Dienstag, 22. Juli 2014

Dirndl-Sewalong I: Inspiration


Wenn mir jemand vor einem halben, dreiviertel Jahr gesagt hätte, dass ich einmal bei einem Dirndl-Sew-along mitmachen würde, ich hätte gelacht. Dirndl, das ist Bayern, das ist München, und auf jeden Fall nichts, mit dem sich ein geborenes Nordlicht identifiziert, dachte ich. Aber da ich ja schon eine Weile von dem geplanten Sew-along wusste, konnte ich das Thema schon etwas länger im Kopf hin- und herwälzen, über die Tracht meiner Heimatregion nachdenken und meine Vorurteile überprüfen. Ich finde es übrigens sehr interessant, dass es nicht nur mir so geht - in den bisher gesammelten Beiträgen schreiben fast alle Teilnehmerinnen gleichzeitig auch über ihr Verhältnis zur Tracht oder zum Dirndl. Ein Dirndl ist mehr als ein x-beliebiges Kleidungsstück, es fordert offenbar zu einer Haltung heraus, und wer nicht ganz selbstverständlich in einem Dirndl-Gebiet damit aufgewachsen ist, muss sich in irgend einer Weise daran abarbeiten.  

Wie Julia im Eröffnungsbeitrag schon schrieb, veränderten sich Dirndl und Trachten immer wieder und passten sich an die Zeiten an. Wikipedia formuliert es drastischer: "Das heute bekannte Dirndl wurde zwar durch regionale Trachten geprägt, hat aber keinen bestimmten regionalen Bezug." So, wie der Adel des 18. Jahrhunderts im Schäferkostüm Landleben spielte, schaffte sich das Bürgertum im 19. Jahrhundert ein ländliches Kleid für die Sommerfrische im Voralpenland an. Über  Authentizität muss man beim Dirndl daher nicht sprechen - und das kommt mir sehr entgegen, denn ich nehme diesen Entstehungszusammenhang als Freifahrtschein, um mir aus den Elementen des Dirndls etwas zusammenzustellen, das zu mir und zu meinen Lebensumständen passt.

Ich bin also in mich gegangen, habe Schnittmusterhefte und Pinterest durchgeblättert und meine Stoffvorräte umgeschichtet. Wie müsste mein preußisches Großstadtdirndl aussehen? Was ziehe ich an, was reizt mich von der nähtechnischen Seite her? Was gefällt mir an den herkömmlichen Dirndln gar nicht? Bei Pinterest fand ich nur sehr, sehr wenig, was meinen Vorstellungen auch nur nahekommt: Für mich müsste es noch schlichter sein. Dunkel und schlicht, ohne oder fast ohne Verzierungen. Dirndlblusen, also diese typischen, romantisch mit Puffärmeln und Spitze, sehe ich auch überhaupt nicht in meinem Leben, es sei denn, ich müsste aufgrund widriger Umstände im Berliner Hofbräuhaus als Kellnerin anheuern, was ich nicht hoffe. Bei Frau Vau war aber kürzlich zu sehen, dass ein Dirndlmieder mit Hemdbluse darunter auch ganz ausgezeichnet funktioniert.  


Die Schnittmusterbibliothek gab auch nicht allzu viel her: in Burdastyle 9/2011 gab es Dirndlschnittmuster, unter anderem das Mieder oben, das sich als Schnittgrundlage eignen könnte. In Heft 9/2009 wurde eine Strecke mit trachtig angehauchten Schnitten gezeigt, daraus hat mir auch einiges gefallen.

Der Nähplan sieht bisher also folgendermaßen aus:

- ich möchte einen Zweiteiler nähen, also ein Mieder und einen Rock, die gemeinsam, aber auch mit nicht-trachtigen Kleidungsstücken angezogen werden können
- den Rock möchte ich stifteln, also die typischen Stehfalten oder gezügelten Falten einarbeiten
- die himbeerfarbene Bluse sollte dazu passen, auf lange Sicht möchte ich mir aber sowieso auch noch eine weiße Bluse nähen, das passiert aber möglicherweise nicht mehr im Rahmen dieses Sew-alongs
- die Schürze gehört traditionellerweise zum Dirndl dazu, ist aber auch das Element, wodurch das Dirndl meiner Meinung nach zur Verkleidung wird. Darüber wird es noch einen ausführlichen Post geben, wenn wir soweit sind. Mir schwebt vor, die Schürze so zu adaptieren, dass sie funktional ist, also nicht nur eine dekorative Stoffbahn, sondern so ausgestattet, dass es einen Sinn ergibt, sie zu tragen.

Konkreter hinsichtlich Stoff und Schnitt wird das dann beim nächsten Termin am 30. 7., einstweilen finden sich alle Beiträge zum Dirndl-Sew-along hier.

Samstag, 19. Juli 2014

Wochenrückblick

Hallo aus dem tropischen Berlin! Ich hatte in letzter Zeit viel um die Ohren, daher gab es eine Weile keine Wochenrückblicke und keine Linktipps.

Die Bilder sind auch schon vom Anfang des Monats: So sieht der Fernsehturm vom Klunkerkranich aus, der Dachgartenbar auf dem obersten Parkdeck der Neukölln Arkaden, eines Einkaufszentrums am Rathaus Neukölln. Morgens zum Frühstücken (wenn man einen der beiden Tische im Schatten kapern kann) oder abends ein prima Ort, um Besuch mit einem grandiosen Blick über die Stadt zu beeindrucken. Tagsüber gibt es dachgartentypisch nicht das kleinste bißchen Schatten, was möglicherweise den Vorteil hat, dass der Kaffee niemals kalt wird. 

Die Baumscheibe vor dem Haus hat sich prächtig entwickelt - so prächtig, dass mich Nachbarn fragten, welchen Geheimdünger ich verwende. Die Stockrosen hatte ich vor ein paar Jahren aus gesammelten Samen aus dem Schlosspark Sacrow selbst gezogen, die Farben waren daher eine Überraschung, der ich seit Wochen entgegenfieberte. 

Neues vom deutschen Sewing Bee



Und wer schaute mich an, als ich vor gut einer Woche die Berliner Zeitung aufschlug? Der Designer Guido Maria Kretschmer (Shopping Queen) plauderte im Interview über seine Nähanfänge mit gefärbten Bettlaken und ich dachte beim Lesen: meine Güte, er ist einer von uns! Er ist ein Nähnerd! Und es ist wohl nicht zuviel spekuliert, dass Kretschmer an der deutschen Version des Great British Sewing Bee beteiligt sein wird. Auf die Frage nach einer neuen Fernsehshow, in der es um individuell passende Kleidung gehen könnte, antwortete er: 

So etwas wird kommen, ich habe ein wunderschönes Angebot von meinem Sender. Auch deswegen bin ich heute froh, dass ich den Schritt ins Fernsehen gewagt habe. Viele haben damals gesagt: Guido, wie kannst du nur! Aber ich will Leute erreichen. Es ist Democratic Couture, wenn man etwas selber machen kann. [...] Selbermachen zeigt, was Mode kann.

Der letzte Satz - "Selbermachen zeigt, was Mode kann" - ist ja schon fast ein Kalenderspruch zum Nachsticken und über-die-Nähmaschine-Hängen. Warten wir also ab, was das Privatfernsehen, vermutlich ja also Vox, aus dem britischen Format macht.

Bis zum Sendestart könnte man noch das eine oder andere nähen. Zum Beispiel einen einfachen ausgestellten Rock mit dem kostenlosen Downloadschnittmuster von tessuti fabrics aus Australien. Oder den neuen Schnitt von Grainline Studios aus Chicago: Alder ist ein lockeres, ärmelloses Hemdkleid mit einem vorne kürzeren, hinten längeren Saum, einem Detail, das mir zur Zeit besonders gefällt.  

Brauchen Selbermacherinnen in großen Größen ihr eigenes Biotop? Auf den ersten Blick hätte ich da so meine Zweifel, denn Nähtechniken sind unabhängig von der Kleidergröße. Das Curvy Sewing Collective gefällt mir aber trotzdem außerordentlich gut. In dem Gemeinschaftsprojekt von sieben Nähbloggerinnen gibt es Schnittmusterbesprechungen, Tipps für Schnittänderungen, Anleitungen fürs Gradieren von Schnitten über die angebotenen Größen hinaus und bald auch Sew-alongs. "When a woman makes something she loves that fits her body impeccably, self-confidence shines through", schreiben die Initiatorinnen. Es geht nicht um "kaschierende" Zelte für Dicke, es geht darum, gut passende schöne und persönliche Kleidung unabhängig von der Kleidergröße herzustellen. Die Seite ist sehr inspirierend und sicher eine gute Starthilfe für Selbermacherinnen, denen bisher noch der Mut und die Mittel fehlten, die tollen Schnitte, die man von den Nähbloggerinnen mit Standardfigur kennt, für sich zu adaptieren. Selbermachen zeigt, was Mode kann - Guido sagte es ja schon.

Freitag, 11. Juli 2014

Stoffwechsel: Das Kleid

Endlich, endlich, endlich: hier ist mein Kleid aus der Stoffwechsel-Aktion. Ich wollte euch nicht so lange auf die Folter spannen, nur schwankte hier das Wetter die letzte Tage zwischen kurz vor Naturkatastrophe und Wolkenbruch mit entsprechend schlechtem Licht, und schlechte Fotos haben meine Stoffpatin und dieses Kleid wahrlich nicht verdient.


Als ich den Stoff auspackte, den meine zugeloste Partnerin für mich besorgt hatte, war ich ja gleich ziemlich begeistert, um nicht zu sagen: sehr begeistert. Da hatte sich jemand sehr genau Gedanken gemacht, was ich anziehe und was nicht, und auch wenn ich mir vor der Aktion fest vorgenommen hatte, mich wirklich darauf einzulassen und ohne Murren alles zu vernähen, was mir vorgesetzt werden würde, ist es natürlich viel schöner, einen wirklich tollen Stoff zu verarbeiten!

Andererseits wirft ein wirklich toller Stoff wieder neue Probleme auf: Stoffe dieser Kategorie lagern bei mir in der Regel erstmal zwei bis drei Jahre ab, ehe sie angeschnitten werden. Manchmal geht es mir auch wie drehumdiebolzen, dass ich etwas länger brauche, ehe ich das Kleidungsstück in einem Stoff "sehe".


Hier aber hatte ich wiederum Glück, denn das Kleid, das ich haben wollte, entstand schon nach kurzer Zeit vor meinem inneren Auge. Den Schnitt bastelte ich mir aus zwei älteren Burdastyle-Schnittmustern und dem Anna-Kleid von by hand London zusammen, hier findet man die Details.

Nach dem Probeteil ergaben sich noch ein paar kleine Änderungen, ich vertiefte die Abnäher im Rückenteil und die Falten im Vorderteil noch ein bißchen und kürzte das Oberteil ein wenig, so dass die Taille etwas höher rutschte.


Das Anschneiden des Stoffes war dann wieder etwas nervositätsbelastet, das Nähen beim letzten Nähkränzchen aber ein reines Vergnügen, weil sich der Stoff auch sehr gut verarbeiten ließ. An den Tascheneingriffen verläuft eine selbstgemachte Paspel (sieht man leider kaum auf den Bildern), die Armausschnitte sind mit dem gleichen selbst gemachten Schrägband eingefasst, aber so, dass auf der Außenseite eine schmale rote Einfassung sichtbar bleibt. Also quasi wie eine Paspel, aber ohne die Schnureinlage, durch die der Ärmelsaum zu steif werden würde.


Die Knöpfe hatte ich zufällig noch zuhause, die hatte ich mal auf Verdacht auf dem Markt gekauft, und dass sie hier passen ist auch ein kleines Wunder - wann bitte passen "einfach so" gekaufte Knöpfe denn einmal tatsächlich zu einem Nähprojekt? Gutes Karma!


Ob die Länge so bleibt, weiß ich noch nicht. Da die Idee auf einem Kleid der 40er Jahre basiert, dachte ich, ich probiere diese Länge einfach mal aus, kürzen geht ja später immer noch. Aber ehrlich gesagt finde ich die Länge an mir schrecklich bieder - oder ist es nur ungewohnt? Sagt mal was!

Bleibt nur noch die Frage: wer ist meine Stoffpatin? Ich habe ehrlich gesagt immer noch keine Ahnung. Meine tolle Tabelle, in der ich wer-mit-wem getippt hatte, ist nach einigen für mich überraschenden Outings vollkommen durcheinander gekommen. Der Absendeort des Begleitbriefes war Mannheim, aber das könnte ja auch ein raffinierter Trick sein! Also, ich weiß es nicht. Monika fragte vor ein paar Tagen nach dem Kleid mit der Bemerkung, sie wisse, wer meine Stoffpatin sei - und wenn ich so überlege, mit wem Monika korrespondiert, käme vielleicht Alle Wünsche werden wahr in Betracht. Das ist aber nur eine Vermutung, die ich nicht mit Indizien belegen kann. Wer es auch war: vielen Dank für diesen wunderbaren Stoff! Und vielen Dank Siebenhundertsachen für das Ausdenken und Betreuen dieser wunderbaren Aktion. Alle Teilnehmerinnen werden hier gesammelt, ich habe mir noch gar nicht alles angeguckt, was ich heute Abend endlich nachholen werde.

Sonntag, 6. Juli 2014

Getrödelt, gefunden, gefreut: Ein Trachtenalbum zum Dirndl-Sewalong


Das Beswingte Fräulein sammelt an jedem Ersten im Monat schöne Flohmarktfundstücke, eine Sammlung in die ich immer gerne hineinschaue. Ich bin ja nicht so eine Flohmarktgängerin. Die Touristen, die zu uns kommen, wollen nämlich alle trödeln und Secondhandklamotten kaufen, weil in den Reiseführern steht, dass man das in Berlin so macht, was in den Trendbezirken der Hauptstadt die Flohmarktpreise ziemlich in die Höhe getrieben hat. Die Flohmärkte in, sagen wir, Zehlendorf oder Steglitz habe ich noch nicht erkundet, und außerdem brauche ich ja eigentlich sowieso nichts. Also besser gar nicht erst gucken!

An diesem Album konnte ich dann aber doch nicht vorbeigehen. Ein Antiquariat in der Nähe des S-Bahnhofs Charlottenburg hatte eine ganze Kiste Sammelalben vor der Tür stehen, und ich blätterte durch die Schönheiten des Berliner Presseballs 1927, durch Bilder von berühmten Fußballern, Schachspielern, Jockeys, durch Zimmerpflanzen, Indianer und die Caracallathermen. Die meisten Alben boten so eine wilde Mischung aus Gesellschaftsklatsch, Natur und Kultur - ja, auch Thomas Mann war einmal auf Sammelbildchen abgebildet - aber dieses monothematische Heft mit Trachtenbildern nahm ich dann mit, weil ich an Julias Dirndl-und-Tracht-Sewalong dachte, der am übernächsten Mittwoch beginnt - Programm und Zeitplan findet man hier.    


Etwas Nachrecherche im Netz hat ergeben, dass das Album vermutlich von 1931 stammt und dass ich mit 4€ wenig dafür bezahlt habe. Die Trachtenbildchen im Format 4x6 cm sind nach Regionen geordnet. Ich habe hier mal ein paar Bilder mit persönlichem Bezug herausgepickt.


Die Oberbayrische Tracht  und die Tracht vom Starnberger See gelten im allgemeinen als Vorbilder für die heutigen Dirndl. Bei den gezeichneten Trachten wird ein großes Schultertuch zu Bluse und Mieder getragen. Das Riesendekollete der typischen Oktoberfestdirndl muss eine Erfindung der Fußballerfrauen des FC Bayern sein.


Die fränkische Bauersfrau trägt eine doppelreihig geknöpfte Jacke aus schwarzem Samt mit eckigem Ausschnitt zu Rock und Schürze. "Fränkische Tracht" ist allerdings vollkommen unpräzise, schließlich ist Franken groß, teils katholisch, teils evangelisch, besteht heute aus drei Regierungsbezirken und bestand bis ins frühe 19. Jahrhundert aus etlichen Kleinstaaten. Für die mittelfränkische Tracht gibt es eine Trachtenforschungs- und Beratungsstelle, über die historische Schnittmuster bezogen werden können.


Mit der Vierländer Tracht kommen wir zu meiner Vergangenheit - ich bin nämlich im Hamburger Elbvorland hinterm Deich aufgewachsen. Meine Eltern stammten aber beide nicht aus der Gegend, so dass wir als "Zugereiste" im Vereinsleben nicht so richtig integriert waren. Wie gerne hätte ich als Grundschulkind auch bei der Vierländer Trachtengruppe mitgetanzt, wie fast alle meine Schulfreundinnen! Meine Mutter stand dieser Idee aber nicht aufgeschlossen gegenüber und entschied, bei so einer "Trampeltanzgruppe" dürfe ich auf keinen Fall mitmachen. Ich habe also ein kleines Trachtentrauma aufzuarbeiten (fast so schlimm, wie die Geschichte mit der lila Teddyplüschjacke...), aber aus heutiger Sicht verstehe ich sie: man flüchtet ja nicht aus der Kleinstadt und vor der Vereinsmeierei der Verwandten nach Hamburg, damit das Kind sich dann dort einem Trachtenverein anschließt, mit allen Pflichten, die besonders für Mütter damit verbunden sind. Und meine Mutter war nie der Typ, der sich um den Kuchenstand kümmert.    


Die Vierländer Tracht mit dem charakteristischen Strohhut und der steifen schwarzen Schleife wurde übrigens schon um 1900 von den Vierländer Bauern als Markenzeichen für die besondere Qualität des Vierländer Gemüses aufgebaut, die Bäuerinnen trugen sie auf dem Gemüsegroßmarkt und beim Direktverkauf in Hamburg. In den frühen Achtzigern tauchte die Vierländer Tracht dann in der Rama-Reklame wieder auf - vielleicht erinnert sich jemand?

Jetzt bin ich doch wieder ins Erzählen reingekommen, obwohl ich eigentlich nur schnell meinen Trödelfund vorstellen und auf Getrödelt - Gefunden - Gefreut beim Beswingten Fräulein hinweisen wollte. Sie stellt in diesem Monat ein ganz entzückendes Buch übers Modezeichnen aus den 50er Jahren vor.

Donnerstag, 3. Juli 2014

Stoffspielerei: ein Nachtrag zum Thema Monogramme oder: wie bekommt man die Vorlage auf den Stoff? Eine Methode von 1912

Bei der Stoffspielerei im Juni ging es um Monogramme. Suschna hatte am Sonntag die Beiträge gesammelt und von ihren Schwierigkeiten berichtet, die Motive als Vorzeichnung zum Aussticken auf den Stoff zu bringen und außerdem verschiedene Übertragungsmethoden getestet. Wie die alten Monogramm-Kupferschablonen benutzt werden, die man oft noch auf Flohmärkten findet, blieb zum Beispiel rätselhaft - Karen wird bald noch etwas zu den geheimnisvollen blauen Tuschesteinen schreiben, die manchmal bei diesen Schablonen dabei sind, darauf bin ich sehr gespannt.

In dem Buch Ich kann Handarbeiten von Mizi Donner und Carl Schnebel von 1912 (gibt es günstig als Nachdruck und eine Menge Seiten kann man hier ansehen) widmet sich ein ganzes Kapitel der Musterübertragung.Es werden verschiedene Methoden beschrieben, die eines gemeinsam haben: sie dauern. Wir denken ja heute, das Übertragen müsste mit irgendwelchen Spezialstiften ruckzuck gehen, schließlich ist das ja nur die Vorarbeit, und die eigentliche Arbeit, das Sticken, kommt erst noch. Tatsächlich aber muss man sich wohl an den Gedanken gewühnen, dass es die eine, immer funktionierende, einfache und schnelle Übertragungsmethode auch heute nicht gibt, und dass Vorarbeiten einfach ihre Zeit brauchen.

Ich habe mir mal eine Methode, das "Pausen mittels Durchstechen" herausgepickt, die ist zwar auch nicht unaufwendig, hat aber den Vorteil, dass die meisten Materialien im (Schneider-)Haushalt vorhanden sein dürften oder leicht überall besorgt werden können.


Beim "Pausen mittels Durchstechen" wird das auf Papier durchgezeichnete Muster auf eine weiche Unterlage gelegt und die Musterlinien werden mit einer Nadel "so dicht, wie es das Papier ohne zu zerreißen erlaubt" durchstochen. Die Unebenheiten auf der Rückseite des Papiers sollen mit Bimsstein oder ganz feinem Schleifpapier geglättet werden - hier bin ich mir nicht sicher, ob das praktikabel oder überhaupt nötig ist.  Man erhält so eine Papierschablone, bei der die kleinen Löcher die Konturen des Musters nachzeichnen.

Diese Schablone wird nun auf den aufgepannten Stoff gesteckt. Nun soll mit einem "Durchreiber" aus Stoff "Pauspulver" durch die Löcher der Schablone getrieben werden. Der Durchreiber ist das Gebilde, das oben im Bild zu sehen ist - ein "gerade geschnittener, etwa 6 cm breiter zu 70 cm langer Tuchstreifen", ein Flanell- oder Filzstreifen, der fest zusammengerollt und in der Mitte mit einem Faden umwickelt wird.

Als Pauspulver erwähnen Donner/Schnebel verschiedene Substanzen: dunkles Pauspulver für helle Stoffe, und zwar "pulverisierten Graphit, Blaupulver oder pulverisierte Zeichenkohle" oder helles Pulver für dunkle Stoffe, und zwar "pulverisierte Kreide oder helles Kraftmehl". Dieses Kraftmehl ebenso wie das Blaupulver seien "in Drogengeschäften, die Farbwaren führen" erhältlich.

Graphitpulver, quasi zerriebene Bleistiftminen, gibt es heutzutage als Schmiermittel für Türangeln im Baumarkt, Zeichenkohle im Künstlerbedarf, man müsste lediglich eine gute Methode finden, sie zu Pulver zu zermahlen. Möglicherweise könnte eine Küchenmaschine mit Messereinsatz nützlich sein? Blaupulver ist ein enger Verwandter der organischen Verbindungen, die auch bei der Cyanotypie für die blaue Farbe sorgen, und ich würde nicht ausschließen, dass man diese Substanz im sehr spezialisierten Farbenhandel immer noch bekommen kann - das nur der Vollständigkeit halber. Pulverisierte Tafel- oder Schneiderkreide: nichts leichter als das.

Nur das "helle Kraftmehl" gibt mir Rätsel auf: im 19. Jahrhundert wurde Getreidestärke auch als Kraftmehl bezeichnet, aber darum kann es sich hier ja kaum handeln, wenn man es in der Drogerie kaufen musste. Die Bezeichnung "helles Kraftmehl" deutet außerdem darauf hin, es könnte auch dunkles Kraftmehl gegeben haben. Weiß jemand mehr?

Die Anleitung geht dann auf das Nachzeichnen der so durchgeriebenen Punkte ein - das ist, so weit ich das verstehe, für Stickereiarbeiten wie Gobelins und Bunstickerei auf Wollstoffen oder Samt relevant, wenn die Vorzeichnung durch die Stickerei komplett bedeckt wird, so dass hier auch nicht-auswaschbare Farben verwendet werden können.  

Bei der Stickerei auf weißen, waschbaren Stoffen müssen die Punkte nicht nachgezogen werden, schreiben die Autoren. Die durchgeriebenen Punkte werden aber fixiert: mit "Spiritus, dem ein geringes Quantum verdünnter Schellack" zugesetzt wird" (Verhältnis 1:5). Das Fixativ wird mit einem Zerstäuber aufgesprüht.

Spiritus ist nichts anderes als vergällter Alkohol, Schellack ein organischer, nicht wasserfester, aber in Alkohol löslicher Lack, der unter anderem für Möbel verwendet wurde. Vielleicht durch Haarspray ersetzbar? Ich werde das bei meinem nächsten Stickprojekt (das im Kopf schon durchgeplant ist) ausprobieren.   

Nachtrag 5. 7. 2014: 

Unbedingt auch lesen: Teresa wirft den Begriff Wäscheblau in den Ring und zeigt in ihrem Blog Monogramme, Schablonen und Übertragungswerkzeuge.

Bei Wäscheblau handelt es sich um bestimmte, gut auswaschbare Blaupigmente, die mit Stärke oder Traubenzucker gestreckt wurden - möglicherweise bestehen daraus auch die Tuschesteine der Monogrammschablonen?

In den Kommentaren hier sind viele weitere Tipps zum Übertragen von Stickvorlagen zu lesen - herzlichen Dank an alle für die lebhafte Diskussion!

Donnerstag, 26. Juni 2014

Wochenrückblick: Regen, Regen, Regen, Schnittmuster, Schnittmuster, Schnittmuster


Also langsam macht das ja keinen Spaß mehr: Kälte und Regen wie im Oktober, aber ohne Lebkuchen in den Geschäften. Und ein Ort für Lamentiererei über das Wetter sollte das hier auch nicht werden - aber wenn der längste Tag des Jahres gefühlt auch der kälteste seit Wochen ist, was bleibt einem übrig?

Das Schloss Charlottenburg macht sich mit dramatischem Regenhimmel auch gut, zumindest für ein Foto, und die unbekannten Kübelpflanzen (weiß jemand, was das ist?) trotzen dem Berliner Nichtsommer. Auf der Dachterasse der Nachbarn wars beim Hausfest allerdings mehr als ungemütlich. Zehn Minuten nach dem Foto kam der große Platzregen.

Bei der WM-Jacke ist das Rückenteil und ein Ärmel fertig. Die von Wiebke so gepriesene Direktanstrickmethode der Ärmel konnte ich allerdings unter den derzeitigen Umständen weder gedanklich erfassen noch praktisch nachvollziehen - meine Lernkapazitäten für Neues sind derzeit offenbar anders belegt. Daher stricke ich die Jacke ganz stumpf wie immer in Einzelteilen und nähe zusammen. Stricktechnikinnovationen werden beim nächsten Mal ausprobiert.

In den Handarbeitslinks der Woche gibts diesmal ein Rudel neuer Schnittmuster:


Über die Schnitte von Cake patterns, insbesondere über das Tiramisu-Kleid gab es in letzter Zeit heiße Diskussionen: Passt es am besten bei größerer oder nicht so großer Oberweite? Ist es für eine langen Oberkörper konzipiert? Muss man das Taillenband füttern? Was den Austausch über die Passform ein bißchen kompliziert macht, ist das besondere Größensystem von Cake patterns: bei Tiramisu wählt man die Größe ausgehend vom Oberbrustumfang und der gemessenen Cup-Größe und verbindet die entsprechenden Linien auf dem Schnittmusterbogen selbst. Wer die Cake-Schnittmuster und die persönlichen Anpassungsmöglichkeiten erst einmal ausprobieren will, findet im Cake-Blog ein kostenloses Schnittmuster für ein Tshirt mit überschnittenen Schultern, das in Länge und Weite angepasst werden kann. 

Während Cake Patterns ja schon zu den Etablierten der kleinen Schnittmusterfirmen gezählt werden kann, sind  Snapdragon Studios aus Newark ganz neu auf dem Markt: mit einem Sommerkleid, einem Tunikaschnitt und einem ausgestellten Rock.

Andere Neuzugänge der Schnittmusterszene kennt man schon lange als Nähbloggerinnen. Kelli alias True Bias näht schon seit 2012 sehr schicke Sachen für sich und fürs Kind und brachte nun ihr erstes Schnittmuster heraus: die Hudson Pant ist eine dieser schicken Jogginghosen, ohne die man anscheinend weder in New York noch in Neukölln diesen Sommer auskommen kann.

Das britische Blog Charityshopchic gibt es auch schon einige Jahre, dort wandelt Sally absolut hoffnungslose Fälle aus dem Secondhandladen in tragbare, modische und vor allem passende Kleidungsstücke um. Unter dem Namen Capital Chic Patterns vertreibt sie nun ihre eigenen Schnittmuster, und bei der Beschreibung ihrer Designphilosphie fühlte ich mich sehr verstanden: I feel that there are people who sew whose personal style doesn’t necessarily fit into the vintage/retro style that a lot of indie pattern companies cater for, and those are the people for whom I’m designing. Hurra! Endlich eine Indie-Schnittmusterfirma, die nicht auf den Retro-Stil und noch mehr süße Hemdblusenkleidchen setzt! (gefunden via @beate, Danke!)