Mittwoch, 12. April 2017

La isla bonita - Isla Trench Coat von namedclothing


Es gibt Nähprojekte, die sind so zeitaufwendig, dass ich erst mal einige Zeit Abstand von ihnen brauche, ehe ich sie anziehen kann, scheint mir. Der Trenchcoat nach dem Schnittmuster Isla von namedclothing hing über ein Jahr ohne Knöpfe und Knopflöcher an wechselnden Stellen der Wohnung und nervte den Liebsten, ehe ich vor zwei Wochen, am Abend vor der Abreise nach Köln, endlich noch einmal den Schnitt hervorholte, die Position der Knopflöcher markierte und die Knopflöcher nähte. Die Reise konnte ich dann mit Mantel antreten, aber es war knapp. Die richtige Übergangsjahreszeit im Frühjahr oder Herbst, in der ein Trenchcoat zur Temperatur passt, hatte ich ja schon zwei Mal verpasst.  


Begonnen hatte ich mit dem Mantel bei der Annäherung, dem großen Nähtreffen in Bielefeld im Januar 2016. Der Schnitt ist sehr gut geeignet für ein Nähtreffen, weil er sehr aufwendig ist, mit vielen Details. Den ersten Abend verstürzte ich nur einen Berg Stoffstreifen in unterschiedlichen Breiten, die Ärmelriegel, Kragenriegel, Gürtel und Gürtelschlaufen werden sollten und steppte sie ab. Solche Arbeiten, bei denen man ewig näht, aber keine Fortschritte sieht, muss ich mir zuhause immer erst schmackhaft machen.


Am nächsten Tag nähte ich ziemlich stur die großen Teile zusammen und schaute nicht rechts und nicht links und probierte vor allem nichts an. Die Mitglieder meiner Trenchcoatselbsthilfegruppe, mir immer ein paar Nähte voraus, hatten scheinbar ein Passformproblem bei dem Schnitt aufgedeckt: Viel zu enge Ärmel und Schultern. Ich wollte das nach den Kilometern an verstürzten Streifen vom Vortag lieber gar nicht so genau wissen und versuchte, die Katastrophenmeldungen links von mir zu überhören.


Ziemlich spät am Samstag Abend stellte sich heraus, dass das Passformproblem in Wirklichkeit ein Schnitt-Skalierungs-Problem beim Ausdrucken war, und ich traute mich, den noch futterlosen Mantel überzuwerfen: Er passte, genauso wie mein Kontrollkästchen auf den Schnittmuster.




Nach dem Nähtreffen verstürzte ich noch das Futter, und das war alles, was für sehr lange Zeit passierte. Die Selbsthilfegruppe, alias Claudia und Sybille, hatte ihre Mäntel längst fertig und schon jeweils einen zweiten genäht - Sybilles Mäntel sieht man hier, Claudia hatte aus dem Schnitt zuletzt einen leichten Wintermantel gemacht, den Annäherungs-Mantel hatte sie gar nicht gebloggt, glaube ich.


Ich bin jetzt sehr zufrieden mit meinem Mantel, den ich in Originallänge gelassen habe.


Das Schnittmuster ist so gut, wie man es von namedclothing gewöhnt ist. Besonders der separate Futterschnitt hat mich begeistert, er war nämlich wirklich so konstruiert, dass das gesamte Futter, sogar am Rückenschlitz, verstürzt werden konnte. Als ich Außenmantel und Futter dann durch einen kleinen Lücke am Vorderteilbeleg auseinanderzog und alles, wirklich alles passte und der Saum nirgends hochgezogen wurde, konnte ich es kaum glauben.




Von anderen Schnittherstellern kenne ich Futterschnitte, die nur so ungefähr passen, oder die man - abzüglich Belege, plus Bewegungsfalte im Rückenteil - aus den Schnittteilen des Oberstoffs selbst erstellen muss. Das hat bei mir immer nur mittelmäßig geklappt, so dass ich Mantelfutter meistens mit der Hand einnähe. Namedclothing zeigt, dass es besser geht.


Das Tragegefühl des Mantels ist wirklich gut, er ist zwar weit, so wie Trenchcoats eben geschnitten sind, aber nicht unförmig. Besonders die Schultern passen sehr gut und sind nicht überschnitten.


Darunter trug ich am Foto-Tag einen anderen Schnitt von namedclothing, den ich mittlerweile, obwohl ungewohnt, auch sehr mag, das Wenona-Kleid, das ich dieses Jahr bei der Annäherung genäht und sogar komplett fertig bekommen hatte - hier war schon die Rede davon.

Mehr selbstgemachte Kleidung gibt es wie immer Mittwochs beim MeMadeMittwoch zu sehen.

Zusammenfassung

Schnittmuster: Isla Trench Coat, namedclothing
Stoff: Knapp 4 m kräftiger Baumwollsatin mit etwas Elasthan in olivgrün, schwarzes Viskosefutter
Genähte Größe: 40
Änderungen: Im Vorderteil nur 10 Knöpfe anstatt 12 - das unterste Paar wäre für meinen Geschmack zu weit unten gewesen, daher habe ich es weggelassen.

Sonntag, 9. April 2017

Wie funktioniert eine Brennprobe?

Wenn die Materialzusammensetzung eines Stoffes unklar ist, kann oft eine Brennprobe verraten, ob es sich um Naturfasern pflanzlichen oder tierischen Ursprungs oder um eine Kunstfaser handelt. Gerade eben hatte ich so einen Fall: Ich habe einen Stoff vom Maybachmarkt vorgewaschen und zugeschnitten, der schon seit 2010 im Schrank liegt. Wie auf dem Markt üblich, wurde er ohne einen Hinweis auf das Material verkauft -  man muss sich auf Augen und Hände und auf die Erfahrung verlassen, um einzuschätzen, ob ein Stoff etwas taugt.


Der Stoff hat einen leichten Glanz und knittert leicht und sehr ausdrucksstark, vor allem in Längsrichtung. Die Richtung der Knitter hängt möglicherweise mit der Webart zusammen: Die Schussfäden (quer zur Stoffbreite) sind erheblich dicker als die längs verlaufenden Kettfäden. Weil die feinen Kettfäden schwarz sind und die Schussfäden grau, changiert die Farbe des Stoffes etwas zwischen schwarz und grau.

Meine Vermutung beim Kauf des Stoffes war, dass es sich um eine Mischung mit Leinen und/oder Viskose handelt. Wenn ein Stoff deutlich knittert, dann liegt nahe, dass es sich um eine Zellulosefaser handelt - aber ehrlich gesagt hätte ich keine Wetten abgeschlossen, denn die Textilindustrie ist mittlerweile sehr geschickt darin, die Merkmale aller möglichen Naturmaterialien zu imitieren. Ich habe also meinen eigenen Rat aus dem Materiallexikon "Stoff und Faden" befolgt, und eine Brennprobe gemacht, und anschließend noch eine Reißprobe, um das Material weiter einzugrenzen.


Für die Brennprobe habe ich erstmal ein Stück Stoff auseinandergenommen und säuberlich in Schuss- und Kettfäden getrennt - wenn beides so offensichtlich unterschiedlich ist, sollte man die Fäden getrennt verbrennen. Ein Fadenbündel über einer feuerfesten Unterlage in die Nähe der Flamme halten und beobachten, was passiert.


(Hier wurde es kompliziert: Fäden halten und gleichzeitig fotografieren ist nicht optimal.)
Das sind die feinen, schwarzen Kettfäden. Sie entzünden sich nur schwer, praktisch gar nicht, stattdessen schmelzen sie zusammen, von der Flamme weg, und bilden einen glänzenden schwarzen Tropfen, der an der Pinzette klebt und der hart wird, wenn er abgekühlt ist.


Die dicken, grauen Schussfäden fangen sehr schnell Feuer und brennen schnell ab, mit einer  Flamme ähnlich wie bei einem Streichholz. Die Überreste der Fäden glühen, ehe sie zu weißer Asche zerfallen.

 
Das blieb übrig: Ein harter, schwarzer Klumpen bei den Kettfäden und etwas helle, sehr leichte Asche bei den Schussfäden.

Die Diagnose


Was hat das Brennverhalten nun zu bedeuten?

Die dicken Schussfäden bestehen aus einer Zellulosefaser wie Baumwolle, Leinen oder Viskose. Sie geraten schnell und einfach in Brand und brennen wie Holz oder wie Papier, die ebenfalls aus Zellulose bestehen. Charakteristisch für Zellulosefasern ist, dass sie sehr schnell verbrennen und dass kaum Asche übrigbleibt.

Die feinen Kettfäden schmelzen, das heißt sie bestehen aus einer Chemiefaser. In Frage kommen Acetat, Acryl, Polyamid und Polyester. Da die schwarzen Fäden nach meinem Eindruck nicht einmal brennen wollten, wenn ich sie direkt in die Flamme hielt, und weil der Brennrückstand hart und glänzend ist, tippe ich beim Material der Kettfäden auf Polyamid.  

Der Stoff besteht also auf jeden Fall aus einer Chemiefaser-Zellulosefasermischung. Da sich Baumwolle, Leinen und Viskose beim Verbrennen nicht unterscheiden lassen, habe ich eine Reißprobe mit den dicken grauen Schussfäden angeschlossen, um etwas einzugrenzen, um welche Zellulosefaser es sich handeln könnte.

Die Reißprobe zur Feindiagnose


Für die Reißprobe habe ich längere Schussfäden aus dem Stoff herausgezogen und verglichen, wie leicht oder wie schwer sie sich im trockenen und im nassen Zustand reißen lassen. Baumwolle und besonders Leinen werden nämlich reißfester, wenn sie nass sind, während sich Viskose im nassen Zustand viel leichter reißen lässt als im trockenen.


Der naturwissenschaftliche Hintergrund für diese unterschiedlichen Eigenschaften liegt an der Herkunft von Baumwolle und Leinen auf der einen und Viskose auf der anderen Seite. Baumwolle und Leinen sind gewachsene Fasern. Baumwollfasern sind die Samenhaare der Baumwollkapsel, Leinenfasern sind Fasern aus der Rindenschicht des Stengels der Leins oder Flachses. Die Fasern bestehen also im Grunde aus vollkommen intakten Zellen - und wenn deren Zellwände durch Feuchtigkeit aufquellen, werden sie nur noch fester.

Viskose hingegen besteht aus Zellulose, die aus Holz gewonnen wird, zum Beispiel aus Fichte oder Eukalyptus, manchmal auch aus Bambus oder aus Resten aus der Baumwollverarbeitung. Die Zellulose muss in einem mehrstufigen Prozess von den anderen Bestandteilen des Holzes getrennt und in eine dickflüssige Form überführt werden, damit sie versponnen werden kann. Nach dem Spinnen verfestigt sich die Masse wieder. Sehr vereinfacht gesagt, wird bei Viskose ein Brei aus lauter zerschredderten Zellbestandteilen zu einem Faden versponnen, der einfach nicht besonders stabil ist, wenn er nass wird.

Wenn man Fäden teilweise anfeuchtet und beobachtet, ob sie an einer nassen oder einer trockenen Stelle reißen, kann man Viskose von Baumwolle und Leinen unterscheiden. Die Fäden meines Stoffes rissen an den trockenen Stellen - wobei dieser Test bei diesem Stoff nicht so ganz verlässlich sein dürfte, weil die Fäden nicht überall gleichmäßig dick waren.


Da die grauen Fäden wirklich sehr haltbar waren - komplett nass ließen sie sich kaum zerreißen - vermute ich, dass es sich tatsächlich um Leinen handelt. Dafür sprechen auch die bürstenähnlich ausgefransten Rissstellen - Baumwollfasern sollen etwas kürzer und knackiger reißen. Aber hier spekuliere ich ein bißchen, denn mir fehlen dabei die Erfahrungswerte.

Um diese Erfahrungswerte zu gewinnen, werde ich im Zukunft häufiger Stoff anzünden - vor allem auch Stoffe, bei denen ich genau weiß, woraus sie bestehen. Wie man sieht, kann die Brennprobe wirklich weiterhelfen, wenn man nicht weiß, wie ein Stoff zusammengesetzt ist! Ich freue mich jetzt richtig auf das Vernähen und das Tragen des Stoffes, seitdem ich weiß, dass es sich wohl um ein Leinen-Polyamid-Gemisch mit mehr Leinen als Polyamid handelt. Der Stoff lang ja nicht ohne Grund jahrelang herum, denn ich befürchtete, etwas Merkwürdiges oder Vollplastik gekauft zu haben, und nun weiß ich, dass mich mein erster Eindruck doch nicht getrogen hat.


Falls ihr nun Lust bekommen habt, selbst Brennproben zu unternehmen und ganz allgemein etwas mehr über viele Stoff- und Faserarten zu erfahren, möchte ich euch mein neuestes Buch Stoff und Faden. Materiallexikon ans Herz legen. (160 Seiten, 18 Illustrationen, Format 12x17 cm, ISBN 978-3-00-054777-5, 14,00 Euro).

Das Buch gibts ganz normal im Buchhandel, es ist außerdem bei amazon, im Schnittmusterkiosk von Crafteln und bei Lillestoff bestellbar, und natürlich direkt  beim Verlag Texte uns Textilien. Passt auch ganz ausgezeichnet ins Osternest. 

Donnerstag, 6. April 2017

Inspirationen und Beobachtungen von der Handarbeitsmesse H+H in Köln

Am Wochenende war ich kurz - leider etwas zu kurz - in Köln, um die H+H, laut eigener Aussage die "weltweit größte Fachmesse für Handarbeit + Hobby" zu besuchen. Auf der H+H werden Neuheiten vorgestellt, Stoff- und Kurzwarenhändler können direkt bei den Herstellern oder Großhändlern bestellen, daher kann man sich also Materialien und Zubehör angucken, das es noch nicht in den Läden gibt. Ich war deshalb schon seit einigen Jahren neugierig auf diese Messe (die Akkreditierung als Nähbloggerin war übrigens kein Problem), außerdem wollte ich eine Buchidee anrecherchieren, und die Veranstaltung war ideal, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Die Messe ist wirklich, wirklich riesig, und so schaffte ich in einem Tag tatsächlich nur einen groben Überblick, verpasste die Modenschauen, verpasste ganz viele Internetbekanntschaften, die auch da waren, und fotografierte relativ wahllos, was mir auffiel und gefiel - drüben bei Instagram hatte ich schon ein paar Bilder gezeigt - hier also mein subjektiver Eindruck von der Messe, kommt mit!

Wolle, Wolle, Wolle


Handarbeitsgarne, vor allem Strickwolle, bilden nach meinem Eindruck einen Schwerpunkt der Messe. Die großen Wollhersteller haben riesige, oft sehr aufwendig dekorierte Stände und zeigen Dutzende Strick- und Häkelmodelle aus den neuen Garnen. Auf der anderen Seite sind aber auch kleine oder sehr kleine  Firmen aus aller Welt mit handgefärbten Garnen vertreten, die nur wenige Stränge an ihrem Stand zeigen. Ich habe vor allem Strickmodelle fotografiert und versucht, sowas wie Trends auszumachen.

Modelle von ggh
Garn von ggh
Modelle von Katia yarns

Langfädige Garne, die verstrickt eine Art Fell oder Flausch ergeben, habe ich sehr oft gesehen. Anders als das Polyesterzottelgarn, das vor ein paar Jahren populär war, sind diese Garne jetzt meistens aus Naturfasern und fassen sich sehr angenehm an. Sie werden mit großen Nadeln glatt rechts verstrickt und bilden so einen federleichten, pelzähnlichen Stoff ohne sichtbare Maschen. Es wurden vor allem große Strickjacken und Strickmäntel daraus gezeigt - das entspricht ja auch der 90er-Revival-Mode, die zur Zeit in den Läden hängt. Bei Katia Yarns gab es sogar Chenillegarn, das ich zuletzt auch in den 1990er Jahren gesehen hatte - der Pullover unter der grün-grauen Zotteljacke ist aus Chenille. Ob das immer noch so mörderisch leiert wie früher?

Modelle von Rico Design
Modelle von Rico Design

Mohairgarne oder Alpaca in Mohairoptik werden weiterhin viel angeboten, neu jetzt auch noch mit Lurexbestandteilen im Garn. Der grüne Pullover mit dem langen grünen Schal darüber in der Mitte des oberen Bildes ist aus so einerm Mohair-Lurex-Garn. Es ist interessant, dass das Glitzern auf dem Foto fast nicht zu sehen ist, in Wirklichkeit kam mir der Glanz nicht so dezent vor. Ton in Ton auf einem Messestand sieht sowas ja edel aus, aber ob so ein Pullover im Alltagskontext auch so gut wirkt?

Modelle von ggh

Sanfte melierte Farbverläufe wie bei dem Pullover links waren auch häufiger zu sehen - und Unmengen von sehr bunten Farbverlaufsgarnen. Da war die Präsentation an den Ständen oft eher eine Materialschlacht und hatte mit Design nicht so viel zu tun.

Modelle von ONline

Dekorative Aufnäher - neudeutsch: Patches - sind im Moment (seit D&G Jeans mit Aufnähern zeigte) ein großes Thema. Bei ONline wurde Gestricktes mit Aufnähern kombiniert, die Idee gefällt mir gut - und ich bin beruhigt, dass auch Strickprofis Strickjackenblenden stricken, die sich ungünstig zusammenziehen. 

Rico Design

Warum ich das fotografiert habe, weiß ich nicht mehr - aber ist die schwarz-weiß-gelbe Jacke hinten rechts nicht schön?

Lion Brand Yarn

Das Foto bildet den Übergang zum Gehäkelten: Jacke gestrickt, Rock missonimäßig gehäkelt. Gefällt mir an der Puppe sehr, aber auch hier frage ich mich, ob das im richtigen Leben angezogen wirklich so cool wirkt, oder wie Omas Häkeldecke als Kleidung. 

Gehäkeltes  

Modelle:Bernat Design Studio

Gehäkeltes gab es vor allem in zwei Formen: als lustige, gehäkelte Tiere und als Wohnaccessoires, wobei die geschmackvollen Töne der teils gehäkelten, teils gestrickten Wohndeko oben eher die Ausnahme bildeten. Im Hintergrund sieht man ein Beispiel, wie auf der Messe Geschäfte gemacht werden (denn dazu ist sie hauptsächlich da) - an Tischen, die wie bei Bernat zwischen der Messedeko stehen, manchmal auch durch halbhohe Wänder vom Besuchergewusel abgetrennt sind. Aber auf die Geschäfte auf der Messe komme ich später noch einmal zurück.

Modelle: DMC

Die Arrangements beidem französischen Garnhersteller DMC waren besonders schön und detailverliebt - und sofort instagrammierbar (gibt es das Wort?), da quadratisch.

Gesticktes


Stickerei: DMC

Handsticken liegt im Trend, hört man derzeit überall. Der Trend kommt von den Laufstegen - aber wird er wirklich imDIY-Bereich ankommen? Ich bin skeptisch, denn um Plattstiche nur annähernd so gekonnt zu sticken wie die StickerInnen der Messemodelle bei DMC, braucht man sehr viel Übung und Geduld. Ich könnte mir vorstellen, dass einfacher zu erlernende Techniken eine größere Chance auf Verbreitung haben.

Stickpackungen von RTO
Gobelinstickerei bei DMC

Stickpackungen im Kreuzstich oder Gobelinstich erfüllen eigentlich alle Voraussetzungen, um zum massentaglichen Hobby zu werden: Die Muster müssen nicht mühsam auf den Untergrund übertragen werden und die Sticktechnik ist leicht zu meistern. Was die Messe in der Hinsicht zu bieten hatte, ließ mich allerdings etwas ratlos zurück. Moderne Entwürfe, wie die zwei Beispiele, die ich knipste, sind die Ausnahme. Die Hersteller von Stickpackungen aus ganz Europa - es waren bestimmt ein Dutzend Firmen vertreten - bieten zum größten Teil Motive an, wie sie schon unsere Omas stickten: Betende Hände. Schäferhunde und Kätzchen im Schuh. Disneymotive. Bilder wie von Gustav Klimt oder Chagall, aber in schreienden Farben, manchmal mit Glitzer. Vor allem gestickte Bilder, wenig benutzbare Textilien - hängt sich wirklich jemand gestickte Bilder an die Wand? Dabei könnte man in Gobelinstickerei mit Wolle auf Stramin nicht nur Kissen für jede Lebenslage sticken, sondern auch Taschen, Täschchen und Portemonnaies, Gürtel und Hausschuhe - das müsste nur jemand mit guten Designs entwerfen und als Bastelpackung auf den Markt bringen.

Stoffe


Stoffe von lotte martens
Stoffe von lotte martens

Natürlich gibt es auf der Messe auch Stoffe zu sehen - aber den überwiegenden Teil nur als Musterlaschen. Aus den Stoffen genähte Beispiele gab es vor allem bei den Herstellern von Patchworkstoffen, überhaupt gab es relativ wenig reine Bekleidungsstoffe, oder ich habe sie in dem Farben- und Musteroverkill vieler Stoffanbieter nicht wahrgenommen.

Die handbedruckten Stoffe von lottemartens.com aus Belgien sind etwas ganz Feines: Matte Jerseys mit glänzenden Goldpunkten, zarte Linien, bedruckte Plissees, flauschige Wolle mit glattem Druck - selten hat mich Stoff so begeistert! Den Stand fand ich (natürlich) erst zehn Minuten vor Messeschluss, daher war mehr als ein hastiges Foto nicht drin. Auf der Webseite und bei Instagram unter http://instagram.com/lottemartens_exclusivefabrics gibt es mehr Bilder - und wenn ich die Kommentare unter den Bildern dort richtig deute, wird es die Stoffe bald in einigen Läden geben.

Schnittmuster


Schnittmuster von zonen09
Stoffe von zonen09

Die nettesten Gespräche auf der Messe hatte ich bei einer für mich ganz neuen kleinen Schnittmusterfirma, zonen09 aus Belgien, die sich auf Schnitte für Männer und Jungs spezialisiert hat. Die Schnittmuster im Baukastensystem mit Variationen bei Ärmeln, Kragen und Ausschnitten gibt es in drei Größengruppen, für Kinder bis 9 Jahre, für Jugendliche von 10-16, einige auch in den Herrengrößen 48-60. Die schönen Papierschnittmuster haben ein aufwendiges, sehr ausführliches Anleitungsheft mit farbigen Fotos - das Muster des Anleitungshefts sieht man in dem krawattenförmigen Ausschnitt des Pappumschlags, der Schnittbogen und Anleitung zusammenhält. Zur Zeit werden die Anleitungen ins Deutsche übersetzt, so dass es bald Papierschnitte von zonen09 bei uns in den Läden geben wird. Die Kinderschnitte gibt es bereits mit englischer Anleitung als Downloadschnitte zum Zusammenkleben auf der Webseite. Passend zu den Modellen lässt zonen09 Stoffe aus Bio-Baumwolle in Belgien produzieren.

An dem Messestand von zonen09 kann man auch gut sehen, wie eine kleine, sympathische Firma mit beschränkten Mitteln doch etwas aus der Fläche machen kann: In eine Wandverkleidung aus gelochten Fichtenholzplatten werden Regalbretter oder Kleiderbügel eingehängt, dazu ein flauschiger Teppich, ein paar Sukkulenten in kleinen Töpfen, ein Stehtisch und ein Glas mit belgischen Karamellbonbons - mehr braucht man nicht.

Messebeobachtungen


Der bombastische Stand von Gütermann

Bei anderen lautet das Motto eher: Klotzen, nicht kleckern. Weiter oben hatte ich schon beschrieben, dass die wirklich wichtigen Dinge, nämlich die Bestellungen der Händler, an den Ständen an kleinen Tischen abgewickelt werden. Zum Teil sieht man dort Stoff- und Wollladenbesitzerinnen sitzen, nicht selten sind es aber auch Herren in sehr smarten Anzügen. Die Tische stehen manchmal mitten im Messegewusel, manchmal in abgetrennten Ecken - und ein Großkonzern wie Gütermann (der neben Nähgarn auch Perlen und eine Stofflinie produziert), richtet an seinem riesigen Stand einen abgetrennten Bereich mit Kaffebar mit Espressomaschine und Gebäck ein, der auf den ersten Blick wie ein nettes Café wirkt. Das habe ich nicht fotografiert, da zu viele Menschen mit auf das Bild gekommen wären - die Tische waren gut gefüllt - aber die Dekorationen boten genügend Fotomotive. Der Messestand war so groß wie eine große Drei-Zimmer-Wohnung mit ineinander übergehenden Zimmern, frischen Blumen und Garndeko überall.


Es geht aber auch wesentlich prosaischer: Viele Verhandlungen finden am Rand der Messehallen in Räumen aus mobilen Stellwänden statt, und ich wette da gibt es dann nur plörrigen Pumpkannenkaffee und die messetypische Keks- und Waffelmischung!

Nähzubehör


Grundsätzlich hatte ich den Eindruck, dass es auf der Messe fast alles gibt, was man sich als Selbermacherin an Werkzeug oder Zubehör wünscht, aber in den Läden nie oder nur sehr selten findet. Es gibt schöne Taschengriffe, es gibt japanisches Sashiko-Garn und Sashiko-Stoffe mit vorgedruckten Mustern. Es gibt hochwertige Scheren aus Solingen, es gibt Holzstickrahmen in jeder Größe, es gibt Tapisseriewolle in allen Farben, es gibt dänisches Stickgarn, hochwertiges Ripsband, gewebte Borten aus Baumwolle, Nähseide verschiedenen Stärken und Perlen- und Pailettenmotive zum Aufnähen, die nicht billig aussehen. Es gibt sogar (schon seit letztem Jahr) eine Nähzubehörserie von Prym in türkis, die richtig hübsch aussieht, die ich aber noch nie in irgendeinem Einzelhandelsgeschäft gesehen habe. Wenn wir all das in den Läden vermissen, dann liegt es jedenfalls nicht daran, dass schöne, hochwertige Sachen nicht zu beschaffen wären.

Auf der anderen Seite gibt es das ganze Nähzubehör und viele Kurzwaren auch in billig und als Kopie, direkt von chinesischen Herstellern, mit der Möglichkeit, den eigenen Firmennamen gleich auf die Verpackung drucken zu lassen. An diesen Ständen war meistens nicht viel los, die H+H ist eher ein Umschlagplatz für Hochwertiges, aber die nicht unerhebliche Anzahl dieser Anbieter lässt doch darauf schließen, dass sich das Geschäft lohnen muss.

Zum Schluss möchte ich noch zwei Anbieter für hübsche Kleinigkeiten zeigen, die schöne und nützliche Geschenke für Näh- und Stricknerds anbieten.

Die japanische Firma Cohana stellt in Japan formschönes Nähzubehör aus japanischen Rohstoffen her und versendet es weltweit. Mir gefallen besonders die kleinen Nadelkissen und die Scheren mit Holzgriffen. Und es gibt handgemachte Glaskopfstecknadeln die kleine Schmuckstücke sind.



Strickhandschuhe von hobbywool.com
Aus Riga kommen die Strickpakete für lettische Fausthandschuhe mit traditionellen Mustern von hobbywool.com. In einer schwarzen Schachtel bekommt man alles, was man für ein paar Handschuhe braucht: Wolle in verschiedenen Farben, ein farbiges Zählmuster und eine englische Strickanleitung.

Am Sonntag konnte ich dann noch viele Kölner Nähnerds bei ihrem Stammtisch in einem sehr schönen Café treffen, ehe ich etwas erschöpft die Heimreise antrat. Ich hoffe der Messerundgang mit mir war interessant für euch - mir hat das Wochenende in Köln großen Spaß gemacht und ich habe mir den Messetermin für nächstes Jahr gleich im Kalender notiert.

Sonntag, 26. März 2017

Stoffspielerei im März: Zaghaftes Shibori


Für die Stoffspielerei im März hatte Karen - Feuerwerk by KaZe - das Thema Shibori vorgeschlagen. Shibori, das ist eine ursprünglich japanische Batiktechnik, bei der Stoffe gefaltet, abgebunden, verdreht, verklammert, verschnürt und dann gefärbt werden, oft mit Indigo. Die Farbe kann nicht unter die Verschnürungen oder Klammern vordringen, so dass diese Partien ungefärbt bleiben. Auf der Webseite des World Shibori Network findet man ein Verzeichnis der traditionellen japanischen Shiboritechniken und -muster. In einfacherer Form haben das die meisten von uns möglicherweise schon mal in den vergangenen Jahrzehnten ausprobiert: gebatikte-TShirts sind ja alle paar Jahre wieder populär.


Ich wollte die Abbindebatik an einem Projekt ausprobieren, das ich dann auch tatsächlich nutze und nicht nur Stoff färben. Da kam mir eine Idee gelegen, die ich schon seit 2014 mit mir herumtrage, nach dem knallbunten Miami-Vice-Anna-Kleid ein seriöseres Kleid zu nähen, ohne oder mit wenig Muster und in einer dunklen Farbe, zum Beispiel dunkelblau. Ein Shibori-gemusterte, lockere Bordüre am Rock würde der Seriosität nicht schaden.

Um das Muster gezielt platzieren zu können, habe ich die Teile des Kleids aus weißem, vorgewaschenen Baumwollbatist zugeschnitten und auf jedem Rockteil die obere und untere Begrenzung der Bordüre mit einem auswaschbaren Stift markiert.  

Zwischen den Markierungen ordnete ich kreisförmig abgebundene Stoffzipfel in verschiedenen Größen mehr oder weniger zufällig-verstreut an. Die Zipfel sind mit Filtehäkelgarn aus Baumwolle sehr fest abgebunden.  


Als Zugeständnis an die Alltagstauglichkeit, die für mich vor allem Maschinenwaschbarkeit bedeutet, färbte ich mit Simplicol-Echtfarbe, Farbton marineblau, in der Waschmaschine. Diese Farbe ist nach meiner Erfahrung wirklich absolut waschfest, allerdings glaube ich, dass man mit einem nicht ganz so langen Farbbad schönere und interessantere Batikeffekte erzielen würde. Da der Stoff über eine Stunde lang im Buntwaschprogramm durch die Färbelösung gewirbelt wird, dringt die Farbe sehr weit vor. 


Nach der zweiten Wäsche und dem Auspacken bekam ich daher vor allem zarte weiße Ringe und nur wenige interessant gemaserte Partien. Ich hätte die Zipfel alle ruhig noch etwas dicker und auf größerer Breite umwickeln können. 


Hier zum Vergleich ein Stück alte japanische Seide, die mit der gleichen Shibori-Wickeltechnik gestaltet wurde. Die Punkte, aus denen die Zweige bestehen, sind wirklich winzig! Dort ist eine Stoffmenge ungefähr von der Größe eines Stecknadelkopfes abgebunden worden. 


Meine Rockteile, hier für eine ersten Eindruck zusammengesteckt, haben eine zarte, unregelmäßige Blasenmusterung bekommen. Letztlich finde ich das so gar nicht schlecht, auch wenn ich mir die Teile etwas gemusterter vorgestellt hatte. Den Stoff für das Oberteil des Kleides habe ich mitgefärbt, es wird einfarbig dunkelblau.


Alle Shibori-Beiträge sammelt Karen hier, es gab wirklich beeindruckende Ergebnisse. Vielen Dank für die schöne Idee, Karen!

Die nächste Stoffspielerei ist am 30. April bei Suschna - Textile Geschichten, Thema: Seltene Techniken.

Freitag, 24. März 2017

Fast schon angekommen: Der Marled Magic Mystery-Knitalong, Teil 3


Vorhin landete der vierte und letzte Teil der Anleitung für den Marled Magic Mystery-Knitalong in meinem Postfach, und ehe ich mir anschaue, wo die Strickreise diesmal hingeht, zeige ich noch schnell den Stand nach Teil drei. Wie letzte Woche erwartet wurde rechts von der Raute im Netzmuster weitergestrickt. Es kam eine asymmetrische Ecke mit verkürzten Reihen in kraus rechts dazu, die die beiden freien Seiten der Raute einfasst. 


Ich habe diesen Teil wieder schwarz-weiß-meliert gestrickt, um das Schwarz-weiß auf der anderen Seite der Raute aufzunehmen. An der Ecke gibt es große Löcher, die durch einen doppelten Umschlag entstanden sind, der in der folgenden Reihe mit zwei Maschen abgestrickt wird - eine interessante Technik, die ich noch nicht kannte.


An eine Seite der schwarz-weißen Ecke schließt wieder ein großes Dreieck im Perlmuster an. Mit dieser Partie habe ich eine ganze Menge Reste komplett verstrickt - je nachdem, was jetzt noch kommt, muss ich eventuell Garn dazukaufen. Das Tuch ist jetzt schon so groß geworden, dass ich auf einen Hocker steigen muss, um die Mitte und den neuen Teil komplett auf Bild zu bekommen. Bis zu der "sehr großen" Endgröße kann es also nicht mehr weit hin sein.