Mittwoch, 30. April 2014
Me made Mittwoch am 30. April - weils wichtig ist
Zuletzt habe nur noch selten am Me-made-Mittwoch teilgenommen, der wöchentlichen Versammlung gut gekleideter Frauen in selbst gemachten Sachen. Aus einer Reihe von Gründen: ich verwendete meine wenige Zeit lieber für andere Blogposts, bei denen ich nach meinem Gefühl mehr zu sagen und zu zeigen habe, als ein durchschnittliches Tagesoutfit. Der Blick von außen auf mich und auf frisch genähte Kleider und das Überprüfen, wie etwas von außen wirkt und ob die Wirkung mit dem Gefühl von innen übereinstimmt, war in der Anfangszeit des Me-made-Mittwoch neu und aufregend, mit der Zeit jedoch wurde diese Selbstüberprüfung immer seltener nötig, und so oft und schnell nähe ich ja auch nicht, so dass ich jeden Mittwoch etwas für andere Neues und Aufregendes zu zeigen hätte.
Memas Post am letzten Mittwoch, als sie über den Sinn der Mittwochsteilnahme für sich reflektierte, und die vielen Kommentarbeiträge dazu, in denen so viele gute Argumente genannt wurden, versetzten mir aber einen Schub, heute und in Zukunft wieder häufiger dabei zu sein.
Warum? Weil der Me-made-Mittwoch die Vernetzung derer ermöglicht, die ihre Kleider selber machen, weil er es Blog-Neulingen ermöglicht, andere Bloggerinnen auf der gleichen Wellenlänge zu finden und selber gefunden zu werden. Weil die Sammlung an Schnitten und Geschmäckern und Ideen andere Selbermacherinnen beflügeln und Nähanfängerinnen ermutigen kann. Weil die Vielfalt an Kleider- und Körperformen, die dort Woche für Woche gezeigt wird, durchaus nicht dem entspricht, was ich sehe, wenn ich hier aus dem Fenster auf die Straße schaue, sondern bunter und individueller ist. Weil ich Mittwochs in den Blogbeiträgen eine Menge Frauen sehe, die stil- und bekleidungsmäßig bei sich angekommen oder auf einem guten Weg zu sich sind, sichtbar zufrieden und mit Spaß daran, sich passend zu bekleiden. Weil ich seit einer Begegnung mit einer jungen Journalistin letzte Woche der Meinung bin, wir Selbermacherinnen müssten eigentlich noch viel mehr missionieren gehen mit dem, was wir tun.
Am letzten Mittwoch wurde die MittwochsMasche, unser 14tägliches Stricktreffen, von einer Mitarbeiterin der Bild am Sonntag besucht, die für einen Beitrag unter dem Motto "Sehnsucht nach früher" unter anderem über Handarbeiten schreiben wollte. Was das Zusammenschrumpfen und schließlich Abschaffen jeglichen Handarbeitsunterrichts oder Textilen Werkens oder ähnlicher Fächer in den Schulen in den letzten Jahren tatsächlich bedeutet, war mir bislang nicht so klar: es bedeutet, dass ein ganz grobes Wissen über den Unterschied von Stricken, Häkeln und Weben und über die grundlegenden Herstellungsprozesse von Textilien nicht mehr als Allgemeinbildung vorausgesetzt werden kann. Bei solchen Begegnungen kann unsereiner dann zwar mit den Augen rollen (mache ich auch - ich brauche das zur Zeit als seelischen Ausgleich, und wenn man über ein Thema schreiben will, könnte man ein bißchen Vorrecherche schon voraussetzen) - aber danach müssen wir erklären und vermitteln. Wie kann sonst ein Bewusstsein über die wahren Kosten von Billigtextilien geschaffen werden, wie es der Fashion Revolution Day am vergangenen Donnerstag versuchte, wenn die durchschnittliche Konsumentin, der durchschnittliche Konsument vermutlich meint, ein maschinell gestrickter Pullover fiele irgendwo im fernen China fix und fertig aus dem Ausgabeschacht einer glänzenden Maschine? Was in anderen Lebensbereichen schon funktioniert hat - niemand glaubt mehr ernsthaft, Milch käme aus dem Karton und Strom aus der Steckdose - kann in Bezug auf Textilien nur funktionieren, wenn überhaupt ein Grundwissen über den Herstellungsprozess und die daran beteiligte Handarbeit von echten Menschen da ist. Und wer kann das der Welt erklären, wenn nicht wir?
Deshalb gibt es heute ein vollkommen durchschnittliches Alltagsoutfit mit lauter alten bis uralten Sachen, morgens genau richtig, mittags zu warm, ihr kennt das, dokumentiert mit den zwei besten von insgesamt vier Selbstauslöserbildern: Strickjacke aus grüner Sockenwolle nach eigener Berechnung vom April letzten Jahres, älteres selbstgenähtes Ringeltshirt (Burda-Standardschnitt) und 10-Bahnen-Rock mit Passe aus einem Burdaheft vom Herbst 2005 (ergänzt: 118 aus Heft 9/2005, den Schnitt gibt es auch in einer wadenlangen Version), genäht 2005 oder 2006.
Und bevor ich morgen wieder versuche, die Welt zu retten (jeden Tag ein bißchen), gehe ich jetzt erstmal zurück an das Kapitel des Grauens, das auf dem Schreibtisch liegt, verweise als weltrettende Pausenlektüre auf den Beitrag von Mema zum Fashion Revolution Day und auf frifris inside-out-Experiment und natürlich immer und jederzeit auf den heutigen Me made Mittwoch. Einen schönen Feiertag morgen!
Rubriken
MMM
Montag, 28. April 2014
Das Alabama-Projekt II: Schablonieren und Sticken
Mit dem Alabama-Chanin-Projekt, über das ich letzte Woche berichtet hatte, bin ich schon gut vorangekommen. Weil am Sonntag ein kleines Nähtreffen geplant war (das ich übrigens supernett fand - vielen Dank an K. und die anderen Organisatorinnen!), also weil ich Sonntag zu dem Nähtreffen wollte, beeilte ich mich am Samstag, den Stoff so weit vorzubereiten, dass ich am Sonntag mit dem Sticken beginnen konnte. Ich schreibe hier mal etwas ausführlicher als sonst über den Prozess, denn es gibt im Netz zwar Unmengen englischsprachiger Anleitungen für die Applikationen im Alabama-Chanin-Stil, aber so weit ich gesehen habe sehr wenig auf Deutsch.
Ich mache einen knielangen 4-Bahnen-Rock nach dem Schnittmuster aus Alabama Studio Sewing + Design. Die Kleider bei Alabama Chanin bestehen fast immer aus zwei Lagen Jersey. Die obere Lage wird mitttels Schablonen und Stofffarbe mit einem Muster bedruckt, die Muster werden mit Handstichen durch beide Lagen nachgestickt, und zuletzt wird von der oberen Stofflage einiges weggeschnitten. Manchmal bleiben von der oberen Lage nur einzelne "Musterinseln" stehen, manchmal wirkt das Muster der oberen Lage wie ein Netz, manchmal handelt es sich eher um isolierte "Löcher" in der oberen Schicht. Die Wirkung beruht, denke ich, einmal auf dem großflächigen Einsatz der Muster, zum anderen auf den eleganten Ton-in-Ton-Farbkombinationen der beiden Jerseyschichten. Die offenen Kanten und das sportliche Material sorgen gleichzeitig für eine gewisse Lässigkeit der Kleider. Mir gefällt das sehr gut, die Sachen sind etwas Besonderes, aber auf den zweiten Blick, sie sehen zwar deutlich handgemacht aus, aber nicht selbstgebastelt und auch nicht übertrieben künstlerisch. Bei flickr gibt es eine Sammlung von Alabama-Chanin-Projekten - einige Leute haben tatsächlich schon mehrere Kleider angefertigt, der Aufwand scheint sich also im Rahmen zu halten. (Danke an Dinknesh für den Hinweis auf die flickr-Gruppe.)
Ich schnitt am Samstag also aus den vier alten Tshirts insgesamt acht Rockbahnen aus, vier weiße und vier graue. Gebrauchtes Material zu verwenden wird im Buch ausdrücklich empfohlen, Natalie Chanin begann selbst mit dem Umarbeiten alter Jerseyware.
Beim Muster orientierte ich mich an der "Bloomers"-Schablone, die man hier unter "resources" in Originalgröße herunterladen kann. Es ist zwar nicht sonderlich kreativ, ein vorgegebenes Muster nachzuarbeiten, aber ich will erstmal ein Gefühl dafür bekommen, wie groß die einzelnen Musterbestandteile sein sollten und in welchen Abständen man sie platziert. Bei Alabama Chanin werden in der Produktion großformatige Schablonen aus dünnem Filz verwendet, weil die Stofffarbe aufgesprüht wird. Ich habe normale Stofffarbe aus dem Glas von Javana verwendet, die ich sowieso noch da hatte und tupfte sie mit einem Schwämmchen auf. Die kleine Schablone schnitt ich aus einem Briefumschlag aus Tyvek. Das ist ein gutes, weil wasserfestes und sehr reißfestes Schablonenmaterial, das mir besser gefällt als Plastik. Die durchgezeichnete Schablonenvorlage aus Papier kann man einfach mit ein paar Klebestifttupfern auf dem Tyvek fixieren (geht wieder ab) und die Aussparungen durch beide Schichten ausschneiden.
Die Schablone fixierte ich mit Malerkrepp auf dem Stoff. Die Tupferei mit dem Schwamm ergibt eine relativ dicke Farbschicht, die beim Trocknen recht hart wird - glücklicherweise wird nach dem Sticken das meiste davon wieder weggeschnitten.
Das Muster schablonierte ich zwei Mal auf jede Rockbahn. Nach dem Trocknen über Nacht wurden jeweils eine graue Rockbahn und eine weiße Rockbahn als untere Lage aufeinander gelegt und rundherum geheftet.
Gestickt wird dann immer rundherum um die Motive, am einfachsten so wie hier mit kleinen Vorstichen. Im Anleitungsbuch werden noch einige andere Möglichkeiten (z. B. Rückstich, Stielstich) erklärt.
Alabama Chanin verwendet einen ominösen "Button Craft Thread" von Coats & Clark, ein stärkeres Nähgarn aus Poly-Baumwoll-Mischung, das so etwas wie Knopflochgarn zu sein scheint. Als ich zum Garn kaufen losging, hatte ich Marke und Qualität aus der Anleitung nicht im Kopf, weil ich ohnehin nicht damit rechnete, dass es das hier geben könnte. Unser Karstadt führt aber neuerdings Coats & Clark Garne, und anscheinend dieselben Qualitäten, die es auch in den USA gibt. Nach einigem mühsamen Vergleichen - bei Coats werden keine Garnstärken angegeben, wie man es in Europa kennt, und die Mengen auf den Spulen sind, nunja, typisch amerikanisch: 297 Meter und sowas - entschied ich mich für Dual Duty plus, ein baumwollummanteltes Polyestergarn auf einer hellgrünen Spule, das als Handquiltgarn bezeichnet wird. Da man das Garn doppelt nimmt, erschien es mir stabil genug, ich werde aber bei nächster Gelegenheit nach dem "richtigen" Garn Ausschau halten, das auf türkisen 45-Meter-Spulen verkauft wird.
Beim Nähnachmittag konnte ich in drei Stunden ungefähr zwei Drittel einer Rockbahn sticken. Man umstickt jedes Motiv einzeln für sich, damit die Elastizität des Jerseys erhalten bleibt. Die dicken Knoten auf der Rückseite sind unverzichtbar, die Fadenenden arbeiten sich sonst langsam durch die Maschen nach draußen - und ich mühe mich ordentlich ab, doppelte Knoten nahe am Stoff hinzukriegen, das ist gar nicht so einfach.
Freitag, 25. April 2014
Schnell entschlossen, schnell genäht: Carmine Knit Jacket von Cake Patterns
Ich bin ja mehr der Typ zögerliche Langsamnäherin und nie schnell dabei, wenn es darum geht, neue Schnittmuster neuer kleiner Firmen auszuprobieren. Es ist also eine absolute Ausnahme und für mich selbst sehr überraschend, dass ich keine zwei Wochen, nachdem ich das Schnittmuster für Carmine im Shop bei Santa-Lucia-Patterns entdeckt hatte, tatsächlich eine Jacke genäht habe. Aus richtigem Stoff, nicht nur ein Probeding. Sehr hilfreich war natürlich auch, dass zu Santa-Lucia-Patterns ein kurzer Dienstweg via MittwochsMasche besteht, und dass ich überraschenderweise im Haushalt kein ausgeleiertes, löchriges Jerseyspannbettlaken zum Zerschneiden fand. Ich hätte ja geschworen, wir haben sowas!
Ich schnitt also gleich den richtigen Strickstoff an, obwohl es sich um meinen ersten Versuch mit Cake Patterns handelt, einer Firma aus Australien, die sich auf Schnitte für Jersey spezialisiert hat.
Bei der Größenfindung eierte ich dann auch gleich ein bißchen herum: Bei Cake Patterns wählt man die Größe nach dem Oberbrustumfang plus Cupgröße, und ich fiel, was den Oberbrustumfang betrifft, gerade noch in die kleinste verfügbare Größe auf dem Bogen. Das kam mir dann doch etwas komisch vor - ich und die kleinste Größe? Was ziehen dann Leute an, die wirklich klein und zierlich sind? Da ich die Anleitung auf dem Bogen nicht verstand, wie man den Schnitt selbst an eine größere Cupgröße als C anpassen kann, schnitt ich lieber die zweitkleinste Größe zu. Dieser unverständliche Änderungstipp und die merkwürdige Tatsache, dass auf der Cake-Patterns-Webseite bislang kein einziger genähter Prototyp zu sehen ist, sind aber die einzigen Kritikpunkte, die ich an dem Schnitt habe. Das Schnittmuster ist gut gezeichnet, der Bogen aus dickem Papier schön übersichtlich, und die Teile fügen sich Dank einer Menge Passzeichen gut zusammen.
Die Konstruktion entspricht einer verfeinerten Version der Kreisjacken, die es oft als Strick-oder Häkeljacken gibt. Meistens handelt es sich dabei ja tatsächlich um einen gehäkelten oder gestrickten Kreis, bei dem im oberen Drittel zwei Löcher für die Arme ausgespart werden. Hier ist die Grundform ein unregelmäßiges Oval, so dass der Kragen viel kleiner ist als das Schößchen, die Ärmel werden von einem separaten Mittelteil gebildet und haben für die Beweglichkeit außerdem einen dreieckigen Zwickel. Man kann die ganze Jacke mit der Overlock zusammenrattern - und wenn man Interlock oder Romanit verwendet, würde ich das auch empfehlen - da ich aber einen nicht ganz so dehnbaren und nicht ganz so dünnen Strickstoff verwendete, machte ich mir die Mühe und säumte die Innenseite des ringförmigen Teils mit der Hand gegen die Naht, so dass alle Nahtzugaben bis auf Zwickel- und Ärmelnähte verdeckt sind.
Was die Position des Knopfes betrifft, muss man wohl etwas herumprobieren. Wenn die Jacke hinten komisch absteht so wie bei einigen Bildern hier, dann muss sie etwas höher gezogen und der Kragen mehr umgeschlagen werden. Diese Jacke hingegen finde ich zwar entzückend, aber das Ringteil etwas zu klein gewählt. Da es im Schnitt keine Schulternähte gibt - und wie gesagt keinen Prototypen bei Cake Patterns selbst - ist es nicht so einfach zu entscheiden, wie die Jacke eigentlich "richtig" getragen werden soll. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die Kragenansatznaht oben (also die Naht, wo der Ring auf das Mittelteil trifft), direkt im Nacken sitzen muss, und der Kragen ziemlich breit umgeschlagen wird. Die Außenkante des Kragens habe ich übrigens mit dreigeteiltem Zickzack abgesteppt.
Für die Bilder habe ich Carmine nur einmal schnell übergeworfen - es fehlt noch ein richtiger Verschluss, da mir die großen Druckknöpfe ausgegangen sind. Und eine Tendenz ist leider auch schon sichtbar: mein Strickstoff leiert. Beim ersten Anprobieren saß die Quernaht zwischen Mittelteil und Ring nämlich noch in Höhe der BH-Unterkante, wie es sein soll, auf den Fotos (zweites Anprobieren) schon 5 cm darunter. Mal sehen, wo das noch endet und ob das Material beim Waschen wieder zusammenschnurrt. Ein formstabilerer Stoff, zum Beispiel Romanit, fester Interlock oder Sweatshirtstoff wäre für Carmine günstiger (aber das gilt ja eigentlich immer, mir fällt spontan jedenfalls kein Schnitt ein, bei dem ein ausleiernder Stoff von Vorteil ist).
Das Schnittmuster enthält einige Vorschläge, wie man durch zwei oder vier Teilungsnähte beim Ringteil Stoff sparen oder bei gestreiftem Jersey interessante Streifeneffekte erzielen kann. Wenn man den Kragen einlagig zuschneidet und am Rand mit einer elastischen Wolltresse einfasst oder einfach offenkantig lässt, ließe sich Carmine sicher auch aus Walk oder aus Fleece nähen. Aus dünnem Material ist das Jäckchen hingegen eine ideale Ergänzung zum Sommerkleid. Die zweite Variante des Schnittmusters ist ein kleines, knappes Bolerojäckchen mit kurzen Ärmeln, das aus dem Mittelteil besteht, an dessen oberer Kante ein Kragen angenäht wird. Die Schnittteile sind klein, so dass man diese Jacke gut aus Jerseyresten herstellen kann. Ich habe für so ein schulterbedeckendes Jäckchen keine Verwendung, die große Variante werde ich aber sicher noch einmal nähen, dann vielleicht aus dünnem Sweatshirtstoff.
Dienstag, 22. April 2014
Ein Alabama-Chanin-Projekt nach "Alabama Studio Sewing + Design"
Vier alte T-Shirts, eine Rolle Handquiltgarn und etwas Stofffarbe sind - wenn alles so klappt, wie ich mir das vorstelle - das Material für ein Handnähprojekt nach Alabama Chanin, des Stoffspielerei-Themas im Mai, das Griselda vorgeschlagen hatte. Ich möchte hier ab und zu den Fortschritt dokumentieren, denn mein Vorhaben wird Ende Mai wahrscheinlich noch nicht abgeschlossen sein.
Mit den DIY-Techniken im Stil von Alabama Chanin beschäftige ich mich schon seit einigen Jahren, seitdem ich das erste Mal aus Zufall auf die Webseite der Firma stieß und vollkommen verzückt die exquisiten handgearbeiteten Textilien im Onlineshop durchstöberte. Alles ist Stich für Stich handgenäht, bestickt, appliziert, gequiltet. Produziert werden die Kleidungsstücke in Florence, einem Städtchen im Nordwesten Alabamas, dem Heimatort der Firmengründerin Natalie Chanin. Die Textilherstellung, insbesondere Baumwollanbau und -verarbeitung, war einer der Hauptindustriezweige Alabamas - wie man weiß, ist von der amerikanischen Textilindustrie nicht mehr viel übrig geblieben. Natalie Chanin knüpfte mit ihrer Firma an diese Textiltraditionen an und wurde zum Arbeitgeber in einer Gegend, in der es sonst nicht viele Beschäftigungsmöglichkeiten gibt. In den ersten Jahren arbeitete sie vor allem mit gebrauchten Materialien. Die ersten Kleidungsstücke, die auf der Webseite zu sehen waren, bestanden aus recycelten Baumwolltshirts mit verwaschenen Aufdrucken, die umgeschneidert und durch Stickereien und Applikationen in etwas Besonderes verwandelt wurden.
Mittlerweile verwendet Alabama Chanin eigens hergestellten Bio-Baumwolljersey aus den USA. Alle Materialien, also auch Garne, Perlen, Textilfarben, Schablonen, werden ebenfalls über die Webseite angeboten, und die Muster, Schnitte und Herstellungsweisen der Kleidung werden in mittlerweile drei Büchern Schritt für Schritt erklärt. Die Fabrik in Florence ist zu einem Veranstaltungszentrum geworden, in dem Nähworkshops stattfinden, Natalie Chanin spricht oft auf Konferenzen, in denen es um nachhaltige Textilproduktion und faire Beschäftigung geht.
Die Alabama-Chanin-Bücher - ich kaufte mir nach langem Überlegen den dritten Band, Alabama Studio Sewing + Design - sind wunderschön fotografiert und sehr sorgfältig gestaltet, es ist eine Freude, einfach nur zu blättern und in den Detailfotos der Stoffe zu schwelgen. Selbst wenn man nie vorhätte, irgendetwas davon nachzuarbeiten, wäre das Geld für das Buch gut angelegt. Die Qualität der Texte und der Anleitungen steht den Bildern aber in nichts nach. Schnittmuster für ein Tshirt mit Variationen (lange/kurze Ärmel, ärmellos, Bolero) und ein Kleid aus vier Bahnen (in verschiedenen Längen, Varianten: trägerloses Top, kurzer, mittellanger und langer Rock) sowie für einen Hut sind auf zwei beigelegten Bögen aus dickem Papier gedruckt. Die Vorlagen für die Musterschablonen können aus dem Buch per Fotokopierer vergrößert werden, man kann sie aber sogar auch in Originalgröße von der Webseite herunterladen.
Es ist selten, dass ein Unternehmen so die Geheimnisse seiner Produkte, bis hin zu den Designvorlagen weitergibt - bei Alabama Chanin gehört diese Transparenz zum Gesamtkonzept: Zum einen ist "education", also unter anderem die Weitergabe handwerklichen Wissens, eines der Anliegen Natalie Chanins. Zum anderen wird dem textilen Laien, der womöglich noch nie eine Nähnadel in der Hand hatte, durch den Einblick in die Produktionsschritte verdeutlicht, wie die Preise der Produkte zustandekommen, ohne dass man detailliert über Kalkulationen reden müsste. Wer einmal verstanden hat, dass bei den über und über applizierten Kleidern, Röcken und Jacken eine per Schablone gedruckte Vorlage von Hand Motiv für Motiv nachgenäht und ausgeschnitten wird, bekommt einen Eindruck von der reinen Arbeitszeit, die für die Herstellung eines solchen Kunstwerks nöig ist und ist sicherlich eher geneigt, einen vierstelligen Betrag dafür auszugeben und die Kleidung entsprechend wertzuschätzen. Zugleich ist dieser Ansatz ein demokratischer: wer keine vierstelligen Beträge ausgeben kann, kann sich mit genügend Geschick und Ausdauer sein Designermodell selbst herstellen.
Ich möchte diesmal ein größeres Stück in Angriff nehmen, und zwar einen knielangen Vierbahnenrock. Eingedenk der Recyclingtradition bei Alabama Chanin verwende ich den Jersey von vier alten Tshirts, deren Material noch völlig intakt ist, bei denen aber die Bündchen sehr schnell durchscheuerten. Bei meinen Versuchen bis jetzt bin ich zu dem Schluss gekommen, dass man am besten reinen Baumwoll-Singlejersey verwendet, und dass die etwas geringere Elastizität mehrfach gewaschenen Jerseys eher von Vorteil ist. Liselotte hatte in ihrer Alabama-Chanin-Phase letztes Jahr sogar einmal den Originalstoff bestellt und ihn als eher labberig und nicht besonders elastisch beschrieben. Die Rockteile habe ich zugeschnitten, Garn besorgt, jetzt geht es darum, eine Schablone anzufertigen und auf den Stoff zu bringen. Damit geht es dann auch beim nächsten Mal weiter.
Samstag, 19. April 2014
Wochenrückblick: Ostern, Eier, Ausflugstipps
Der Frühling ist ausgebrochen! Der Neuköllner Schifffahrtskanal verwandelt sich wie jedes Jahr in eine grüne Hölle, und wie jedes Jahr machte ich ungefähr 300 Bilder von den japanischen Zierkirschenbäumen auf dem Mauerstreifen. Ich zeige euch aber nur eines und hinterlasse euch noch schnell die
Selbermach-Links der Woche:
Eier nähen statt Eier suchen! Passend zu Ostern bietet Constance von Santa-Lucia-Patterns ein kostenloses Schnittmuster und eine Anleitung für Bügeleier an. Auf der gewölbten Fläche des Eis lassen sich gebogene Nähte und Abnäher viel leichter ausbügeln als auf einem geraden Bügelbrett. Ich wollte mir sowas schon sehr, sehr lange nähen und frage mich gerade, warum ich das immer noch nicht gemacht habe. Sägemehl gibt es übrigens als Kleintierstreu in jeder Drogerie.
Mode im Nationalsozialismus klingt zunächst wie ein Paradox, denkt man bei dieser Zeit doch vor allem an Uniformen und kriegsbedingte Not. Die Ausstellung Glanz und Grauen im LVR-Industriemuseum in Euskirchen-Kuchenheim läuft noch eine Woche und zeichnet ein differenzierteres Bild - sehr lesenswert auch die Ausstellungsbesprechung in der Jungle World.
Das Industriemuseum ist aber bestimmt auch nach dieser Ausstellung einen Abstecher wert: es befindet sich in einer alten Tuchfabrik, die in den 1960er Jahren stillgelegt wurde und die Zeiten fast unverändert überdauerte. Solche Ausflugsziele sammelt Lily auf der Ausflugskarte textiles Handwerk, die aber noch viele Einträge mehr gebrauchen kann. Ihr könnt mithelfen, indem ihr Lily Ausflugstipps übermittelt.
Genießt die freien Tage!
Dienstag, 15. April 2014
Who made your clothes? Fashion Revolution Day
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| Logo: fashionrevolution.org |
Am 24. April, dem Jahrestag des Unglücks, soll an die unzähligen Menschen erinnert werden, die an der Herstellung der Kleidung beteiligt sind, die wir tragen, und die oft unter erbärmlichen Bedingungen in der Textilindustrie arbeiten: an die Menschen, die Baumwolle anbauen und ernten, die spinnen und färben, weben und nähen. Unter dem Hashtag #InsideOut bei twitter oder facebook gepostete Outfitfotos, bei denen die Kleider mit den Etiketten nach außen getragen werden, verbunden mit der Frage "Who made your clothes?" sollen das Nachdenken über die Herstellungsbedingungen unserer Kleider und den gedankenlosen Textilkonsum in Gang setzen. Ein Textilkonsum, an dem auch Selbermacherinnen beteiligt sind - wenn sie auch die letzten Stufen des Produktionsprozesses selbst ausführen. Die Hoffnung ist, dass mit der Geste #InsideOut eine weltweite Bewegung entsteht, die einen Wandel in der Mode- und Textilindustrie bewirken kann - einen Wandel hin zu einem Wirtschaftszweig, in dem der Gewinn nicht auf Kosten von Menschen, Umwelt und Kreativität erzielt wird.
Links:
Fashionrevolution.org, Informationen über Veranstaltungen in Deutschland zu Zeit nur auf der dt. Facebookseite.
Kurz gefasst erklärt: Warum unsere derzeitige Bekleidungsproduktion und unser Textilkonsum ein globales Problem sind.
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