Donnerstag, 16. April 2015

Vom Hobby zum Business und wieder zurück: By Hand London zieht die Reißleine


Ob alle in den letzten zwei, drei Jahren gegründeten Indie-Schnittmusterfirmen auf Dauer bestehen können, darüber hatten wir an dieser Stelle ja schon öfter diskutiert. Das Angebot an Schnitten von kleinen Designern war gerade in den letzten Monaten schier unübersehbar geworden, und es war zu erwarten, dass sich das Geschäft nicht für alle lohnen würde.

Nun hat es als erstes By Hand London getroffen, die am Mittwoch letzter Woche in einem Blogpost ankündigten, ihr Geschäft signifikant zu verkleinern. Seit der Gründung von zweieinhalb Jahren hatte die Firma der drei Frauen aus London einen rasanten Höhenflug hingelegt. Ihr erster Schnitt, das Elisalex dress mit Tulpenrock, war damals neu und ungewöhnlich und wurde erfolgreich, nicht zuletzt Dank hinreißender Realisationen bekannter Nähbloggerinnen - ich sage nur: Dolly Clacketts Hummerkleid. Das Anna dress war wohl das beliebsteste Schnittmuster des Sommers 2013, nach der Frequenz zu urteilen, in der es in den Nähblogs nicht nur der englischsprachigen Welt auftauchte. Die aufwendigen Schnittmusterverpackungen, die Inszenierung als beste-Freundinnen-Firma, die ironischen Katzenbilder im Blog - By Hand London verströmte lässigen Londonglamour. Wie jede erfolgreiche Firma verkauften sie nicht nur ein Produkt, sondern ein Lebensgefühl. 

Vor einem Jahr sammelte By Hand schließlich per Crowdfunding das Startkapital für einen Stoffdruckservice ähnlich Spoonflower  - und mit dieser Erweiterung des Geschäftsfelds übernahmen sich die Gründerinnen. So lese ich es zumindest aus ihrem Blogartikel heraus: der Digitaldrucker erforderte neue, größere Geschäftsräume, die Programmierung der Webseite zum Hochladen und Bearbeiten eigener Stoffdesigns war sehr aufwendig, sich mit der Druckmaschine vertraut zu machen, erforderte mehr Zeit und mehr Material für Probedrucke als gedacht, während zugleich die laufenden Kosten stiegen und der Verkauf der Schnittmuster zurückging. Die bittere Bilanz: das Kapital ist verbraucht, die drei By-Hand-Frauen suchen sich nun wieder Jobs in ihren ehemaligen Berufen und betreiben das Schnittmustergeschäft mit pdf-Schnitten nur noch nach Feierabend. By Hand London ist damit zwar nicht ganz verschwunden, aber doch auf den Status eines ambitionierten Freizeitprojekts zurückgestutzt.

Sehr schade, dass es nicht geklappt hat! By Hand war eine der größeren Firmen unter den vielen neuen kleinen, und ich hatte angenommen, dass ihre große Fangemeinde das Geschäft über die nächsten Jahre bringen würde. Für mich funktionierten die vielen ärmellosen Kleiderschnitte nicht, die By Hand London im letzten Jahr herausbrachte, ich hätte mir Kleider mit Ärmeln, Röcke, Oberteile oder auch mal einen tollen Mantel oder eine Jacke gewünscht. Aber ich kann die Nachfrage nach Schnittmustern für Partykleider im Vergleich zu anderen Kleidungsstücken überhaupt nicht einschätzen - gut möglich, dass  By Hand sich auf Kleider spezialisiert hatte, weil sie sich einfach am besten verkauften. Dass Stoffdruck-on-demand ein schwieriges Geschäft ist, das sich nicht mal eben als zweites Standbein aufbauen lässt, hätte man vielleicht vorher wissen können. Aber im Nachhinein ist es immer leicht, schlau zu sein.

Was meint ihr, ist By Hand London nur der Anfang, werden wir 2015 als das Jahr der Indie-Schnittmusterfirmenpleiten in Erinnerung behalten? Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, was Todd Gibson von oliver+s über die Entwicklung im Verhältnis von pdf-Schnitten zu Papierschnittmustern schreibt. Seine Prognose: Einzelschnitte aus Papier wird es in 20 Jahren nicht mehr geben, und anscheinend sind es weniger die Druckkosten, als die Kosten für Lagerung und Vertrieb, die das Geschäft mit den Papierschnitten schwierig machen. 

Freitag, 10. April 2015

Das Warten hat ein Ende: Sewing Bee gibt's bald auch bei uns!

Genug der Spekulationen: Nach dem Castingaufruf und einer Andeutung in einem Zeitungsinterview mit Guido Maria Kretschmer  im Juli 2014 war es um die geplante deutsche Adaption der britischen Nähsendung Great British Sewing Bee recht still geworden. Aber heute wurde bestätigt, dass die Nähmaschinen auch in Deutschland bald um die Wette glühen werden, und zwar im Herbst bei Vox unter dem Titel "Geschickt eingefädelt - Wer näht am besten?"

Wie Meedia vorab berichtet, wird Kretschmer zusammen mit der Vorsitzenden des Bundesverbandes der Maßschneider Inge Szoltysik-Sparrer und mit der (ungooglebaren) Modedesignerin Anke Müller die Jury der Näh-Castingshow bilden. Bei Facebook grüßte Kretschmer bereits "von seiner neuen Produktion". Na dann, wäre die Wendung nicht so ausgelutscht würde ich schreiben: Man darf gespannt sein!

Bis zur Ausstrahlung im Herbst ist es ja noch ein bißchen hin - zum Glück hat das britische Vorbild, der Great British sewing Bee inzwischen einen eigenen youtube-Kanal, in dem sich alle alten Folgen noch einmal anschauen lassen. Ich freue mich jedenfalls schon sehr auf die deutsche Sendung und hoffe, dass sie mit dem Original mithalten kann.

Mittwoch, 8. April 2015

Me made Mittwoch: Frühlingserwachen im praktischen Gärtnerinnenrock V1247


"Frühlingserwachen mit Hindernissen" könnte der Untertitel dieses Beitrags lauten, denn weder der Balkon, noch die Straßenbäume sind bis dato aus dem Winterschlaf erwacht. Ersteres ist meine Schuld, denn wie jedes Jahr verschiebe ich das Aufräumen das Balkons nach dem Winter von Woche zu Woche. Eigentlich wollte ich am Osterwochenende tätig werden, aber es war zu kalt, und ich schaffte es nicht einmal, die "sonnigen Abschnitte", wie man in Meteorologendeutsch sagt, für die Blogfotos abzupassen. Jetzt habe ich das Räumen fest für nächsten Sonntag eingeplant, es sollen fast 20 Grad werden!


Aber auch wenn sich draußen noch kein Blättchen zeigt, einen praktischen und robusten Rock zum Gärtnern habe ich schon mal. Es handelt sich um den Rock vom Schnitt Vogue 1247, den mir Bunte Kleider freundlicherweise geliehen hat, sie hat ihn selbst im November genäht und frifris hat ihn auch gerade gezeigt.


Ich verbinde Vogue-Schnittmuster immer mit einem gewissen Glamour: Der Name! Der Preis in Deutschland! Die Notwendigkeit, ihn mit absurd hohen Versandkosten direkt bei Voguepatterns zu bestellen! In New York! Post vom Broadway!

Der Rock erfüllt diese in ihn gesetzten Erwartungen nicht ganz: er wirkt vor allem praktisch, nicht so glamourös. Oben seht ihr, warum ich ihn spontan den "Gärtnerinnen-Rock" genannt habe, ehe noch das heutige Motto Frühlingserwachen feststand: die Gartenschürze ist quasi gleich integriert.


Der Stoff ist ein fester Baumwollsatin mit etwas Stretch in tiefstem Weinrot vom Tauschtisch beim Nähtreffen in Bielefeld - Mema zog ihn mit sicherem Griff aus dem Stapel, als ich die gestreifte Wolljacke anprobierte und über Kombipartner sinnierte. Die Farbe passt wirklich ganz hervorragend zur Jacke! Mit ein paar Tricks konnte ich die Rockteile aus dem 70 cm langen Stoffstück schneiden - die inneren Taschenbeutel musste ich stückeln, einen sogar mit zwei Teilen. Ich habe an den Ansatzstellen Kappnähte genäht, die sehen von beiden Seiten gut aus und fallen kaum auf.

Ein Anleitung für das Einfassen der Nahtzugaben wird im Schnitt gleich mitgeliefert, da es nur wenige Nähte gibt, ist das ziemlich einfach und nicht besonders zeitaufwendig. Ich hätte jetzt zwar doch lieber ein Futter im Rock, weil er sich trotz Unterrock an den Beinen hocharbeitet, wenn ich den gefütterten Wintermantel darüber trage, aber dieses Problem wird sich ja früher oder später (lieber früher als später) von selbst lösen, wenn ich den Mantel nicht mehr anziehen muss.


Änderungen am Schnitt: Kräftig verlängert, der Rock ist eigentlich nur 38 cm lang. Bei Größe 12 musste ich die Taille nochmal etwas verschmälern, daher schnitt ich das Taillenband erst zu, als die Taillenweite endgültig feststand. Außerdem besteht es bei mir aus 3 Teilen (Rückenteil, 2 Vorderteile), so dass ich es an den Seitennähten etwas an den Körper anpassen konnte.


Zum Rock trage ich heute eine dicke Strickjacke, die Trachten-Zopf-Jacke nach einer Anleitung von drops. Und Stiefel, und eine dicke Strumpfhose, und später einen Wollmantel - ach, es ist zum Heulen, lasst uns leiber mal im Me made Mittwoch-Blog schauen, wie weit der Frühling anderswo ist. Monika, jetzt neu dabei im Team, trägt kurze Ärmel, ich fasse es nicht!

Freitag, 3. April 2015

Stoffspielerei im März: Seltene Techniken oder: ein erster Versuch mit Gabelhäkelei


Wie selten oder wie verbreitet Handarbeitstechniken sind, das ist ja oft eine Frage des Zeitpunkts: Moden und Begeisterungen treten in Wellen auf, das war schon im 19. Jahrhundert der Fall, und noch mehr heutzutage, wenn manche Hypes von der Handarbeitszubehörindustrie bewusst erzeugt werden. Ich habe mich für die Stoffspielerei mit der Gabelhäkelei beschäftigt, die derzeit nicht gerade einen Boom erlebt. Bei ravelry mit seiner unendlich scheinenenden Musterdatenbank gibt es keine 200 Anleitungen, die mich noch dazu nicht wirklich ansprechen. Ich wollte daher einfach etwas herumprobieren, ein Gefühl für die Technik und das Ergebnis bekommen, dementsprechend bin ich mal wieder über Probeläppchen nicht hiansugekommen.   

Wer gabelhäkeln will,  braucht zunächst einmal eine Häkelgabel. In den Anleitungen im Netz begegnen einem superfancy breitenverstellbare Gabeln, das ist die moderne (und teilweise sehr kostspielige) Variante. Dank der Abbildung im Reprint eines Handarbeitsbuchs von 1913 (Mizi Donner, Carl Schnebel: "Ich kann handarbeiten" - gibts antiquarisch sehr günstig unter dem Titel "Handarbeiten wie zu Großmutters Zeiten") identifizierte ich einen u-förmig gebogenen und leicht angespitzten starken Draht am Kurzwarenstand auf dem Markt als Häkelgabel - für 50 Cent, wenn ich mich richtig erinnere.


Wie funktioniert das nun mit der Gabel? Wie die Abbildungen im Buch nicht ganz so klar zeigen, wird der Arbeitsfaden immer um die rechte Zinke geschlungen, in der Mitte durch die vorige Schlaufe mit einer oder mehreren festen Maschen festgehäkelt, die Gabel gedreht, so dass sich der Faden wieder um die rechte Zinke schlingt, festgehäkelt, gedreht, festgehäkelt, und so weiter.

Es entsteht ein Band mit einer festen, aber elastischen Mitte und Garnschlaufen auf beiden Seiten. Wenn man das aus dicker, flauschiger Wolle, Bouclégarn oder ähnlichem häkelt, könnte man so ein Band als Borte bei einem chanelartigen Jäckchen einsetzen. Für diesen Grundstreifen gibt es noch ein paar Variationen, das Garn kann z. B. etwas anders geschlungen werden, so dass die Häkelreihe nicht in der Mitte des Streifens liegt und auf einer Seite größere, auf der anderen Seite kleinere Schlaufen entstehen.

So ein Streifen ist aber im Grunde noch nichts, für alle größeren, flächigen Gebilde werden nämlich mehrere Bänder zusammengehäkelt, gleichmäßig Schlaufe mit Schlaufe oder in abgezählten Gruppen, die Längsseiten von zwei Streifen aneinander, oder ein Streifen in Spiralen, die Streifen können direkt zusammengefügt werden, oder mit zusätzlichen Häkelreihen dazwischen - es gibt unendliche Möglichkeiten. Auf der Gabelhäkelei-Seite der Stitch Divas werden das Häkeln des Grundstreifens und einige Möglichkeiten des Weiterverarbeitens gezeigt, zum Teil mit Videos.   


Anhand der Beispiele in diesem Buch (Burda Häkel-Lehrbuch, Offenburg 1980) ahnt man auch, warum die Technik auf englisch "hairpin lace" heißt: Wenn man ein dünnes Garn und eine breite Gabel verwendet, erhält man sehr luftige, durchbrochene Gebilde. Spitzen, Fransen und Quasten scheinen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert auch der hauptsächliche Anwendungsbereich der Gabelhäkelei gewesen zu sein.


Von einem Besuch im Modemuseum Meyenburg hatte ich aber eine andere Idee im Kopf: Dort war ein schlicht geschnittener Wollmantel aus den frühen 1920er Jahren in Gabelhäkeleitechnik ausgestellt (leider kein Bild, da Fotografierverbot). Der Mantel bestand aus lauter halbmondförmigen Segmenten, die aus dicht gehäkelten Basisstreifen zusammengesetzt waren, ohne Spitzeneffekt. Das Material sah wie ein richtiger Stoff mit einer leichten Rippenstruktur aus. In einem Handarbeitsheft, geliehen von Suschna, das vermutlich aus den späten 1920er Jahren stammt, siehe Bilder oben, sind Kissenbezüge und Kannenwärmer aus Wolle mit einer ähnlichen Struktur abgebildet.


Ich probierte ein bißchen herum und häkelte schließlich aus mitteldicker Wolle ein paar Basisstreifen und häkelte sie zusammen. Der Häkelstoff liegt sehr flach, wirkt sehr stabil und ist trotzdem in Längs- und Querrichtung dehnbar - wirklich faszinierend, ihr müsstet das mal in die Hand nehmen können, das Material hat weder Ähnlichkeit mit Gestricktem, noch mit Gehäkeltem.

Die Prozedur geht auch relativ fix, nur das Problem, wie man bequem die Anzahl der Schlaufen auf der Gabel zählen kann, habe ich noch nicht gelöst - mal sehen, ob es bei den Stitch-Divas-Tutorials einen Trick dafür gibt. Damit man Flächen mit geraden Rändern erhält, müssten die Basisstreifen nämlich immer aus der gleichen Anzahl Schlaufen bestehen, man darf nicht wie ich Streifen zusammensetzen, die nur ungefähr gleich lang sind, das sieht dann entsprechend aus. In den Anleitungen in dem oben abgebildeten Handarbeitsheft wird z. B. tatsächlich verlangt, einen Streifen mit 80 Schlaufen aus Farbe A herzustellen, einen Streifen mit 160 Schlaufen aus Farbe B, der dann mit A verbunden wird, und so weiter - entspannte Handarbeit stelle ich mir anders vor.

Was könnte man nun mit dieser Technik anfangen? So ein dichter, "gabelgehäkelter" Stoff wäre tatsächlich ein gutes Material für Kleidung, man könnte die Schnittteile exakt nach Schnittvorlage anfertigen. Ich möchte auch noch festes Baumwollhäkelgarn ausprobieren, vermutlich entsteht dabei ein robustes Material, das sich zum Beispiel für Taschen eignen könnte. Einstweilen lasse ich euch mit diesem etwas unbefriedigenden Ergebnis zurück - wie so oft bei den Stoffspielereien habe ich das Gefühl, allenfalls an der Oberfläche gekratzt zu haben. Da sind einige Mitstreiterinnen dieses Mal doch deutlich weiter gekommen! Die Links der Projekte werden dieses Mal bei Suschna - Textile Geschichten gesammelt - vielen Dank!  

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Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Der vorläufige Plan für die nächsten Monate, kurzfristige Terminänderungen sind möglich:

26. April hier im Blog, Thema: Stoff und Farbe
31. Mai KaZe, Thema: Inspiration Kunst (mit Quellenangabe)
28. Juni Frifris, Thema: Knöpfe
26. Juli SOMMERPAUSE

Mittwoch, 25. März 2015

Me made Mittwoch mit nicht-fotokompatiblen Mustern

Selbstgemachte Alltagskleidung an einem ganz normalen Mittwoch. Der Tagesablauf heute: nach dem MMM-Foto mit Selbstauslöser zuhause gegen neun auf dem Weg in meine Schreibbude (zum ersten Mal seit einem halben Jahr ohne Stiefel!) feststellen, dass es heute gar nicht so warm ist wie angekündigt, sondern zwar sonnig, aber sehr windig. Bis auf eine Mittagspause um 12.30 Uhr herum am Schreibtisch sitzen (Gerade jetzt: gähnen und MMM-Beitrag schreiben, Zeit für das Nachmittagstief!). Gegen 18.30 Uhr schnell wieder nachhause, Spaghetti kochen und essen und um 20.00 Uhr zum gemeinsamen Stricken zur Mittwochsmasche, die glücklicherweise im Café nebenan stattfindet. Nach der Masche, wahrscheinlich wieder nicht vor 23.00 Uhr, nochmal Mails checken und schlafen gehen. Durchschnittlich und unaufregend also.

Genauso unaufregend meine selbstgemachten Sachen, der Rock ist ein uraltes, schlecht fotografierbares Lieblingsstück (Schnitt 118 aus Burda 9/2005), genäht Ende 2005 oder Anfang 2006 aus einem ziemlich dicken, schwarz-weiß gewebten Wollstoff. Das Tshirt ein Burda-Standardschnitt, den ich aus verschiedenen Jerseys immer wieder nähe. Die schwarze Strickjacke mit Schleifenmuster nach eigenem Entwurf ist gerade ein Jahr alt geworden, sieh an! Ich  hätte gedacht, dass sie schon viel länger fertig ist, sie ist aus meinem Kleiderschrank nämlich nicht mehr wegzudenken.

Hier noch mal eine Nahaufnahme, die die unfotografierbaren Stoffmuster zeigt. Sofern ich im nächsten Leben wieder Nähbloggerin sein sollte, lege ich mir am besten gleich eine Vorliebe für süßliche Pastellfarben zu - die lassen sich nämlich am besten fotografieren, und die Bilder wirken von selbst so freundlich verzuckert, wie es bei meinem aktuellen dunkelblau-blau-schwarzen Kleiderschrankinhalt nicht mal mit gekonnter Bildbearbeitung zu erzielen ist.

Schaut euch auch noch den Me made Mittwoch an, heute mit unserer Gastbloggerin Anne, die sich unter anderem durch eine Burdaanleitung für Paspeltaschen gekämpft hat.

Donnerstag, 19. März 2015

Nähen im Fernsehen

In Großbritannien ging auf BBC2 gerade die dritte Staffel des Nähwettbewerbs Great British Sewing Bee zuende, auch hierzulande von vielen Nähenden begeistert verfolgt.*) Die Sendung war bisher so erfolgreich, dass das Konzept von den Fernsehanstalten einiger europäischer Länder übernommen wurde. In den USA und in Deutschland wurde ebenfalls nach Kandidaten gesucht, und zwischen den Zeilen konnte man bei uns schon in der Zeitung lesen, wer möglicherweise eine deutsche Sendung moderieren würde.

Taugt das Hobby Nähen als Fernsehthema, wenn kein Wettbewerb, keine Konkurrenz, kein Casting daraus gemacht wird? Das wurde bei Crafteln anlässlich der dritten Sewing-Bee-Staffel in den Kommentaren diskutiert. Den Prozess des Nähens im Fernsehen ohne inszenierte Spannungsmomente zu zeigen, erscheint nicht mehr vollkommen absurd, wenn man bedenkt, womit Sendezeit manchmal auch gefüllt wird: mit den schönsten Bahnstrecken Europas zum Beispiel. Bei kleinen Kabel- und Satellitensendern gibt es Spezialsendungen für Motorsportfans oder Angler, die Hobbyfremde vermutlich innerhalb weniger Minuten in Tiefschlaf versetzen würden, und auch die nächtlichen Übertragungen von Snooker- oder Schachturnieren, in die ich bei Schlaflosigkeit schon mal aus Versehen hineingeriet, erschienen mir als Außenstehender verhältnismäßig ereignisarm.

Ganz zufällig stieß ich nun auf Hinweise auf eine Nähsendung im deutschen Fernsehen, die anscheinend von 1955 an und wohl bis in die 1960er Jahre ausgestrahlt wurde. Marlene Esser moderierte "Eine modische Viertelstunde", und aus den spärlichen Informationen, die mir zur Verfügung stehen, reime ich mir zusammen, dass es sich um eine zwanzig- bis dreißigminütige regelmäßige Sendung (oder mehrere verschiedene) gehandelt haben muss, in denen es ganz konkret ums Nähen ging.


Im Vorwort zu ihrem Buch Schneidern mit Chic (Gütersloh 1966) einem Näh- und Stilratgeber, schrieb Marlene Esser über ihre einige Erfahrungen mit ihrer Sendung:

"Schließlich mache ich seit 1955 die Modesendungen zum Mitschneidern im deutschen Fernsehen (Abb. 1). [...] Oft kommen Briefe: "Bitte, Frau Esser, können wir irgendwo das Ganze noch einmal in Ruhe studieren?" Einmal kamen knapp 10 000 Anfragen nach einer Sendung mit dem Thema "Zauberei mit einem Hemdblusenschnitt". Man möchte nicht nur zuschauen, sondern mitmachen. Aber die Sendung ist nach einer halben Stunde vorbei und "im Äther verschwunden". Danach gibt es nur noch kurze Arbeitsanleitungen, die natürlich nicht so ausführlich sein können, wie ein Buch." (S. 9)

Eine "Modesendung zum Mitschneidern" - das hört sich wie ein Programm an, das mir gefallen könnte! Und wenn ich die Zeilen aus dem Vorwort richtig deute, lief die Nähsendung mindestens elf Jahre, von 1955 bis 1966, als "Schneidern mit Chic" erschien. Möglicherweise noch länger, denn bis 1971 gab es weitere Ausgaben des Nähbuchs. Ich versuche das an anderer Stelle noch weiter zu recherchieren und mehr herauszufinden, aber vielleicht kennt ja sogar eine von euch Leserinnen zufällig diese Sendung? Bei Ette habe ich gesehen, dass Marlene Esser außerdem in den Sechzigern für die Zeitschrift "Meine Familie und ich" eine Schnittmusterbeilage, "Marlene Essers Modellschnitt", erstellte. Mir scheint, die Frau war ein Fernsehstar, eine Marke - wie kommt es, dass wir sie heute nicht mehr kennen und nichts über sie wissen?


 *) Fußnote: Falls ihr den Great British Sewing Bee nicht verfolgt habt, solltet ihr das unbedingt nachholen. Die Staffeln 1-3 gibt es bei youtube, ihr werdet bestimmt Fans. Der Sewing Bee übernimmt das Prinzip der Castingshow, aber ohne die unangenehmen Elemente, ohne Psychodrama, ohne Intrigen, man wünschte, das wahre Leben wäre auch immer so nett und freundlich wie die Sewing-Bee-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer miteinander. Der Zeitdruck, unter dem die KandidatInnen Nähaufgaben lösen müssen, war in der dritten Staffel enorm: Wir reden hier von Projekten wie ein Abendkleid in sechs Stunden, eine Lederjacke in siebeneinhalb. Die Jury, Patrick Grant, ein anbetungswürdig gutaussehender und witziger Herrenschneider aus der Londoner Saville Row und May Martin, eine im Vergleich zu ihm etwas graumäusig wirkenden Nählehrerin, bewertet die Akkuratesse des Genähten, am Ende jeder Folge scheidet ein Kandidat oder eine Kandidatin aus, bis in der letzten Folge eine Gesamtsiegerin oder ein Gesamtsieger ermittelt ist.