Dienstag, 15. August 2017

Was ich gerade treibe, Pläne und Näh-Nachrichten aus dem Netz


Hier ist es gerade ein bißchen stiller zur Zeit, aber das liegt nicht an Urlaubsaktivitäten im Hause Nahtzugabe, sondern im Gegenteil an recht viel Arbeit auf einmal. Im Frühjahr 2018 wird es ein neues Buch geben, ein Anleitungsbuch für Patchwork und Quilts, dieses Mal wieder beim BuchVerlag für die Frau in Leipzig, wo zuletzt auch das "Neue Leben für alte Kleider" erschienen war. Ich bin also dabei, zu planen und zu schreiben, Stoffe auszuwählen und zu nähen - alles irgendwie parallel, denn ich möchte im November weder mit einem Berg noch zu nähender Patchworkprojekte, noch mit vielen leeren, noch zu füllenden Seiten dasitzen.


Im Kopf ist schon alles quasi fertig, ich muss es also "nur noch schnell alles aufschreiben" - dieser Spruch war früher ein Witz in meiner Doktorandengruppe, denn wie man sich vorstellen kann, fangen bei "nur noch aufschreiben" die Schwierigkeiten erst an. Bei Anleitungen für Quilts gilt das ganz besonders. Wenn man nicht nur einfarbige Stoffe oder Stoffe aus verbreiteten Quiltstoffserien verwendet, muss man sicherstellen, dass andere die Projekte mit ähnlichen Stoffen nacharbeiten können und bei der Stoffauswahl nicht verzweifeln. Die mosaikähnlichen Stoffrestequilts, die ich früher genäht habe - sowas wie hier oder hier - eignen sich überhaupt nicht dazu. Da bin ich gerade dabei, einen Mittelweg zu finden: Stoffe, die so ähnlich überall erhältlich sind, ohne dass das Ergenis eintönig wird.

Ein ausgedehnter Sommerurlaub kommt dieses Jahr also nicht in Frage, und auch ein neues, selbstverlegtes Buch muss noch etwas warten, obwohl ich einige Ideen und Pläne habe. Ein selbstgemachtes Buch wäre auf jeden Fall wieder eine große Herausforderung - nur weil beim Stofflexikon alles klappte und das Buch begeisterte Rückmeldungen bekommt und sich gut verkauft, bilde ich mir nicht ein, das Büchermachen und -verkaufen verstanden zu haben. Das Ziel in ferner Zukunft, ein sympathischer Kleinverlag zu textilen Themen, mit sehr guten Anleitungsbüchern und interessanten Büchern zur Kulturgeschichte der Textilien, ist sehr ambitioniert - vielleicht ist das ganze auch gar nicht zu schaffen, aber ich möchte es wenigstens versuchen. Immer wenn ich mal wieder einen Einblick bekomme, wie die meisten etablierten Handarbeitsverlage arbeiten, was dort alles nicht gemacht wird, weil es als zu wenig massentauglich gilt, dann denke ich doch, dass es daneben noch eine kleine, nicht unkomfortable Nische geben müsste, und da will ich hin. Aber bis dahin ist noch sehr, sehr viel zu lernen.


Auf dem Nähtisch


Noch für den Sommer oder schon für den Herbst nähen? Das wechselhafte und ab und zu recht kalte Wetter macht es nicht leicht, sich noch der Sommergarderobe zu widmen. Ich hatte ein weiteres Ansa-Butterfly-Kleid aus leichter Viskose geplant und außerdem ein ärmelloses Sommerkleid aus Waxprint, aber ich bezweifele, dass es diesen Sommer noch dazu kommt, falls uns nicht noch eine Hitzewelle überrascht. Das schon lange geplante Anna-Kleid nach By Hand London aus der im März bei der Stoffspielerei selbstgefärbten Baumwolle habe ich aber vorletztes Wochenende beim Nähtreffen immerhin schon angefangen, und es macht bis jetzt einen guten Eindruck - das wird demnächst fertig.


Außerdem fast fertig ist eine Chobe-Tasche nach dem tollen Schnitt von Elle Puls. Auch die lag schon sehr lange, seit Jahresanfang da, ehe die schwierige Suche nach der passnden Taschen-Hardware das Projekt stocken ließ.  

Konkrete Nähpläne für den Herbst wollen sich aber auch noch nicht einstellen. Eine kurze Wolljacke, eventuell in A-Linie, auf jeden Fall mit Pattentaschen und schönem Kragen, würde ich mir gerne nähen. In etwa wie die Jacke 119 aus dem Burda-September-Heft, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob diese glockigen Ärmelabschlüsse das richtige für mich sind. Zu den letzten zwei Burda-Heften würde sich aber mal wieder ein Beitrag lohnen - da tut sich offensichtlich wieder was beim Konzept, und das geht durchaus in die richtige Richtung, finde ich.

Näh-Nachrichten aus dem Netz


Oder "Informationen querbeet", wie eine meiner Lieblingsbloggerinnen schreibt. Dank eines sehr verbesserten Internetanschlusses kann ich jetzt Tipps wie das Fashion Weekend auf arte mit lauter interessanten Modefilmen am 29. September bis 1. Oktober nicht nur weitergeben, sondern mir sogar auch selber ansehen. Die für mich ganz neue Möglichkeit des ruckelfreien Betrachtens von Filmbeiträgen hat noch nicht dazu geführt, dass ich sämtliche Mediatheken leergucke, aber es ist schön, dass das jetzt überhaupt als Freizeitgestaltung in Frage kommt. Am 1. Oktober ab 17.10 Uhr läuft bei arte zum Beispiel die Dokumentation über Dries van Noten, über die ich vor ein paar Wochen geschrieben hatte.  

Die Serie Game of Thrones hat ja jetzt auch wieder angefangen, aufgrund der vormaligen Internet- und Fernsehsituation hier bin ich völlig draußen und werde das auch nicht mehr aufholen, aber die Fans finden vielleicht diesen Artikel über die modehistorischen Bezüge der Kostüme interessant, den ich gerne gelesen habe, obwohl ich von der Serie nur ein paar Bilder kenne.

Um die Abbildungen von Kleidung in der Kunst und die damit verbundenen Fragestellungen und Probleme geht es bei einer Konferenz in Berlin in der Lipperheidischen Kostümbibliothek am 14. und 15. 9. - Programm und (kostenlose) Anmeldung hier: 'All that glitters...': Visual representations of dress in the early modern and the boundaries of reliability". Ärgerlich, dass ich am 15. nicht in Berlin bin, die Vorträge an beiden Tagen hören sich interessant an.

Ebenfalls in Berlin, im Museum Europäischer Kulturen, läuft noch bis Ende Januar die Ausstellung Anna webt Reformation. Ein Bildteppich und seine Geschichten. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht ein Bildteppich von 1667 aus Dithmarschen, der anlässlich des damaligen Reformationsjubiläums in Auftrag gegeben wurde. Neben dem Teppich sollen auch weitere Textilien zu sehen sein - ich habe die Ausstellung noch nicht besucht, werde das aber so bald wie möglich einplanen.

Neben dem Reformationsjahr haben wir ja auch, auf dem Kontinent vielleicht etwas weniger präsent, das Jane-Austen-Jahr, nämlich Jane Austens zweihundertsten Todestag. Bei der BBC gab es zu diesem Anlass eine vergnügliche Doku über eingefleischte Austen-Fans und ihre Unternehmungen, die Autorin und ihre Zeit weiterleben zu lassen: My friend Jane. (noch 5 Tage in der Mediathek)

Und zuletzt habe ich für euch noch einen weiteren nützlichen Artikel des Beswingten Allerleis: Widerrruf und Reklamation beim Stoffkauf.

Samstag, 5. August 2017

Auf den Nadeln im August: Strickjacke "Seanair" für den Liebsten und "Flaum" für mich

Die Frage "Was strickst du gerade?" kam vor kurzem bei Instagram auf, und sie erfordert eine längere Antwort. Ich stricke zur Zeit zwei größere Projekte parallel, oder genauer gesagt: ich strickte, denn ehrlich gesagt war es in den letzten Tagen zu warm und zu schwül, um Wolle anzufassen, und beide Teile stagnieren. Aber in den kalten und regnerischen Wochen der ersten Sommerhälfte ging es sehr gut voran.


Das erste Projekt, den Cardigan Flaum nach Anleitung von Justyna Lorkowska, habe ich Ende Mai angefangen. Die Anleitung hatte Birgit - lila und gelb aufgetan und gleich die halbe Berliner Strickrunde damit infiziert. Bei dieser Jacke wird eine Art Schulterpasse in 1rechts-1links-Rippe gestrickt, die dann in Patent-Rippen übergeht, so wird die Jacke im unteren Teil automatisch weiter, ohne dass man Zunahmen stricken muss.

 

Man braucht ein leichtes, flauschiges Garn, und glücklicherweise hatte ich beim Fabrikverkauf von Hindahl&Skudelny in Bielefeld Anfang des Jahres eine große Kone dunkelrotes Mohairgarn erworben. Der Farbton passt exakt zu drops Alpaca im Farbton 5565, Weinrot, und beides zusammen verstrickt mit Nadeln 4,5 ergibt ein schönes, fluffiges Maschenbild. Es entspricht nicht ganz der Maschenprobe, daher stricke ich Größe L, um hoffentlich zum Schluss eine kleine Größe M zu erhalten.


Zuletzt habe ich die Taschenbeutel gestrickt, jetzt kommen noch 2,5 cm 1rechts-1links-Bündchen, dann ist der Korpus der Jacke fertig. Ich bin bis jetzt sehr zufrieden, anprobiert sehen die Proportionen gut aus und die Farbe entspricht genau meinem "mehr Dunkelrot"-Vorsatz


Projekt Nummer zwei ist der Männercardigan Seanair mit Zopfmuster und Reißverschluss  von Judith Brodnicki, die Anleitung gibt es kostenlos bei knitty.com, die Korrekturen der Anleitung aber nur auf der ravelry- Seite. Auch ihn begann ich im Mai, und er sollte ein Geschenk zum Geburtstag des Liebsten im Juli werden. Natürlich wurde ich bis zum Termin nicht fertig, aber kam doch so weit, dass die Schulternähte geschlossen waren und das Teil damit anprobierbar war. Glücklicherweise passt es! Ich stricke bei solchen geheim gestrickten Geschenken immer mit viel Zweifel, messe ständig nach und vergleiche mit passenden Oberteilen und bin trotzdem sehr nervös, ob das alles so klappt.


Diese Jacke stricke ich aus Lima von drops in Farbe 4305 (dunkelblau) auf 4er-Nadeln. Das Lima-Garn, eine Mischung aus Wolle und Alpaca, mag ich sehr gerne, es verstrickt sich flott, ist formstabil, pillt nicht und wird nach dem Spannen noch etwas flauschiger. Die Anleitung Seanair ist auch gut - aber wie gesagt, unbedingt die Fehlerkorrekturen bei ravelry beachten, ich habe mir die Anleitung ausgedruckt und erstmal alle Korrekturen eingetragen. Dann ist das Stricken kein Problem, die verschiedenen Zopfmuster kann man sich gut merken, und ich hatte nach den ganzen Stephen-West-Tüchern mit viel kraus rechts sehr große Lust, mal wieder etwas Komplizierteres zu stricken. Es ist großartig, dass eine so ausgeklügelte Jackenanleitung kostenlos zur Verfügung gestellt wird.


Die Jacke ist mittlerweile fertig gestrickt, nun muss ich die Fäden vernähen, die Jacke spannen und den Reißverschluss einnähen, alles in allem also ein Programm für mindestens drei Abende. Die Ärmel der Jacke scheinen ziemlich weit zu sein, und die Abnahmen kommen nicht ganz hin - zumindest in größe M muss man häufiger abnehmen, als die Anleitung sagt, damit am Bündchen die richtige Maschenzahl erreicht ist (oder die Jacke ist für Menschen mit außerordentlich langen Ärmeln konzipiert, wer weiß).

Besonders schön finde ich den kleinen Stehkragen, der innen einen glatt rechts gestrickten Beleg bekommt - mal sehen, wie sehr ich mich abmühen muss, dort den Reißverschluss ansehnlich einzunähen. Aber es ist ja noch ein bißchen Zeit, bis wir wieder Strickjackenwetter haben. 

Weitere Strickprojekte im August findet man in der Sammlung "Auf den Nadeln" bei Maschenfein. 

Montag, 24. Juli 2017

Lempi II oder die Tücken die Routine


Vor einigen Wochen hatte ich vollmundig eine ganze Garderobe aus lauter Lempi-Kleidern (nach dem Schnitt von namedclothing) angekündigt, und ehrlich gesagt finde ich die Idee immer noch bestechend: Neben dem ersten, dem grauen Lempi noch ein blaues, ein rotes, ein grünes und ein schwarzes Lempi, ein Lempi aus Jeans, eins aus feinem Cord, für den Herbst eins als Tweed und für jetzt eins mit Blumenmuster, außerdem natürlich ein Abend-Lempi aus Brokat. Klingt doch total plausibel, oder? Lempi in jeder Lebenslage, außer vielleicht zum Schlafen und zum Schwimmen!


Aber im Ernst: Was dieser Lempisierung meiner Garderobe entgegensteht, bin ich selbst. Einen Schnitt zum zweiten Mal zu nähen ist nie so schön und wird nie so gut wie beim ersten Mal, scheint mir. Mein neues Lempi-Kleid aus dünnem, dunkelblauen Denim mit ein wenig Elasthan hatte ich flott und wohlgemut gleich nach Lempi I zugeschnitten und die ersten großen Nähte geschlossen. Als Kappnähte, abgesteppt mit beigem Jeansgarn. Und dann passierte folgendes:



Die Schere war so scharf, dass ich gar nicht merkte, wie ich durch zwei Stofflagen schnitt. Und natürlich reichte der Stoffrest nicht mehr für einen neuen Ärmel. Typisch! Sowas passiert mir nur bei Schnitten, die ich schon einmal genäht habe.

Nach etwas Herumschmollen und Verzweifeln setzte ich schließlich einfach einen Streifen Jeansstoff an, den ich innen versäuberte und von außen durchsteppte. Nicht unsichtbar, aber da es sich um die Ärmelnaht handelt, befindet sich die Stelle unter der Arm, das sieht man wirklich kaum. Am fertigen Kleid sieht das jetzt so aus:

Damit kann ich leben. Die Steppnaht mit Jeansgarn lenkt ganz gut von der parallel verlaufenden Naht ab.


Am restlichen Kleid habe ich mit Absteppungen ansonsten nicht übertrieben: Den Kragen, die aufgesetzten Taschen und Taschenklappen, die Schulternaht, die Gürtelschlaufen und die Säume habe ich abgesteppt, die Knopfleiste nicht. An dieser sehr sichtbaren Stelle auffällige Nähte zu setzen, war mir nach den vorangehenden Erlebnissen zu heikel, das hätte vermutlich nicht auf Anhieb geklappt, und der Stoff ist erstaunlich empfindlich, was das Trennen angeht.


Die Knöpfe sind silberfarben mit etwas Patina, auf eine Gürtelschnalle habe ich diesmal verzichtet -- es gab zwar eine farblich passende, sie erschien mir aber zu schwer für ein Kleid, und als Kleid habe ich Lempi bisher getragen. Der Schnitt ist ideal für das merkwürdige, wechselhafte Wetter zur Zeit, das oft innerhalb eines Tages von heiß und schwül auf windig und verregnet wechselt. Ich habe aber vor, das Jeans-Lempi auch mal als leichten Mantel einzusetzen, wie es Mema mit ihrem Jeanskleid Iam Hermes macht - die Idee ist gerade für die Reisegarderobe sehr praktisch, und es sieht wirklich gut aus.


Wie beim grauen Lempi-Kleid habe ich am Schnitt nichts geändert, und da der Denim einen kleinen Anteil Elasthan hat, trägt es sich sogar noch bequemer als das erste. Meine Liebe zu diesem Schnitt ist auch noch nicht erloschen: ich habe ein großformatiges schwarz-weißes Vichykaro aus leichter Baumwolle da, Karolänge etwa 4 cm, das ich mir auch als Lempi vorstellen kann. Oder wird das zu heftig gemustert? Ich werde noch eine Weile darüber nachdenken und in der Zwischenzeit etwas anderes nähen, sonst versemmele ich das Kleid bestimmt.

Zusammenfassung:
Schnittmuster: Lempi von namedclothing
Genähte Größe: 40, keine Änderungen
Stoff: Leichter dunkelblauer Denim aus Baumwolle mit Elasthananteil. Jeansabsteppgarn in beige für einige Nähte

Montag, 10. Juli 2017

Filmtipp: "Dries" von Reiner Holzemer

 
Wenn es einen Designer gibt, dessen neuen Kollektionen ich geradezu entgegenfiebere, dann ist es Dries van Noten. Der Antwerpener Modeschöpfer macht einiges anders als seine Kollegen: Seine Firma ist nach wie vor in seinem Besitz und nicht Teil eines Luxuskonzerns, und er vergibt seinen Namen nicht für Lizenzprodukte wie Parfums, Kosmetika und Handtaschen, mit denen andere Modehäuser einen Großteil ihres Umsatzes generieren. Bekannt ist das Label Dries van Noten für edle Stoffe, oft außergewöhnlich gemustert, oft folkloristisch angehaucht, mit üppigen Stickereien. Fotos von den Schauen oder aus Onlineshops geben die Qualität des Materials nur unzureichend wieder, hier in den Galeries Lafayette habe ich schon das eine oder andere (für mich unerschwingliche) Stück gesehen, und ich kann euch versichern: In Wirklichkeit sind die Stoffe noch toller.

Die Stoffe sind auch der Ausgangspunkt für die Kollektionen von Dries van Noten, das erfährt man in dem Dokumentarfilm "Dries", der letzte Woche in die Kinos kam und der den Designer über ein  Jahr begleitete. In einer schönen Szene zu Anfang des Films werden neue Stoffe gesichtet - das ganze Team steht um einen großen Tisch herum, auf den Stoffe über Stoffe gehäuft werden, man würde gerne selbst mit dort stehen, und die Materialien durch die Hände gleiten lassen.

Das Entstehen der Kollektion ist dann vor allem ein unendlich verfeinerter Auswahlprozess: Stoffproben werden an Models drapiert, um die Wirkung abzuschätzen, die Ergebnisse fotografiert, ausgedruckt und die Bilder in langen Reihen auf dem Atelierfußboden ausgelegt. Aus dieser Fülle wird wieder ausgewählt, genauso wird mit den gezeichneten Modellen verfahren, mit Schuhen und Stickereien. Man könnte die Arbeitsweise von Dries van Noten als Experimentieren, als kontrolliertes Ausprobieren bezeichnen: Was passiert, wenn Stoff x mit Stoff y kombiniert wird? Was passiert, wenn Stoff z dazukommt?

Leider erfährt man in dem Film relativ wenig darüber, wie die so entwickelten Ideen dann in Kleidungsstücke umgesetzt werden, es gibt nur eine sehr kurze Szene aus einer Nähwerkstatt, und woher die Modellzeichnungen kommen, wurde mir auch nicht klar (Dries van Noten zeichnet nicht selber, scheint mir). Das ist schade, denn der Designer betont selbst immer wieder, wie wichtig das Schneiderhandwerk für seine Arbeit ist, wie wichtig die Qualität der Stoffe - darüber hätte ich gerne mehr erfahren. Aber der Dokumentarfilmer Reiner Holzemer ist, vermute ich, nicht besonders modeaffin und interessiert sich daher nicht besonders für den Materialaspekt. Das ist für Nähnerds etwas unbefriedigend, aber vermutlich möchten auch die meisten nicht-nähenden Zuschauerinnen lieber erfahren, wie der Designer lebt (in einem kleinen Schloss), als einen Einblick in die Produktionsabläufe in seiner Firma zu erhalten.

Als Porträt der Person fand ich den Film dennoch sehr gelungen, er verzichtet auf einen erklärenden Off-Kommentar, so dass es der Zuschauerin überlassen bleibt, aus dem Gezeigten Schlüsse zu ziehen. Dries van Noten kommt selbst ausführlich zu Wort, in geringerem Maß auch einige Modeexpertinnen, und diese Stimmen erzeugen zusammen mit den Szenen und Bildern ein komplexes, facettenreiches Bild der Person Dries van Noten, durchaus auch mit Widersprüchen.

Wenn der Film bei euch in der Gegend im Kino läuft, schaut ihn euch an! Es lohnt sich allein schon wegen der Modenschauen, die im Film vorkommen - auf der großen Leinwand erkennt man die Details der Kleider viel besser als auf Fotos im Internet. Besonders interessant fand ich das Wiedersehen mit der ersten Damenkollektion von 1995, von der ich nur ein paar schlechte Zeitschriftenfotos kannte - die Kleider sind überhaupt nicht gealtert, und ich habe erst jetzt verstanden, warum diese Kollektion damals so ein großer Erfolg war.

Ein Trailer zum Film findet sich hier und hier bei Vogue online gibt es ein Interview mit dem Regisseur.

Mittwoch, 28. Juni 2017

Jeden Tag Party: Ansa von namedpatterns


Ich weiß, ich weiß, beim letzten MeMadeMittwoch hatte ich angekündigt, mir eine ganze Garderobe nur aus Lempi-Kleidern für alle Gelegenheiten nähen zu wollen. Lempi Nummer zwei aus dunklem Denim ist auch in Arbeit, aber ich musste den Schnitt Ansa, ebenfalls von named clothing dazwischenschieben. Man braucht ja auch was für die sehr heißen Tage und für Partys.


Für Partys? Ja, named bezeichnet Ansa als "Partykleid", und das stürzte mich in eine kleine Sinnkrise. Für mich hat Ansa nämlich alles, was ein gutes, praktisches Alltags-Sommerkleid ausmacht: Der Ausschnitt ist moderat, es hat Ärmel und bedeckt ziemlich viel Haut, der Rock ist mäßig weit - konnte es etwa sein, dass ich in Sachen Party nicht mehr auf dem aktuellen Stand bin?



Als ich dann die schöne Version der Nähfreundin gesehen hatte, war ich aber sehr optimistisch, dass der Schnitt zu mir passen könnte. Ansa ist ein Raglanschnitt, bei dem die Ärmel weit und glockig fallen.


Das Ärmelschnittteil ist so weit ausgestellt, dass es gerade so auf die halbe Stoffbreite passt. Schwer fallende, nicht zu zarte Viskose ist perfekt dafür.


Bei so einem Stoff ist es dann etwas kniffelig, eine Paspel in die Teilungsnaht im Vorderteil einzunähen. In der Naht ist übrigens ein Brustabnäher versteckt, man sollte sie daher nicht einfach weglassen.


Ich habe ein schwarzes Baumwollschrägband als Paspel eingenäht, ohne Schnurfüllung, das wäre mir sonst zu mächtig geworden (wobei named gerade ein Ansa mit breiter Paspel zeigte, das richtig gut aussieht). Die Nahtzugabe der Paspel hatte eine Tendenz, sich nach oben zu klappen, also habe ich sie dort festgesteppt. Ansonsten habe ich fast nichts geändert: Größe 40 genäht, damit das Oberteil auch wirklich locker sitzt und das untere Oberteil an der Teilungsnaht um einen Tick verlängert. Die Falten, die im Vorderteil die Abnäher ersetzen, lagen genau an der richtigen Stelle, das Kleid sitzt insgesamt locker und nicht einengend, genau wie ich es wollte.



Es ist also so, dass nicht ich mein Verständnis von "Party" ändern muss, sondern alle anderen (insbesondere named patterns) müssen anscheinend mal ihr Verständnis von Alltag überprüfen. Das Kleid ist perfekt für den Alltag und trägt sich unglaublich angenehm, weil es so leicht und locker und nicht einengend ist. Aus gewaschener Seide (am besten dunkelgrün) wäre es ein Traum - und dann hätte der Schnitt wirklich etwas von einem Partykleid. Ich mache mich derweil nach weiterer geeigneter Viskose auf die Suche und gebe zurück zum MeMadeMittwoch heute.  

tl, dr:
Schnitt: Ansa, named patterns
Genähte Größe: 40, unteres Oberteil an der Teilungsnaht knapp 1 cm verlängert
Stoff: schwere Viskose, Paspel: schmales schwarzes Baumwollschrägband, flach eingenäht
Verstärkung mit Bügelvlies entlang des Reißverschlusses und beim "v" im Vorderteil. Halsaussschnitt mit Schrägband aus Futtertaft verstürzt.

Sonntag, 25. Juni 2017

Typographiespielerei Schwarz und Weiß - Stoffspielerei im Juni


 Eigentlich müsste es bei mir "schwarz auf weiß" heißen, denn als ich letztes Jahr bei der Recherche nach alten Grafiken einen Katalog für Druckstöcke und Schriften entdeckte, fand ich den Inhalt so interessant und dekorativ, dass ich unbedingt etwas machen wollte. Der Katalog "Specimens of type, borders & ornaments, brass rules & cuts" ist von 1897 und kann hier bei archive.org virtuell durchgeblättert werden.

Es lohnt sich wirklich, sich ein paar Seiten anzuschauen, am besten mittendrin: Das Buch fängt sehr langweilig an, mit Preislisten, Schlagwortverzeichnissen, anschließend Linien, Rahmen und Gebrauchsschriften, aber dann kommen die dekorativen Schriften und es wird interessant. Damit man abschätzen kann, wie die Schriften wirken, sind als Beispiele Wörter und Sätze abgedruckt - oft so unsinnig und merkwürdig, dass ich mich frage: Ist das alles Zufall, oder hat sich der Setzer des Schriftkatalogs einen Spaß daraus gemacht, eine verborgene Geschichte in den Katalog hineinzuschmuggeln und ergibt das alles einen Sinn, wenn man die absurden Wortgruppen in der richtigen Reihenfolge liest? "Demolished Christmas Decorations" - "Refused Tickets" - "Graceful Buildíngs" - "Horned, wrecked, Hendersons" - "Brides desire utmost faith" - "Band played march kindhearted golden moments" - das ist doch eine Geschichte, oder?



Aber von diesen faszinierenden Minidramen abgesehen, enthält der Katalog viele schöne Ornamente, dekorative Rahmen und Signets, eben alles, was eine amerikanische Druckerei um 1897  beim Drucken von Zeitungen, Büchern, Handzetteln, Anzeigen, Plakaten, Einladungskarten gebrauchen konnte. Die Ornamente kann man auch für Grafikbasteleien am Rechner gebrauchen, ich wollte versuchen, sie auf Stoff umzusetzen.

Mein ursprünglicher Plan, auch noch ein schwarz-weiß gestreiftes Hemd wiederzuverwerten, das ich dann besticke, ist nichts geworden, weil mir jetzt am Donnerstag die allerletzte Prüfung meines Lebens dazwischengekommen ist, von dem Termin wusste ich noch nichts, als wir die Stoffspielerei-Termine verteilten. Aber ich habe schon mal einen Schriftzug gestickt, und das ging besser als erwartet.


Der Großteil der Bilder aus dem Buch sind hier bei flickr commons als Scan verfügbar. Ich habe den Schriftzug "New Ideas" in einer mittleren Größe ausgedruckt, auf Butterbrotpapier durchgezeichnet und die Zeichnung auf der Rückseite mit dem Bügelmusterstift von Prym nachgezeichnet. Dieser Transferstift sieht aus wie ein Bleistift und verbraucht sich sich gut wie nicht, ich habe meinen seit Jahren. Auf Stoff gelegt und mit mittlerer Hitze gebügelt, überträgt sich die Zeichnung mit blauen Linien auf den Stoff. Ich stecke Papier und Stoff auf dem Bezug des Bügelbretts fest, dann kann nichts verrutschen.

Wir haben uns bei den Stoffspielereien ja schon oft über Übertragungsmethoden von Vorlagen ausgetauscht, für helle, waschbare Stoffe ist der Bügelmusterstift meines Erachtens die beste Möglichkeit. Die Linien verwischen beim Nachsticken nicht, aber sie lassen sich in warmem Wasser mit etwas Waschpulver leicht auswaschen.

 
Beim Sticken muss man dann ausprobieren, ob und wie man von der Vorzeichnung abweicht. Ich habe Umrisse mit Stielstich dreifädig gestickt, teils mit kleinem Langettenstich, um die Schraffierungen des Drucks nachzuahmen, feinere Linien mit zweifädigem Garn (und bin nicht ganz fertig geworden). Bei der Vorlage ist der Hintergrund gesprenkelt, ich werde stattdessen wohl noch die Buchstaben mit Sprenkeln ausfüllen. Es macht großen Spaß, und da mir die Schriften und Ornamente aus dem Buch ungeheuer gut gefallen, werde ich nach Anwendungsmöglichkeiten suchen.

Die schwarz-weißen Projekte der Mitspielerinnen:


Ines - Nähzimmerplaudereien - hat mit schwarzen und weißen Stoffen gespielt und verblüffende Illusionen erzeugt, und sie zeigt auch, wie sie das gemacht hat.

Tyche - Tyche's touch - hat ein älteres schwarz-weißes Projekt wiederbelebt, einen Yukata, das japanische Äquivalent des Bademantels, mit Kreuzstichstickereien und Sashiko.

Textile Werke hat mit Maschinenstickerei auf Mull experimentiert.

Martina - Machwerk - hat schwarzen Stoff mit Bleichgel behandelt und hellen Stoff schwarz bedruckt und zeigt auch ganz ausführlich, wie das geht.

Mond - bimbambuki - hat gelochtes Kunstleder schwarz und weiß experimentell bestickt.

In der Galerie der Handarbeiten gibt es schwarz-weiße Falten.

Gabi - Made with Blümchen - zeigt gleich mehrere Projekte: Blackwork-Stickerei, Knöpfe und ein Täschen. 

Karen - Feuerwerk bei Kaze - näht den La-Passacaglia-Quilt in English Paper-Piecing-Technik und zeigt ihren Fortschritt.

Suschna - Textile Geschichten - arbeitet an Stoffbuchseiten im Stil von Louise Bourgeois.

Ute - 123-Nadelei - hat schwarze und weiße Oberhemden zu einer Patchworksdecke recycelt

Ich danke euch allen fürs Mitmachen, so interessante Sachen sind entstanden! Die Liste ergänze ich im Laufe des Tages, denn ich glaube, da kommt noch einiges. Jetzt muss ich erstmal bei einem Umzug helfen, heute Nachmittag kann ich dann in Ruhe schauen.

Im Juli und August ist ertsmal Stoffspielerei-Sommerpause, weiter geht es am 24. September 2017 bei Siebensachen mit dem Thema: Von der Natur inspiriert. Am 27. Oktober 2017 folgt Ute – 123-Nadelei mit Fäden auf Farbe.