mit extremen Verästelungen, es gibt Ajourschals, die wie ein Bild auf ganzer Fläche gestaltet sind, es gibt patchworkartig bunte Tücher mit einem Dutzend Farben (bei denen ich mich frage, ob man zum Schluss Dutzende Fäden vernähen muss). Nicht, dass ich alles unbedingt selbst tragen wollen würde, aber mich reizt die Technik, das Ungewohnte.


Der Schal auf den Fotos ist Kieran Foleys Schal Fleece, den es kostenlos bei knitty gibt. Das Muster enthält extreme Zu- und Abnahmen, aus drei Maschen werden in der folgenden Reihe fünfzehn oder umgekehrt. Dadurch entstehen nicht nur extreme Zacken, das Gestrickte bekommt teils eine noppige Struktur, die sich mit durchbrochenen Partien abwechselt. Diese Erweiterung des Maschenrepertoires ist nicht nur interessant (und manchmal anstrengend) zu stricken, das sieht auch interessant aus.


Ich verwendete Delight von Drops in den Farben 04, 08, 09 und 14 und verstrickte es mit Nadelstärke 5., ganz locker, denn anders lassen sich die Zu- und Abnahmen nicht bewältigen. Das Garn hat eine nette handgesponnen-Optik mit dickeren und dünneren Partien, die gut zum Muster passt.


Das Muster (genauer gesagt handelt es sich um zwei verschiedene Mustersätze, die frei kombiniert werden können) konnte ich nach kurzer Zeit auswendig, und es gefällt mir so gut, dass ich mir gerne noch einen einfarbigen Schal stricken würde. Das Stricken geht allerdings ganz schön auf die Handgelenke.


Übrigens: Der Designer Kieran Foley ist ein Mann. Und er strickt, entwirft Strickmuster, verkauft sie  im Internet und bloggt auch noch darüber, wahrscheinlich aus reiner Geltungsbedürftigkeit. Wäre er doch Pilot geworden, oder Verleger, anstatt Strickmuster zu publizieren! Aber vielleicht ist er zu oft durch Prüfungen gefallen und hatte nicht den Mumm, wieder aufzustehen, zu kämpfen und sich anzustrengen und zog sich lieber in seine alpakaweiche Privatheit zurück... Ihr findet solche Spekulationen seltsam? Ja, ich auch - aber nach diesem sehr polemischen Kommentar zu DIY-Blogs bei Brigitte wollte ich diese Argumentation zur Abwechslung mal auf einen handarbeitenden Mann anwenden.

Sachlich und argumentativ hat sich im Gegensatz zu mir Bestrickend umgarnt mit dem Artikel auseinander gesetzt, und ich stimme ihr in allem zu. Ich bin diese häufig wiederkehrenden Feminismus-vs-DIY-Debatten auch ein bißchen leid. Klar, ich kenne auch Bastelblogs, bei denen mir graut, ich schüttele innerlich den Kopf über akademisch gebildete Frauen, die nur noch schlimmen Mutti-Kitsch posten, finde den verzuckerten Familienkult furchtbar, das Freundinnen-Cliquenwesen in manchen Blogs infantil - aber ich würde jede Wette eingehen, dass Blogs zu typischen Männerhobbies wie, sagen wir, Autotuning, im Durchschnitt weder intellektuell anspruchvoller noch geschmackvoller angelegt sind.

Bei den öffentlichen Debatten - und auch bei dem verlinkten Brigitte-Artikel - wundert mich das geringe Reflexionsvermögen, das regelmäßig bei der Handarbeiten-und-Blog-Kritik aus feministischer Perspektive sichtbar wird. Wenn ein Mädchen Kampfsport lernt, ist das super, lernt sie Ballett ist ein Rückschritt? Bedeutet das nicht, männlich konnotierte Tätigkeiten von vorneherein höher einzuschätzen als alles, was in unserer Kultur als "weiblich" gilt und damit genau die Wertehierarchie zu bestätigen, die man eigentlich ablehnt?

Ich fände es durchaus legitim, mal darüber zu diskutieren, woran es liegt, dass gut ausgebildete Frauen es zum Teil attraktiver finden, sich eine Selbständigkeit auf der Basis von Basteleien aufzubauen (zugespitzt gesagt), als in ihrem Beruf zu arbeiten. Aber Schubladendenken und das Abwerten von Lebensentwürfen, die nicht in ein bestimmtes ideologisches Raster passen, bringt uns nicht weiter.

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Mein später Einstieg in den Hosen-Herbst und Wissenssammlung Nähtechniken bei Crafteln

Im Blog von Frau Crafteln läuft ja im Moment der Hosen-Herbst, ein Hosen-Sewalong ohne Terminstress, da jede in ihrem eigenen Tempo näht. Die Blogbeiträge der Mitnäherinnen zu Hosenschnitten, Passform und Verarbeitung werden jeweils am Monatsanfang und -ende gesammelt, so dass eine große Wissenssammlung zum Thema Hosen und Hosennähen entsteht, auf die man später immer wieder zurückgreifen kann.

Im Oktober gehts um die kniffeligen Details beim Hosennähen, und dazu hatte mich Frau Crafteln eingeladen, einen Gastbeitrag zu schreiben. Ich habe eine Menge Tutorials über Hosenreißverschlüsse, Taschen und so weiter zusammengetragen, ihr findet den Beitrag hier im Crafteln-Blog.


Parallel dachte ich natürlich über eigene Hosen-Projekte nach, ich verharre also seit mehreren Wochen beim Hosen-Herbst-Thema I, "Hosenformen, Hosenmoden, Hosenschnitte". Wenn ich mich richtig erinnere, nähte ich meine letzte Hose 2006 oder 2007, eine Hose aus dieser Zeit lebt sogar noch und ich ziehe sie auch noch gerne an. Obwohl ich mir in den letzten Jahren immer wieder vornahm, auch mal eine Hose zu nähen, kam es nie dazu. Rock- und -Kleidprojekte und was man sonst noch so nähen kann, schoben sich immer dazwischen, waren schneller abzuschließen, schienen interessanter, bunter und spaßiger. Hosennähen ist wirklich echte Brot- und Butternäherei, wie es Mema so passend formulierte.

Gestern kaufte ich immerhin schon mal Cord für eine Hose und ich bin fest entschlossen, jetzt aber wirklich (wirklich!!) das Hosen-Projekt in Angriff zu nehmen. Vielleicht kann ich für den November zum Thema Hosen-Passform II hier sogar schon erste Ergebnisse zeigen.

(Und fast hätte ich gar keinen Stoff gekauft! Vormittags fuhr ich mit Lotti recht spontan zu HüCo und wir streiften durch einen ganze Fabriketage voller Stoffe, nahmen aber nur ein paar Garnrollen (Lotti) bzw. nichts mit (ich). Ich suche immer noch nach einem Stoff für meine Partnerin für die Stoffwechsel-Aktion, habe eine ziemlich genaue Vorstellung im Kopf, was passen könnte, und das blockiert mich wohl ein bißchen.

Danach waren wir schnell noch auf dem Markt, wo sich wie zu erwarten auch nichts für Stoffwechsel fand. Aber ich suchte ja außerdem auch noch Cord für eine Hose. An einem Stand mit großer Cordauswahl (schwarz, grau, verschiedene Brauntöne) konnte ich mich erst nicht für einen entscheiden und war kurz davor, es sein zu lassen, aber der Gedanke daran, dass ich an dem Tag schon durch 1000 Quadratmeter voller Stoffe gelatscht war, ließ mich pflichtbewusst werden. Ein Ergebnis der Shoppinganstrengungen musste her, und so nahm ich dann den dunkelbraunen.)

Sonntag, 28. September 2014

Stoffspielerei im September: Zeigt her eure Nähfüße - der Säumerfuß

Was mich betrifft könnte das Motto der Stoffspielerei im September auch lauten: Der Nähfuß - das unbekannte Wesen, denn ich habe bei allen meinen Nähmaschinen bisher immer nur drei Nähfüße genutzt: den Standardnähfuß, den Reißverschlussfuß und den Knopflochfuß. Aber in den mitgelieferten Zubehörkästchen liegen ja noch andere Füße mit mir unbekanntem Zweck. Griseldas Aufgabenstellung - unbekannte Nähfüße benutzen und herausfinden, was man damit machen kann oder Lieblingsnähfüße vorstellen - zwingt mich daher mit sanftem Druck, mich überhaupt mal diesen Maschinenteilen zu beschäftigen.

Ich muss aber gleich beichten, dass ich den interessantesten Nähfuß noch nicht ausprobieren konnte, da die Kabel der Gritzner von 1957 derartig mürbe sind, dass ich sie erst austauschen muss, was ich wusste, aber verdrängt hatte. Sobald die Maschine gefahrlos benutzt werden kann, werde ich mich mit dem Applikationsfuß und dem Lochstickereiapparat beschäftigen.

Aber an Nähmaschinen ist hier ja kein Mangel. Deshalb wandte ich mich meiner Hauptnähmaschine zu, einem mechanischen No-Name-Modell ("Royal 2116") von 1990, dessen Bauweise den Singer-Maschinen aus der gleichen Zeit ähnelt. Die Maschine war damals nicht teuer, was bedeutet, dass nicht viel Zubehör dabei ist: Neben Standard-, Knopfloch- und Reißverschlussfuß gibt es nur einen Säumerfuß (auch Rollsaumfuß genannt) und einen Blindsaumfuß. Mit dem Blindsaumfuß (rechts) beschäftigte ich mich nicht, denn unsichtbare Säume habe ich wahrscheinlch schneller und besser mit der Hand genäht, als dieser Fuß auch nur richtig eingestellt ist.


Der Fuß für schmale Säume könnte eine große Arbeitserleichterung sein, wenn's denn funktioniert. Normalerweise nähe ich schmale Säume in zwei Touren: Saum einmal umbügeln, knapp am Bruch entlangsteppen, Stoff entlang der Steppnaht knapp abschneiden, die Kante noch einmal einschlagen, bügeln und noch einmal durchsteppen.


Mit dem Säumerfuß soll das mit einer einzigen Naht gehen - die Stoffkante läuft in eine kleine Schnecke hinein, wird dadurch zweifach umgeschlagen und anschließend festgesteppt. Am Nahtanfang schlägt man am besten den Saum zweifach ein, näht den Anfang fest und benutzt diesen Anfangsfaden, um die eingefaltete Stoffkante in die Schnecke einzuziehen.

Bei den ersten Versuchen mit dünnem Baumwollstoff sah das regelmäßig so aus:


Nach einem guten Anfang hatte der Stoff eine Tendenz, beim Nähen nach links abzuhauen, dann stimmte der Abstand nicht mehr und die Kante wurde nur noch einfach eingeschlagen. Ich las dann bei The sewing loft nach - die Seite hatte Griselda vor zwei Wochen verlinkt, und da stand: erst bügeln.  


Ich bügelte also den Saum erst zweifach schmal um, sicherte den Anfang, fädelte ihn in den Fuß ein und siehe da: der schmale Saum näht sich so völlig problemlos in Nullkommanix, nicht nur erheblich schneller als mit der Zwei-Naht-Methode, sondern auch viel schöner.

Fazit: Fuß bezwungen, viel gelernt, Näherin überzeugt - ich könnte jetzt kilometerweise Dinge schmal säumen. Prima.

Griselda hat sich auch den Rollsaumfuß vorgenommen, schreibt noch eine Menge erhellende Dinge mehr (z. B. wie man Ecken verarbeitet) und sammelt außerdem die anderen Beiträge zur Stoffspielerei. Vor allem vielen Dank für die Idee - ohne diesen Anstoß hätte ich die Füße nie zur Hand genommen.

Freitag, 26. September 2014

Wochenrückblick: Herbstjacken-Sewalong, den Warenkorb selber nähen, Fotografie und neue Schnitte


Der Wochenrückblick kommt heute mit einer Sonderausgabe "Streetart in Lyon". Ich versuche, mir das Urlaubsgefühl noch eine Woche länger zu erhalten, aber es nieselt wie im November, ist kalt und ungemütlich: Sofawetter.

Neulich auf dem Weg zu einer Abendveranstaltung war es um kurz nach sieben zu meiner Überraschung schon dunkel, als ich aus der U-Bahn kam. Eine dunkle Straße entlangzulaufen, entlang beleuchteter Ladenzeilen, das verbindet sich für mich mit der Vorweihnachtszeit. Jedes leuchtende Schaufenster ein Türchen im Adventskalender, ein Stillleben oder eine kleine, zufällige Szene im Guckkasten. Es ist schwer, sich damit abzufinden, dass es jetzt erstmal nicht mehr heller und wärmer wird.

Und damit kommen wir zu den Links der Woche: Mäntel sind ja auch bald wieder von Nöten, und so kam die Frage auf, ob es dieses Jahr wieder einen Mantel-Sewalong gibt. Dankenswerterweise nehmen sich Dreikah und Chrissy des Problems an und veranstalten gemeinsam einen Herbstjacken-Sewalong. Der Zeitplan findet sich hier.

Wusstet ihr, dass man Baumwollstoffe selbst wachsen kann, so dass sie wasserabweisend werden? Ich bisher nicht, daher las ich mit großer Faszination und einem freudig-kribbeligen Gefühl ob der neuen Möglichkeiten von Sinjes Erfahrungen beim Wachsen von Baumwollköper. Da ich knistrige Plastik-"Funktionsjacken" hasse wie eine Verrückte, aber gleichwohl ab und zu einigermaßen wetterfeste Kleidung brauche, sehe ich eine Lösung aller meiner Outdoorbekleidungsprobleme!

Ist es möglich, sich die gesamte Wintergarderobe selbst anzufertigen? Ella möchte dies probieren und näht ihren Warenkorb jetzt selbst. Ihr pragmatischer Ansatz - feststellen, was fehlt, Stoffe und Schnitte zusammenstellen, mehrere Teile nach einem Schnitt nähen - hat mich begeistert, denn ich gehe im Gegensatz dazu oft so vor, dass ich Schnitte nähe, die mich aufgrund von Details, technischen Schwierigkeiten oder aus anderen Gründen reizen, ich nähe Kompliziertes, während mir das Einfache fehlt. Ich bin gespannt auf die Entwicklung ihrer Wintergarderobenmission und legen allen Nähanfängerinnen außerdem ihren Mutmach-Post ans Herz: Nähen kann man lernen, probiert es aus!

Das fertige Werk muss dann ja auch standesgemäß fotografiert werden - ein kostenloses E-Book im Blog von Bonprix (huch!) gibt einige Tipps, teils banal, teils wirklich nützlich. (via @kwerfeldein

Schnittmusterparade


Die neuen Schnittmuster der letzten Woche: Bei Sew Over it kam eine eine Schluppenbluse namens Pussy heraus, die "Pussy Bow Blouse" (was für ein blöder Name auf Deutsch), eine abnäherlose, langärmelige Bluse mit zwei Ausschnittvarianten. 

Eine Neuentdeckung sind für mich die Schnittmusterpakete von Pattern Anthology. Unter diesem Namen vermarkten vier Schnittmusterdesignerin ihre Entwürfe gemeinsam. So ein Paket von meist vier aufeinander abgestimmten Schnitten ist jeweils 14 Tage zu einem günstigen Preis erhältlich, danach kann man die Schnitte noch einzeln von den Designerinnen direkt bekommen. Bisher erschienen vor allem Schnitte für Kindersachen, das neueste Paket "8 Days a Week" bietet eine Art Grundgarderobe für Damen und besteht aus Jerseyhosen, einem Kleid, einer Jacke und einem T-Shirt. 

Donnerstag, 25. September 2014

Ein Dirndl in Preußen: Das Mieder

"Was wurde eigentlich aus dem preußischen Dirndl?" mögen sich aufmerksame Leserinnen und Leser fragen. "Hatte Lucy nicht von großen Plänen berichtet und Stoff gezeigt? Und dann nichts mehr? Aha!" Also liebe Leserinnen und Leser, nach einigen Startschwierigkeiten ist das Dirndlmieder fertig und ich bin gespannt, ob es den Weg in den Alltags-Kleiderschrank findet.


Ich finde das Tragegefühl sehr ungewohnt, aber interessant. Das Mieder umschließt den Körper wie eine leichte Umarmung, es sitzt eng, aber nicht einengend. Es gibt Form, stellt eine strukturierte äußere Hülle her, die ich ausfülle. Ich habe noch nicht ausprobiert, wie es ist, den ganzen Tag darin zu stecken, ob es an einem normalen Tag zwischen Schreibtisch und Staubsauger nicht doch nervt. Oder ob so eine strukturierte Kleidung zu mehr Struktur führt: vielleicht ist es ja ein Unterschied, ob ich wie jetzt in einer labberigen Baumwollstrickjacke am Schreibtisch sitze, oder ob ich das Mieder anziehe. Das Außen und Innen stehen im allgemeinen ja in einer Wechselbeziehung zueinander, sagt man.

Auch das Nähen fand ich spannend und ungewohnt: Der Schnitt 118 aus Burda 9/2011 hat sehr große Ähnlichkeit mit einem historischen Mieder- oder Korsettschnitt und es ist faszinierend, was für ein plastisches, dreidimensionales Gebilde aus den zweimal sechs Schnittteilen entsteht. Der Beginn des Projekts fiel allerdings mit einer Phase größter Unkonzentriertheit zusammen, was zu allerlei selbstgemachten Problemen bei der Umsetzung führte (so ist DIY: sogar die Probleme werden selbst gemacht!).


Ich hatte ja einen dunkelgrauen Wollstoff mit eingewebten Streifen vorgesehen  und dachte es mir schön, wenn die Streifen der Seitenteile an der Naht schräg aufeinander treffen würden. Den Streifenverlauf bei den anderen Teilen konnte ich mir nicht richtig vorstellen, daher wollte ich das vor dem Zuschneiden testen. Mit ziemlich häßlichem gestreiften Geschenkpapier. Was soll ich sagen: vier Mal schnitt ich eines oder mehrere Schnittteile falsch aus. Zweimal lag die weiße Rückseite oben, ein Teil schnitt ich spiegelverkehrt aus, so dass es nicht zu den anderen passte, und beim allerletzten Versuch (im Bild) schnitt ich zweimal dasselbe Seitenteil zu.   

Immer noch falsch: zweimal dasselbe Seitenteil ausgeschnitten.
Ich entschied dann, dass der obige Test reichen muss, um festzustellen, dass die schrägen Streifen an der Seite großartig aussehen würden! Damit die Streifen an den Seitennähten wirklich zusammenträfen, zeichnete ich den Verlauf auf den Folienschnittteilen ein. Einmal wars verkehrt, aber das merkte ich glücklicherweise, ehe es an den richtigen Stoff ging. An dem Probeteil aus alter Bettwäsche änderte ich ein bißchen herum: nahm in der Taille im Rücken noch etwas weg, setzte den Ausschnitt 1 cm höher und die Träger 1 cm nach innen.

Beim Zuschnitt des richtigen Stoffs dachte ich dann nicht an die extragroßen Nahtzugaben an den Seitennähten, die nötig sind, um das Oberteil wie ein klassisches Dirndl zu verarbeiten, bei dem die Weite leicht geändert werden kann, so wie hier,  also eine kurzfristige Änderung der Pläne: ich würde sämtliche Nähte bei Außenstoff und Futter separat steppen und dann Stoff und Futter links auf links legen.


Die offenen Kanten am Ausschnitt und an den Armausschnitten versäuberte ich dann mit Schrägband: rechts auf rechts angenäht, nach innen umgeklappt und von Hand anstaffiert. Anders als bei einem traditionellen Dirndl gibts keine Paspeln am Ausschnitt und in den Teilungsnähten und schon gar keine Verzierungen, ich möchte das Mieder so schlicht wie möglich halten. Der Oberstoff ist komplett mit Klebebatist verstärkt und gibt im Gegensatz zum Probeteil nicht ein bißchen nach. Daher musste ich an den vorderen Teilungsnähten wieder ein bißchen herauslassen, was den sorgfältig ausgeklügelten Streifenverlauf zerstörte.  


Paspelknopflöcher fand ich für so eine Mieder-Weste-Chimäre passend. Ich schob das Nähen zwei Wochen heraus, obwohl es mit dieser Anleitung wirklich einfach ist. Es kommt nur auf das sorgfältige Markieren der Platzierung und der Länge an, das ist alles.


Die Knöpfe stammen vom Flohmarkt, es sind recht alte, halbkugelige Metallknöpfe, schon benutzt, einer ein bißchen eingedellt, die gut zu dem historischen Flair dieses Schnittes passen. Und diesem historischen Flair - das ich mir möglicherweise nur einbilde - möchte ich auch beim Rock treu bleiben: es wird ein gestiftelter Rock aus zwei geraden Stoffbahnen. Bisher war ich mir noch nicht sicher, ob ich nicht doch einen "vorteilhafteren", weil um die Hüften weniger voluminösen Bahnenrock nähe, aber jetzt habe ich sozusagen Blut geleckt: ich möchte wissen, wie ein gestiftelter Rock aussieht, wie er sich trägt, wie er sich anfühlt.

Die anderen Teilnehmerinnen des großartigen Dirndl-sewalongs von Julia haben längst die Ziellinie überschritten - hier geht es in meinem eigenen Tempo weiter. Wer hätte denn gedacht, dass die Dirndlnäherei gleich so ein Selbsterfahrungstrip wird!