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Mittwoch, 6. Mai 2020

MeMadeMittwoch, Use-what-you-have-Edition

Die allerbeste private Investition der letzten Jahre: mein Stoff- und Nähzutatenlager. Hand hoch, wer sich in den letzten sechs Wochen auch zufrieden auf die Schulter geklopft hat, beizeiten ausreichende Materialvorräte angelegt zu haben! Ich konnte zuhausebleiben und weiternähen, als ob nichts wäre, und ich hätte noch Material für Projekte für die nächsten paar Monate, wenn nicht Jahre, wenn es darauf ankäme, und danach könnte ich immer noch mit den Resten weiternähen.


Die beiden Kleidungsstücke vom Foto sind aus Resten entstanden, allerdings schon Anfang des Jahres. Ich werfe Stoffreste bis auf ganz kleine Abschnitte nicht weg, sondern hebe sie, ordentlich zusammengefaltet, mit dem Gedanken auf, sie irgendwann als Kombinationsstoff zu verwenden oder mehrere Reste zu etwas ganz Neuem zu kombinieren. Wie man sich unschwer denken kann, ist es dazu bisher nicht so oft gekommen, wie ich mir gewünscht hätte. Nur die Restesammlung wurde immer größer.



Zum Jahreswechsel stand dann "endlich was aus den Stoffresten nähen" ziemlich weit oben auf der Projektliste, und dann erschien auch noch ein Artikel über Daniel Silverstein alias Zero Waste Daniel in der New York Times. Irgendwo hatte ich vor einiger Zeit schon einmal eine Artikel über seine Mode aus Stoffresten gelesen und einen Bericht gesehen (ich glaube es war dieser Beitrag) und daraufhin angefangen, alle Jerseyreste separat zu sammeln, aber es gilt ja das ewige Gesetz: Stoff sammeln ist einfacher als Stoff vernähen. Die Sache war dann doch wieder ins Hintertreffen geraten. Der NYT-Artikel war dann der Anlass, mich zur Inspiration durch Webseite und Instagram zu wühlen - außerdem gibt es einen Zero-Waste-Daniel-Youtubekanal, wo auch ein bisschen gezeigt wird, wie aus Resten ein neuer Stoff zusammengesetzt wird.



Das Shirt ist dann an einem Nachmittag entstanden. Ich suchte farblich zusammenpassende Jerseyreste aus, schüttete sie auf einen Haufen und setzte sie von den größeren Stücken ausgehend mit der Overlock zusammen. Die Schnittteile für das Shirt legte ich immer wieder auf, um gezielt Stoffstücke anzunähen, wo noch etwas fehlte. Es machte Spaß, mal so richtig ausgiebig mit der Overlock zu nähen, ich nähe ansonsten nicht viel mit Jersey. So ein Resteshirt ist das richtige Projekt, wenn man mal viel geradeaus nähen und wenig denken möchte.


Das Futter ist auch ein Rest, und weil es etwas kurz war, habe ich am Saum eine Spitzenborte angesetzt. (Außerdem muss man sich bei dem flutschigen Futterstoff dann nicht mit dem Säumen abplagen.)
Der Rock enstand auch Anfang Januar (in diesem Beitrag lag er schon auf dem Nähstapel). Der Schnitt für den "Skyline Skirt" aus dem Buch "Twinkle sews" eignet sich sehr gut für Reste, ich horte seit Jahren lauter 40-cm-Wollstoffreste allein für diesen Schnitt. Hier kombinierte ich einen Rest dunkelgraue Viskose-Wollmischung mit einem Pfeffer-und-Salz-Tweed mit Glitzer, den ich einmal in Bielefeld vom Tauschtisch mitgenommen hatte (und der beim Bügeln ziemlich giftig roch, wahrscheinlich wegen dem Lurex). Ich hätte aber noch Reste für zwei oder drei weitere Skyline Skirts.



Normalerweise würde ich diese beiden Kleidungsstücke nicht unbedingt miteinander kombinieren. Gerade was das Shirt betrifft, ist die Grenze zu merkwürdiger Ökomode wahrscheinlich fließend (oder möglicherweise je nach Betrachterin auch schon überschritten). Trotzdem hat es etwas sehr Befriedigendes, aus einer Tüte Stoffreste, die man auch hätte wegwerfen können, wieder ein richtiges Kleidungsstück zu nähen, und ich ziehe das Shirt regulär im Wechsel mit meinen anderen Langamrshirts an, meistens unter einer Strickjacke oder einem Pullover. Weitere werden sicher folgen, öko oder nicht - auch Stoff ist ein Rohstoff, mit dem man sparsam umgehen sollte, und davon abgesehen macht auch das Nähen einfach Spaß. Ein Detailfoto vom Shirt liefere ich hier noch nach - mir fällt erst jetzt ein, dass das ja interessant gewesen wäre! Bilder oben eingefügt (7.5.2020)


Menschen in ihrer selbstgenähten Kleidung treffen sich heute - wie jeden ersten Mittwoch im Monat - beim MeMadeMittwoch.

Donnerstag, 16. Januar 2020

Nähen vom Stapel: Skyline Skirt (twinkle), Beryl Bomber dress (named clothing) und stricken mit Brigitte kreativ

Ein gutes neues Jahr wünsche ich euch allen! Ich weiß, woanders werden schon Tulpensträuße gezeigt, aber ich bin erst jetzt im Winter-Nähmodus angekommen, gepaart mit der Erkenntnis, dass ich tatsächlich ein paar neue warme Sachen brauchen kann.


Der aktuelle Stoff- und Projektstapel steht zufälligerweise unter dem Motto "Nutze deine ältesten Stoffe". Da ich in meinem Notizbuch eine Liste meiner Stoffkäufe führe, kann ich meistens genau sagen, wann und wo ich einen Stoff gekauft habe.


Auf dem Stapel liegen von links nach rechts: ein Reststück Tweed mit Glitzer vom Tauschtisch der Annäherung 2017 und ein Rest dunkelgraue Viskose-Wollmischung (erinnert an einen Anzugstoff). Beide Reste zusammen sollen ein Acht-Bahnen-Patchworkrock nach dem Schnitt des "Skyline Skirt" aus Twinkle sews werden, ein einfaches, aber geniales Schnittmuster, das ich schon zweimal genäht habe (hier und hier) und einmal für den Prada-Sewalong adaptiert habe. Die Aufteilung der Bahnen bietet sich dafür an, verschiedene Stoffreste zu verwursten, und so ein Projekt hatte ich mir schon lange vorgenommen - es gibt noch eine Menge andere 40-cm-Wollstoffreste, die dafür gut geeignet wären.

Das Buch Twinkle sews von der New Yorker Designerin Wenlan Chia, aus dem der Schnitt stammt, ist von 2009, aber gut gealtert, wie ich beim Durchblättern finde. Die detailreichen Schnitte könnte man alle jetzt auch noch nähen und tragen und es ist interessant, dass es etwa zehn Jahre gedauert hat, bis mit den Büchern von named clothing und von dp studio etwas Vergleichbares auf den Markt gekommen ist.


Daneben liegt eine graubraune Viskose-Wollmischung mit cremeweißen und beigen Nadelstreifen, ebenfalls anzugstoffähnlich, daraus soll ein Beryl bomber dress von named clothing werden und ich bin ganz stolz auf mich, dass ich diesen Stoff endlich anschneide: Wenn meine Notizen stimmen, dann habe ich ihn im Oktober 2010 auf dem Maybachmarkt gekauft, und danach über Jahre noch viele, viele ähnliche Stoffe.

Meine Begeisterung für feine Wollstoffe in Grau, Dunkelblau, Schwarz mit Nadelstreifen, Kreidestreifen, Hahnentritt, Glencheckkaro oder Pfeffer-und-Salz-Musterung ist so groß, dass sie immer in die Kategorie "zu schade zum Vernähen" fallen und ich bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit wieder einen ähnlichen Stoff kaufe - schließlich habe ich ja keinen, denn Stoffe, die nicht zum Vernähen bestimmt sind, zählen nicht. Auf diese Weise habe ich über die Jahre eine ansehnliche Sammlung erworben und könnte die nächste Vorstandstagung einer durchschnittlichen Großbank mit Anzügen ausstatten. Als ich beim Umzug das ganze Ausmaß meiner Wollstoffsammlung erkannte, wurde mir klar, dass ich sie nun aber wirklich vernähen muss und vor allem keine feinen Wollstoffe mehr kaufen darf. Dieses geplante Kleid ist das erste Projekt, das aus der Sammlung umgesetzt wird, und schon jetzt tut es mir um den "verbrauchten" Stoff etwas leid und ich wünschte, ich hätte damals einfach vier Meter statt zwei Meter gekauft.

Dazwischen liegt ein großes Reststück schwarzer Viskosejersey mit grünen Sprenkeln vom Annäherungs-Tauschtisch 2019. Daraus wird ein simples Langarmshirt - mit etwas Zuschnitttetris und einer zusätzlichen Naht am Ärmel reicht der Stoff gerade so.


Und zuguterletzt erblickt man rechts am Rand ein Problem: Eine angefangene Strickjacke nach einer Anleitung aus Brigitte Kreativ 1/2015, ein Hebemaschenmuster mit Nadelstärke 8. An dieser Jacke stricke ich schon seit dem letzten Winter oder Frühjahr herum. Meine Maschenprobe passte zwar in der Anzahl der Maschen pro 10 cm zur Anleitung, nicht aber in der Anzahl der Reihen: Das Gestrick wurde bei mir erheblich länger, als es eigentlich sein dürfte.

Da es sich bei der Anleitung sowieso um eine "lange, verschlusslose Jacke" handelt, hielt ich eine etwas längere, strickmantelähnliche Jacke für eine gute Idee. Nach dem Stricken von Rückenteil und Vorderteilen stellte ich dann fest, dass so eine längere Jacke erheblich weiter geschnitten sein müsste, als die kurzen Strickjacken, die ich üblicherweise trage. Falls Strickmäntel oder ähnliche Jacken überhaupt etwas für mich sind, ich bin mir noch nicht sicher. Jetzt müsste ich also mit anderen Proportionen (nicht ganz so lang, dafür aber breiter) noch einmal von vorne anfangen, und davor drücke ich mich gerade und stricke lieber an zwei, drei anderen Dingen.

Morgen geht's aber erstmal zur AnNäherung, dem jährlichen Nähwochenende in Bielefeld, und dort werde ich nichts vom Stapel nähen, sondern einen Trenchcoat (Isla von named clothing, Ersatz für diesen Mantel) anfangen. Der Wollmantel, den ich bei der AnNäherung 2019 nähte, hat immer noch kein Futter, und dann bemerkte ich, dass ich das Schnittmuster versehendtlich weggeworfen hatte - aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andernmal erzählt werden. 

Mittwoch, 29. August 2012

MMM* - Strumpfhose oder nicht...

...das ist zur Zeit die Frage aller Fragen. Herbst liegt in der Luft, und morgens weiß man nicht, ob nackte Beine so eine gute Idee sind. Ich schätze: nein, aber der Rock muss auch noch nicht aus Wolle sein.

Ich trage einen Acht-Bahnen Rock, den "Skyline Skirt" aus dem Buch twinkle sews, den Rock (der zum Teil aus einem alten Hemd genäht ist), hatte ich hier besprochen, das Buch hier vorgestellt. Auch wenn das Zusammenkleben der Schnitte umständlich, die Anleitungen nicht doll und die Schnittmuster zum Teil fehlerhaft sind - ich mag bisher alle Teile sehr, die ich nach twinkle-Schnitten genäht habe.

Das Oberteil ist ein ganz einfaches Teil aus Jersey mit angeschnittenen Ärmeln, Nummer 108 aus Burdastyle 9/2011 (hier zu sehen im russischen Burda-Archiv). Man braucht knapp 2 Meter Stoff und hat viel Verschnitt, wenn man Vorder- und Rückenteil am Stoffbruch zuschneidet, daher schnitt ich den unteren Teil der Ärmel separat zu und fügte sie mit einer dort nicht vorgesehenen Naht zusammen. Absichtlich so, dass die Streifen nicht übereinstimmen, anpassen wäre nämlich so gut wie unmöglich gewesen. Inzwischen habe ich aber noch einen besseren Stoffspar-Trick bei solchen Teilen mit angeschnittenen Ärmeln gelesen: Nur das Vorderteil im Bruch zuschneiden und ins Rückenteil eine senkrechte Mittelnaht einbauen. Nächstes Mal dann.       



Die Kette ist nicht von mir selbstgemacht - sie stammt aus Brno,  gekauft vor vielen, vielen Jahren.

Rockschnitt: "Skyline Skirt" aus twinkle sews von Wenlan Chia
Material: altes Hemd und Baumwoll-Viskose-Satin

Shirtschnitt: 108 aus Burda 9/2011
Material: Jersey vom Markt

*) Beim MMM, dem Me-made Mittwoch geht es darum, selbst gemachte Kleidung zu tragen und dies zu dokumentieren. Alle Beiträge von heute finden sich hier, im neuen Me-made-Mittwoch-Blog.

Mittwoch, 22. Juni 2011

Me-made Mittwoch*: Hosentag


Heute eine Premiere zum Me-made Mittwoch: eine Hose! Da ich normalerweise Röcke trage, wurde diese unglaubliche Tatsache auch schon von meinen Schreibtischnachbarinnen kommentiert. Sollte ich in Jeans aufkreuzen, werde ich vermutlich gefragt, wer ich bin und was ich hier mache.

Die weite Hose aus Leinen – nach einem Tag etwas von ihrer Bestform entfernt – entstand schon vor längerer Zeit nach dem Schnitt einer gut passenden gekauften Hose, die ich auseinander nahm und abmalte, als ihre besten Zeiten vorbei waren. Diesen Schnitt habe ich schon mehrmals reproduziert, und könnte ich mich besser zum Hosennähen aufraffen, würde es noch einige Versionen aus Leinen und aus Wollstoff geben. Die Bluse ist die Origami-Bluse aus twinkle sews, hier schon einmal ohne Strickjacke gezeigt und hier im Detail vorgestellt. Beides zusammen ergibt ein Outfit, das nur unwesentlich mehr Form hat als mein Schlafanzug, durch Farbe, Material und den interessanten Schnitt der Bluse aber nicht so schlunzig wirkt, wie es in Wirklichkeit ist. Meine Strategie, wenn ich es sehr bequem haben, aber gleichzeitig nicht unangenehm auffallen möchte. Wobei, auffallend war es ja trotzdem: "Du trägst ja eine Hose?!?" - "Ähm ja, und?"

*) Am Me-made Mittwoch geht es darum, Selbstgemachtes zu tragen und dies zu dokumentieren Die Teilnehmerinnen von heute finden sich hier, organisiert wie immer von Catherine.

Samstag, 14. Mai 2011

Twinkle sews: Origami-Blouse


Einen längeren Beitrag über die Tücken der Origamibluse hatte ich ja schon angedroht, als ich sie an einem Me-made-Mittwoch vorstellte, dann kam einiges dazwischen, und falls inzwischen jemand gehofft haben sollte, von länglichen Monologen über ein Schnittmuster, das keiner kennt, verschont zu bleiben – Pech gehabt. Zwar passen die deutschsprachigen Käuferinnen des Buchs twinkle sews vermutlich in mein Wohnzimmer – aber wir befinden uns hier ja nicht umsonst in einem Nischenmedium. Und falls ihr die Origami-Idee prinzipiell gut findet, euch die Bluse aber lieber sparen würdet: kein Problem, unter unten Punkt 6 sieht man, wie das gemacht wird, ganz einfach nämlich, und das Prinzip ist auf jedes beliebige Oberteil übertragbar.


Prolog

Die Origami-Bluse ist im Grunde kein besonders schwieriger Schnitt. Nähtechnisch kann ihn jeder bewältigen, der einigermaßen präzise geradeaus, um die Ecke und um die Kurve nähen kann. Die Schnittform ist passformunsensibel, soll locker fallen, daher sind figurbedingte Änderungen nicht nötig, solange die Oberweite hineinpasst. Der Teufel steckt in der rudimentären Anleitung, die teilweise umständliche Verarbeitungsweisen vorschlägt, teils nur auf die Detailfotos im Buch verweist und teils einfach unvollständig ist. Deshalb also hier die kniffeligsten Stellen - mit feundlicher Unterstützung von Nähfreundin Wiebke (mit dem beeindruckenden dezentralisierten Stofflager), von der einige der Kniffelstellen-Umschiffungen stammen.


1. Schnittmuster und Größe

Vor das Nähen hat Twinkle das Drucken und Kleben gesetzt. Der Schnitt kommt auf verhältnismäßig überschaubare 28 Seiten. Der Ärmel muss selbstverständlich zwei Mal zugeschnitten werden, das Schnitteil für einen Schrägstreifen braucht man nicht, je nachdem welche Ausschnittversäuberung man wählt, misst man besser das halbfertige Teil aus und schneidet sich nach diesem Maß die Schrägstreifen zu.
Eine Bluse Größe 8 hat einen Brustumfang von ca. 104cm (Falten glattgezogen), die Saumweite sind 126cm, die Blusenlänge (Schulter bis Saum) ca. 60cm.

2. Material

Einen Meter leichter Stoff, hier ist es schwarz-blau-karierter Baumwollvoile von Stoff+Stil. Für den Einsatz und das Bindeband dunkelblauer Jersey, wie die Anleitung vorschlägt. Wiebke verwendete für den Einsatz den gleichen zarten grauen Webstoff wie für die Bluse, als Bindeband nähte sie ein längs gestreiftes Webband per Hand an die Ausschnittkante - definitiv die bessere Idee, denn mein verstürztes Jerseyband ist ziemlich knubbelig. Die Origamiteile sind bei mir ebenfalls aus dem Blusenstoff, Wiebke ließ sie weg und hat trotzdem eine nicht alltägliche Bluse, Au Café couture nahm einen Kontraststoff. Frifris schlug im Kommentar zweifarbige Origamiteile vor – gute Idee, mehr dazu unter Punkt 6.

Links: gesteppte Falten von der Innenseite gesehen, rechts von außen

3. Ärmel

Die Falten an der Oberkante der Ärmel sollen ein Stück zugesteppt werden. Richtet man sich stur nach den Markierungen auf den Schnitteil, erhält man insgesamt 10 Falten pro Ärmel – je vier große und eine kleine auf der Vorder- bzw. Rückseite.

Rechts: Gummiband gedehnt mit Zickzack auf die Saumzugabe genäht, Ärmelnaht geschlossen. Links: Saumzugabe nach innen gefaltet und festgesteckt

Links: Saumzugabe festgesteppt von innen - und rechts Ärmel von außen

Am Ärmelsaum wird ein Gummiband mit Zickzack gedehnt auf die Saumzugabe genäht und am besten erst danach die Ärmelnaht geschlossen. Die Saumzugabe doppelt nach innen einschlagen und festnähen. Es entsteht ein Ballonärmel, bei dem das Gummiband außen nicht sichtbar ist.

4. Ausschnittverarbeitung

Die Anleitung schlägt vor, die Falten in Vorder- und Rückenteil und in den Ärmeln einzulegen und die Ausschnittkanten (zwei am Vorderteil rechts und links vom Schlitz, und die Kante am Rückenteil) einzeln mit Schrägstreifen einzufassen. Anschließend sollen die Ärmel mit Vorder- und Rückenteilen verbunden werden, wobei zwei bis drei Zentimeter vom Ärmel an Ausschnitt überstehen, die nach innen geklappt und „unsichtbar“ per Hand festgenäht werden sollen - umständlich und nicht besonders schön. Wiebke nähte deshalb erst die Ärmel mit den Blusenteilen zusammen und fasste dann die ganze Ausschnittkante in einem Rutsch mit einem Schrägstreifen ein.

Einsatz: Außenteil ins Blusenvorderteil gesteppt, man sieht die linke Seite

Jetzt von rechts: Zweites Einsatzteil rechts auf rechts auf das schon eingesteppte stecken, entlang der oberen Kante und der Schlitzkanten nähen - Nahtzugabe einschneiden, Einsatzteil nach innen wenden

5. Einsatz

Der Einsatz mit Schlitz umschließt die letzten offenen Kanten am Vorderteil. Ich nähte eine Stütznaht entlang der Nahtlinie, an der man sich beim Stecken und Einnähen super orientieren kann. Das erste Einsatzteil nähte ich rechts auf rechts in die Aussparung im Vorderteil - natürlich Nahtzugaben einschneiden und schön bügeln. Das zweite Einsatzteil kommt rechts auf rechts drauf, es wird entlang des Schlitzes und der oberen Kante gesteppt , eingeschnitten, gebügelt und das Teil nach innen gewendet. Die noch offenen Kanten säumte ich per Hand von innen gegen die Naht, Wiebke steppte diese Kante mit einem kleinen Zickzack ab, und die wahren Virtuosinnen des Absteppens würden den Beleg ganz präzise von der rechten Seite „im Nahtschatten“ feststeppen.

So siehts aus: eines der berühmten Origamiteile

6. Origamiteile

Die mysteriösen Origamiteile bestehen aus verstürzten Rechtecken, bei denen man zwei Ecken zur Mitte einer langen Seite faltet und bügelt, so dass eine dreieckige Grundfläche mit zwei hochstehenden Zipfeln entsteht.

Origamiteile in Dreiecksform auf den verstürzten Einsatz steppen

Acht dieser Teile werden auf dem vorher so mühsam verstürzten Einsatz angeordnet und jeweils in Dreicksform festgenäht – die Anordnung ergibt sich aus dem Foto im Buch auf Seite 91, bzw. hier bei mon Cafe couture gibt es auch ein gutes Detailbild. Die vorgegebene Dreiecksgröße ist seltsamerweise breiter als der Einsatz, so dass die Steppnähte teils auf dem Einsatz, teils auf dem Blusenvorderteil liegen – das sieht von innen nicht besonders professionell aus, und beim nächsten Mal würde ich die Origamiteile etwas verkleinern.
Aber so komliziert muss man es sich ja gar nicht machen: Schließlich lässt sich jedes Blusen- oder Shirtvorderteil mit aufgesteppten Origamiteilen aufhübschen – aus dem gleichen oder aus kontrastierendem Stoff, oder sogar zweifarbig, wie Frifris vorgeschlagen hatte, wenn man zwei verschiedenfarbige Rechtecke miteinander verstürzt.

7. Noch Fragen? Falls noch nicht alle kniffeligen Stellen erschöpfend abgehandelt wurden – ich helfe gern, auch später noch, meldet euch dann einfach.

Mittwoch, 4. Mai 2011

Me-made Mittwoch*: Satin, aber Hollywood ruft trotzdem nicht an


Ich weiß jetzt, woran mich mein neuer beigegrauer Rock erinnert: An die Filmdiven der 30er Jahre. Das leicht glänzende Material wie von einer der phantastischen Abendroben, die Schnittführung mit den Zacken wie spätes Art Déco, die Farbe wie ein Schwarzweißfilm. Hollywood ruft an diesem sehr kalten, regnerischen Vormittag trotzdem nicht an, auch wenn ich schon leicht zerknittert die ganze Zeit neben der Kommunikationszentrale sitze.

(Schnitt: Skyline Skirt aus twinkle sews, Details siehe Beitrag vom Sonntag.)

*) Beim Me-made Mittwoch geht es darum, Selbstgemachtes zu tragen und dies zu dokumentieren - ausgedacht und organisiert von Catherine, die anderen Teilnehmerinnen heute finden sich hier.

Sonntag, 1. Mai 2011

Neues Leben für alte Kleider im April - und ein Ex-(Braun)hemd

Willkommen im Mai zu einer neuen Ideensammlung: Aufhübschen, Umschneidern, Dekonstruieren, Wieder- und Andersverwerten. Man merkt, es wird wärmer, und die verwendeten Materialien werden dünner. Und apropos Materialien: Wenn ich die "Neues Leben"-Posts bis jetzt rekapituliere, dann waren Pullover bisher das heimliche Thema - in jedem Pullovermonstrum steckt anscheinend eine hübsche kleine Strickjacke, die durch Nähkunst hervorgelockt werden kann. Beweis im April: Poet/Seamstress Stories' feiner schwarzer Riesenpullover war in Wirklichkeit eine verzauberte Strickjacke mit gerüschter Verschlussleiste.

Das heimliche Thema im April hingegen waren Kissenbezüge:

Teresa/Rose und Lavendel hat nicht nur eine weitere Stoffgeschichte aus ihrer Nähkarriere parat, das alte Dirndl für ihre Tochter ist inzwischen umgearbeitet, und aus einem Siebziger-Jahre-Kissenbezug wurde eine Einkaufstasche, deren Muster heute wieder ganz modern wirkt.

Sanne/Sannenäht trieb einen ziemlich schrägen Souvenir-Kissenbezug auf und sah ebenfalls eine Tasche darin - mit einem Gürtel als Träger. In Münster scheint es überhaupt beneidenswerte Trödelläden und -Märkte zu geben, denn Sanne findet oft interessante alte Kleider und ändert sie für sich um - zurückblättern im Blog lohnt sich.

Frau Siebensachen entdeckt in Bett- und Kissenbezügen Röcke: Schon im letzten Juni und jetzt wieder - nur die Nähzauberei braucht noch etwas Zeit.

Karina/Was Kawi so macht war auf der gleichen Spur: ein 70er-Jahre-Kissenbezug vom Flohmarkt wurde zu einem Sommerrock und die Lebensdauer von Kindersachen lässt sich mit einfachen Maßnahmen verlängern.

Heike/Schneiderprospekt erweckte eine Puppenwiege zu neuem Leben - ob der Stoff auch schon ein anderes Leben vor sich hatte, weiß ich nicht, aber niedlich ist es auf jeden Fall.

Die Tagpflückerin nähte aus Papas Jeans und Mamas Karobluse eine Kinderhose, die überhaupt nicht gestückelt aussieht.

Danyeelas Frühlingsschal mit Hemdkragen ist zwar streng genommen kein Refashionprojekt - sie nähte den Kragen neu nach einem Blusenschnittmuster - aber die Idee lässt sich natürlich genauso gut mit einem alten Oberhemd verwirklichen, sofern der Kragen noch heil ist. Sehenswert und voller Refashion-Ideen auch die Webseite von artpoint, von denen die Idee ursprünglich stammt. Und, weil es thamtisch gerade so gut passt: Katja/Ofdreamsandseams zeigte am Mittwoch ihr me-made-Outfit und zwar einen Krawattenrock.

Suschnas Kimonoseidenschal stellt nun auch gleich eine wunderbare Verbindung und Überleitung her: er lässt sich bestimmt auch als Frühlingsschal tragen - und andererseits dient er der Pazifierung eines Mantels. Was Blumen doch bewirken können!

(Das nächste Mal Neues Leben für alte Kleider am 5. Juni.)

Mein Refashion-Projekt hatte in gewisser Weise ebenfalls mit Resozialisierung zu tun, wobei Refashion an sich ja sowieso als eine Art Resozialisierung für Kleider betrachtet werden kann: nur dass es hier ausschließlich um Äußerlichkeiten geht, nicht um das Bewusstsein.

Problematisches Hemd
Ausgangspunkt war ein kaum getragenes Hemd, dessen Farbe mit „milchkaffeebraun“ noch am freundlichsten beschrieben ist. Ein Geschenk der Oma des Liebsten, die – wie wohl die meisten Omas – ihrem Enkel immer noch gerne Sachen mitbringt, von denen sie denkt, dass sie nützlich seien. Mal sind es Frühstücksbrettchen, mal sind es eben Hemden. Und was soll ein lieber Enkel antworten, wenn die Oma, damals schon weit über 70 und sehr schlecht zu Fuß, ihn freudestrahlend - „Ich hab‘ dir ein paar schöne Hemden mitgebracht!“ - mit einem braunen Hemd in Größe XL überrascht? "Kannst du das umtauschen?" sicher nicht. Und das Größenargument zieht nicht, weil Oma immer etwas größer kauft, weil ja die Sachen in der ersten Wäsche „bestimmt noch eingehen“.


Das Hemd war also zu groß, es war braun, es war aus einer Polyester-Viskose-Mischung – Eigenschaften, die es zehn Jahre lang zu einem Leben in der hintersten Ecke des Kleiderschrankes verdammten. Meine erste Idee, eine Bluse mit türkisblauen Akzenten, verwarf ich schon beim Auftrennen: dem ziemlich dicken und dabei völlig knitterfreien Stoff war vorherbestimmt, ein Rock zu werden. Und als mir ein beigegrauer Baumwoll-Viskose-Satin in die Hände fiel, den ich letztes Jahr ohne besondere Absicht auf dem Markt gekauft hatte, glaubte ich an die Vorsehung: Gleiche Farbe, nur einen Ton heller, die beiden waren füreinander bestimmt. Und für den Schnitt des „Skyline Skirt“ aus twinkle sews, der zwei aufeinander abgestimmte Rockstoffe verlangt – Eva/Atelier Schmuckstück hatte ihn letztes Jahr in Schwarz mit Karo genäht.


Im Prinzip handelt es sich um einen ausgestellten Acht-Bahnen-Rock, wobei die Bahnen auf Hüfthöhe diagonal geteilt sind. Neben den zwei Teilen für die Rockbahnen gibt es noch ein Schnitteil für den Futterrock, das gleiche für Vorder- und Rückenteil – that‘s it. Diesmal nur 18 Seiten auszudrucken und zusammenzukleben, kein Vergleich zum Annie-Hall-Rock aus dem selben Buch. Fast wäre ich des Lobes voll, wären nicht die Rockteile im Ausdruck so angelegt, dass eines mit der Schrift nach oben und das andere mit der Schrift nach unten auf den Stoff gelegt werden muss, damit es später zusammenpasst – siehe Suchbild. Eine böse Falle, in die ich - natürlich - getappt bin. Glücklicherweise sieht der Hemdenstoff auf Vorder- und Rückseite gleich aus.

Suchbild: was stimmt hier nicht?
Von dieser Hürde abgesehen ist der Rock aber leicht zu nähen und durch die vielen Nähte leicht anzupassen, die obere Kante wird einfach mit dem Futter verstürzt. Und als Rock sieht das undefinierbare Milchkaffeebraugrau richtig gut aus – vor allem gibt es wohl keine Farbe, die nicht dazu passen würde.

Hier noch die harten Fakten zum Rock

Schnitt: Skyline Skirt aus twinkle sews – Vorsicht, einer der Rockteile muss beim Zuschnitt spiegelverkehrt aufgelegt werden!
Größe 8, Hüftweite ca. 98cm, Länge ca. 58cm
Material: Oberer Teil Mischung aus Polyester/Viskose, (Hemd) unterer Teil Satin, wahrscheinlich Baumwolle/Viskose, Viskosefutter, in der oberen Rockkante ein mitgefasstes Band zur Verstärkung

Mittwoch, 6. April 2011

Me-made-Mittwoch*: Die verflixte Origami-Bluse


Kennt ihr das, diese Nähprojekte, die im Verlauf ihres Entstehens immer komplizierter werden, bei denen man zum Schluss fast alles noch einmal mühevoll ändert und die dann, wenn endlich fertig, noch nicht einmal hundertprozentig gefallen? Die Origami-Bluse aus dem Buch twinkle sews, über das ich im Januar schon einmal geschrieben hatte, ist genau so ein Fall.

Der Nähprozess zog sich von Weihnachten bis in den März hin, vor allem weil ich mit dem Schnittmuster in Größe 12 anfing, ein Zelt produzierte, fast alles wieder auseinandernahm, die Teile so weit möglich an Größe 8 anglich und noch einmal neu zusammennähte. Über die Schwierigkeiten im einzelnen wird es demnächst einen gesonderten Post in epischer Länge geben.


Die Bluse finde ich letztlich in Ordnung, aber keinesfalls so sensationell, wie es angesichts der ganzen Mühe nur recht und billig gewesen wäre. Weil sie a-förmig nach unten weiter wird, macht sie nicht gerade einen schlanken Fuß, die Origamigeschichte vorne (siehe Detailbild) kommt mir ein bißchen viel vor oder zumindest sehr ungewohnt – wir werden sehen, ob sich die Bluse im Sommer bewährt. Der Rock ist wie letzte Woche auch mein schwarzer Standardrock.

*) Beim Me-made-Mittwoch geht es darum, selbst gemachte Sachen zu tragen und dies zu dokumentieren, alle Teilnehmerinnen von heute sind hier verlinkt.

Montag, 31. Januar 2011

Stadtneurotikerin mit Fischschwanz


126 Seiten. So viele A4-Blätter musste ich für diesen Rock ausdrucken, zusammenkleben und wieder ausschneiden - ich werde wohl nie eine Freundin der Schnitte zum Selberdrucken.

Das Schnittmuster für diesen Rock namens Annie Hall aus dem Buch twinkle sews, über das ich mich vor ein paar Tagen schon ausführlich ausgelassen hatte, umfasst eigentlich "nur" 63 Seiten, aber da ich nach der ersten Klebeorgie mit Größe 12 feststellte, dass die viel zu groß ist, hatte ich den ganzen Spaß noch einmal mit Größe 8. Und die passt ganz gut - nur die Taille habe ich noch etwas verschmälert. Größe 8 entspricht in diesem Fall fast genau einem engen Rock nach Burda in Größe 38, aber ich wage nicht, diese Erkenntnis für die anderen Rockschnitte zu verallgemeinern, so viel widersprüchliches habe ich nun schon über die Größenproblematik in diesem Buch gelesen.


Eins aber scheint mir sicher: Die Vorführdame in twinkle sews trägt Größe 0 und hat die Beine auf dem Foto noch dazu kordelgleich umeinander geschlungen. In Wirklichkeit nämlich bietet der Rock in Kniehöhe genügend Platz zum normalen Ausschreiten - nur bei höherem Tempo wirkt der Saum des Futterrocks ein bißchen hinderlich. Und auch sonst hat der Rock den Alltagstest schon bestanden. Treppensteigen, in den Bus steigen - alles kein Problem, man läuft nicht Gefahr, vorne auf den Saum zu treten und fegt beim Abwärtsgehen auch nicht die Treppen zur U-Bahn.


Wichtigste Maßnahme gegen das Wahnsinnigwerden: Jedes Schnitteil sofort auf der Rückseite mit seiner Nummer und oben/unten/hinten/vorne-Markierungen versehen. Der Oberrock besteht aus 14 Teilen (ohne die Taschen), alle verschieden - aber eben nicht offensichtlich verschieden, sondern kaum merklich asymmetrisch. Als ich nach dem Drucken, Kleben, Ausschneiden endlich alles aus meinem olivgrünen Wollstoff zugeschnitten hatte (und fürs Futter nochmal fünf Teile), hatte ich mich schon gefragt, ob das eigentlich noch ein Hobby ist - habe ich denn keine anderen Sorgen? Oder vielleicht sollte ich doch lieber die Weltfinanzkrise lösen.


Die Teile gingen dann aber doch zügig und völlig problemlos zusammen - und auch die zahlreichen Querzeichen an den Rändern offenbarten nach und nach ihre Bedeutung. Für offenkantige Verarbeitung kann ich mich meistens nicht begeistern, hier aber gefallen mir die links auf rechts gesteppten Teilungsnähte und der abgesteppte Saum, denn sie bilden einen stilistischen Bruch zu dem ansonsten sehr eleganten Schnitt. Wenn man den Rock, so wie als Variation vorgeschlagen, aus Seidensatin näht, erreicht man mühelos das Anmutung einer 30er-Jahre-Filmdiva. Aber auch aus alltäglicherem Stoff ist "Annie Hall" ein Rock, auf den man angesprochen wird - wenn ich mich nur erinnern könnte, ob Dianne Keaton in dem Film jemals etwas anderes trägt als Tweedhosen mit Weste!


Technische Daten:
Schnittmuster "Annie Hall" aus twinkle sews
Größe 8, Hüftweite (am Reißverschlussende) ca. 99cm beim fertigen Rock
Länge ca. 102 cm
Material: ca. 1,80m Wollköper und etwa 1,30m Futterstoff (Futterteile etwas versetzt nebeneinander zugeschnitten), Bügeleinlage für den oberen Teil und den Bund

Samstag, 22. Januar 2011

Twinkle sews - Designermode zum Selbernähen

Jede aufstrebende neue Modedesignerin braucht eine gute Geschichte. Die von Wenlan Chia, Gründerin und Chefdesignerin des Labels twinkle, geht in etwa so:

Wenlan wuchs in Taiwan auf und kam schon als Kind mit Stoffen und Schnitten in Berührung, denn ihre Mutter arbeitete als Schnittdirektrice und entwarf privat für Wenlan und ihre Schwester wunderbare Kleider. 1991 zog die 23-jährige Wenlan zum Kunstgeschichtsstudium nach New York und belegte gleichzeitig Abendkurse am New Yorker Fashion Institute of Technology. Fortan wurde sie auf der Straße auf ihre Kreationen angesprochen und brachte schließlich ihre erste Kollektion farbenfroher handgestrickter Pullover und Accessoires im Herbst 2000 heraus - ein Jahr, nachdem sie selbst stricken gelernt hatte. Twinkles erster Auftritt im Nachwuchssegment der New Yorker Modewoche 2002 wurde gleich ein voller Erfolg, und das Label ist seither in den Kleiderschränken so berühmter Kleidträgerinnen wie Jessica Simpson, Mischa Barton, Maggie Gyllenhaal, Kate Hudson und Molly Sims zu finden.

So weit die Legende. Zugleich, und das unterscheidet Wenlan Chia von unzähligen anderen, hat sie ein großes Herz für Selbermacherinnen. Seit 2006 erschienen drei Strickbücher über die voluminösen Wollkreationen Wenlans, im Herbst 2009 ein Nähbuch – twinkle sews - das 25 Modelle aus früheren twinkle-Kollektionen enthält, komplett mit Schnittmustern auf einer beiliegenden CD.
Kurze und lange Röcke, Blusen und jackenartige Oberteile im Raglanschnitt, Tunikakleider, Spaghettiträgerhemdchen, ein Sweatshirt mit Känguruhtasche, bodenlange, fließende Sommerkleider lassen sich in den Größen 0 bis 16 nacharbeiten (die Schnittübersichtsseiten aus dem Buch kann man hier sehen). Die Schnittführung ist außergewöhnlich – nichts, was sich rasch aus einem Grundschnitt ableiten ließe, sondern raffinierte Faltenpartien, ungewöhnliches Volumen, nicht offensichtliche Asymmetrien und aufwendige gefaltete Verzierungen. Eben „from the runway to your wardrobe", wie es der Untertitel verspricht.

Als ich vor einem Dreivierteljahr das bestellte Buch zum ersten Mal durchblätterte, befiel mich ein vorfreudiges Kribbeln, wie es ansonsten vielleicht nur noch die Aussicht auf freie Auswahl im Lieblingsschuhgeschäft hervorrufen könnte. Das war alles so außergewöhnlich, so raffiniert, so großstädtisch-chic! Etwa die Hälfte der Modelle im Buch gefiel mir, und das bedeutete immer noch eine komplette twinkle-Garderobe in Reichweite meiner Nähmaschine!
Die aufmerksame Leserin wird sich jetzt berechtigter Weise fragen, warum ich, wenn doch die Schnitte so großartig sind, noch nicht die Hälfte des Buches nachgenäht und hier jubelnd vorgestellt habe – und damit kommen wir zu den Problemen.
Neben kleineren, aber grundsätzlich lösbaren Schwierigkeiten - die Schnitte als pdf sind zwar für Papier im amerikanischen Letter-Format ausgerichtet, lassen sich aber durchaus auch auf A4 drucken, die Anleitungen sind sehr knapp, aber vieles erklärt sich durch die Fotos der fertigen Modelle im Buch - ist die idiotisch verkomplizierte Größentabelle das größte Ärgernis.

Zwar gibt twinkle sews, so wie man das von Schnittmustern gewöhnt ist, eine mit "Körpermaße" bezeichnete Tabelle für Ober- und Hüftweite und Taille an (Seite 12). Im erklärenden Text heißt es im Widerspruch dazu aber, es handele sich nicht um Körpermaße, sondern man solle zu den eigenen Maßen eine Nahtzugabe von 2 inches und eine Bequemlichkeitszugabe von 2,  zum Teil auch 3 inches dazu addieren und erhalte damit das Maß, nach dem man in der eben dieser Tabelle die passende Schnittgröße auswählen könne. Geht es komplizierter? Zudem verstehe ich nach nun zwei fast fertigen Teilen weniger denn je, wie die Zahlen der Tabelle mit den Maßen des fertigen Kleidungsstücks korrelieren sollen, denn egal wie ich rechne, ob ich sie nun tatsächlich als Körpermaße verstehe, oder ob ich Zugaben einrechne, sie ergeben keinen Sinn.

Ein weiterer dicker Minuspunkt ist die Aufteilung der verschiedenen Größen in einzelne Dateien. Anstatt wie bei einem Fertigschnitt die Linien für alle Größen übereinander zu legen, so dass man mit einem Ausdruck einen vollständigen Schnittbogen erhält, auf dem man die Schnitteile ausmessen, die verschienden Größen vergleichen und die passendste wählen könnte, enthält die CD für jede zweite Größe eine separate Datei. Man muss den Schnitt also zunächst einmal ausdrucken, zusammenkleben – wegen der sehr lockeren Verteilung der Schnitteile leicht 50 Seiten und mehr – um zu messen und eventuell festzustellen, dass er nicht passen wird. Dann kann man das Spielchen zwei Größen größer oder kleiner wiederholen und muss sich eventuell noch aus dem gedruckten Material die Größe dazwischen selbst basteln. 

Es ist also viel Gedrucke, Geklebe, (Gefluche) und eine gewisse Abenteuerlust nötig, um zu einem Nähergebnis zu kommen. Abenteuerlustig waren z. B. schon Eva - Atelier Schmuckstück, die den "Skyline skirt" genäht hat, oder Lucia - Au café couture mit einer Version des "Budding romance"-Kleids und der Origamibluse. In die Reihe dieser Abenteuerlustigen kann ich mich nun einreihen, und obwohl der Praxistest der Teile noch aussteht und man an auch den Nähanleitungen viel kritisieren kann, kann ich schon jetzt sagen, dass die Schnitte nicht nur außergewöhnlich, sondern auch außergewöhnlich gut gezeichnet sind. Eine lohnende Herausforderung für jeden, der sich an den Burda-Ottobre-dieüblichenVerdächtigen-Schnitten sattgesehen hat.

Zum Ausprobieren gibt es zwei Schnittmuster aus twinkle sews kostenlos im Netz, einmal den "A plus A-line skirt", einen vielseitigen, aber nicht langweiligen Rock mit weichen Falten im Vorderteil, hier herunterzuladen bei Burdastyle (Registrierung erforderlich). Zweitens ein luftiges kleines Ballonkleidchen namens "Love in the afternoon", hier bei Craftstylish.