Dienstag, 17. Mai 2016

Geständnisse vom Bügelbrett



Früher oder später im Leben muss man sich damit auseinandersetzen, bestimmte Dinge nicht so gut zu können wie andere Leute. Ich zum Beispiel bin unsportlich und unmusikalisch, kann nicht besonders gut einparken, Messer schärfen oder ohne Herumkrümeln Streuselkuchen essen. Was ich auch nicht besonders gut kann im Vergleich zu anderen - dieses Defizit fiel mir allerdings erst vor kurzer Zeit auf - ist das Bügeln. Ja, ich weiß, den oft strapazierten Schneiderspruch, wonach gut gebügelt schon halb genäht sei, habe ich auch schon zitiert und sogar bei einigen Nähkränzchen öffentlich behauptet, bestimmte Nahtunregelmäßigkeiten würden sich "einfach wegbügeln" lassen.

Dabei bin ich wirklich niemand, der die Wörter "einfach" und "bügeln" in einem Satzzusammenhang benutzen sollte, so mein Eindruck. Regelmäßig beobachte ich bei anderen Selbernäherinnen, dass sie  nach dem Zwischenbügeln mit einem halb fertigen Teil vom Bügelbrett an die Maschine zurückkehren, und sich eben nicht irgendwo neue Falten hineingebügelt haben. Mir passiert das immer. Eine schön gebügelte Vorderseite richtet Verwüstungen auf der Rückseite an und umgekehrt. Außerdem habe ich immer das Gefühl, beim Bügeln mindestens drei Hände zu brauchen: Zwei, um mein Nähstück festzuhalten und Nahtzugaben in die richtige Richtung zu legen und eine, um das Bügeleisen zu halten. Eine wahre Freude sind auch solche Stoffe, die ich glattbügele, und sobald ich mich kurz umdrehe, erscheinen die Knitter wieder wie durch Magie.

Das letztgenannte Phänomen könnte auch mit meinem Bügelequipment zusammenhängen, das versierte Büglerinnen wahrscheinlich lächerlich finden werden: Ich bügele seit ca. 1992 mit dem Bügeleisen, das oben zu sehen ist und nach Bedarf mit einem feuchten Tuch. (Für das Tuch wären eine vierte und eine fünfte Hand hilfreich.) Dass ein besseres Bügeleisen das Bügeln sehr erleichtern kann und zumindest die Knitterfalten dann auch wirklich weggebügelt bleiben, merkte ich bei der Annäherung in Bielefeld, da benutzte ich ein Dampfbügeleisen (von Sybille?), das mir sehr gut vorkam. Aber was weiß denn ich, ich stehe bügeltechnisch ja sozusagen auf dem Stand des frühen 20. Jahrhunderts.

Womit bügelt man denn im Jahr 2016 so? Woran erkenne ich ein gutes Dampfbügeleisen, womit bügelt ihr, seid ihr zufrieden, habt ihr Tipps worauf ich achten sollte? Was ist mit Bügelgadgets wie Bügelei und Bügelamboss, benutzt ihr sowas, findet ihr das hilfreich? So ein Bügelei wollte ich mir mit Hilfe dieser Anleitung bei Santa-Lucia-Patterns schon lange selber machen, sollte ich das endlich mal umsetzen? Und nicht zuletzt: Wie lerne ich besser bügeln? Versierte Büglerinnen da draußen, verratet mir euer Geheimnis, wie habt ihr es gelernt?  

Samstag, 7. Mai 2016

Prada-Sewalong: Mit Leinenpatchwork zum Finale


Wird Bastelei erst durch ein berühmtes Label geadelt? Oder was ist der Unterschied zu dem, was ich selber basteln kann? Das ging mir durch den Kopf, als ich den Rock aus schwarzen Leinenresten nach Vorbild eines Rocks von Prada (hier) zusammensetzte. Wie Frau Vau richtig anmerkte, ist bei Patchworkkleidung der Grat zwischen "Wow" und "Lumpensack" recht schmal, und bei so einer Konstruktion wie hier, bei der die Nähte sichtbar nach außen gelegt sind, gilt das ganz besonders. Wie die Detailfotos zweier anderer Röcke aus dieser Kollektion zeigen (hatte ich hier beim Zwischenstand gepostet), sind die Stoffe dachziegelartig, links auf rechts zusammengesetzt und die offenen Kanten einfach mit Zickzackstich umkantelt. So wie es Hobbyschneiderinnen ohne Overlock auf der ganzen Welt machen. 


Und genauso habe ich es auch gehalten: Die Längskanten der Einzelteile gezackelt - sie liegen im Fadenlauf und würden sich sonst vollkommen auflösen. Die unteren Kanten  liegen im schrägen Fadenlauf, fransen daher weniger, und bekamen nur eine einfache schwarze Steppnaht zur Sicherung, die man kaum sieht. Zusammengenäht wurde alles mit dickem weißem Absteppgarn als Oberfaden.


Der Rock hat viel mehr Reste verschlungen, als ich erwartet hatte, daher musste ich unterschiedliche Leinenqualitäten verwenden und ganz zum Schluss beim Nähkränzchen sogar noch ein abgeschnittenes Hosenbein von Suschna - Textile Geschichten erschnorren (Danke nochmal dafür, es fügt sich wunderbar ein). Das finde ich letztlich sogar sinnvoller, als die Einzelteile aus frisch gekauftem Stoff auszuschneiden und dann mühsam zusammenzusetzen, wie es beim Prada-Original vermutlich gemacht wurde. Aber wenn ich diesen Rock trage, wird sich sicherlich sowieso niemand an die Prada-Frühjahrskollektion 2015 erinnert fühlen, sondern der ganze Kontext wird eher für die merkwürdige Bastelei einer Hobbyschneiderin sprechen - aber das ist mir herzlich schnuppe. Das Nähen war bis jetzt ein schönes Experiment, ich fand es interessant, mich mal genauer mit Prada zu beschäftigen. Das geplante Oberteil ist leider noch nicht über den Zuschnitt hinausgekommen, da ich den Schnitt aus Burda 4/2016 unbedingt ausprobieren möchte, wird das aber auf jeden Fall genäht.

Die Ergebnisse des gemeinsamen, von Prada inspirierten Nähens sind hier verlinkt - manche haben ganze Kollektionen genäht, und kaum eine kam ohne Schlangenlederimitat aus. An der Stelle klafft ja eine Lücke in meinen Stoffvorräten, ich glaube, ich muss mein Verhältnis zu diesem Material überdenken.

Donnerstag, 5. Mai 2016

Bald wieder im Fernsehen: The Great British Sewing Bee, 4. Staffel


Zurzeit schaue ich jeden Donnerstag in die Programmankündigung von BBC Two, damit ich den Beginn der 4. Staffel des Great British Sewing Bee*) nicht verpasse. Anfang Februar war die erste Sendung für den 5. Mai, also heute, angekündigt worden, dann hörte man lange gar nichts mehr, so dass britische Nähnerds schon bei twitter spekulierten, die Kommunalwahlen hätten zu einer Verschiebung der Sendung geführt. BBC Two zeigt heute Abend einen Tierfilm, den könnte man zugunsten von Wahlberichterstattung bei Bedarf ausfallen lassen. Heute aber meldete die Seite Radiotimes: Am Montag, 16. Mai um 21.00 Uhr geht es los.

In der neuen Staffel ist May Martin nicht mehr als Jurorin dabei, wurde Anfang Februar bekannt. An ihrer Stelle kommt Esme Young, eine Kostümdesignerin, die viel für den Film arbeitet und in den frühen 1970er Jahren das Modelabel Swanky Modes gegründet hatte. Ich bin gespannt, was das für die Sendung bedeutet.

May Martin wirkte etwas spröde, sehr sachlich und ernsthaft, vielleicht zu ruhig und zu wenig unterhaltend für das Fernsehen. Gleichzeitig war sie als Nählehrerin sehr glaubhaft in ihrer Rolle als Jurorin für die technischen Aspekte des Nähens und passte daher zu dem Konzept, HobbynäherInnen gegeneinander antreten zu lassen und bei der Bewertung größeren Wert auf die technische Umsetzung und die Passform, als auf die Designidee zu legen. Wenn jetzt eine Designerin Jurorin ist, ändert das möglicherweise den Charakter der Sendung vom Nähwettbewerb hin zu einem Designwettbewerb. Esme Young hatte in einem Interview bei The Sewing Directory schon einige Details der neuen Staffel verraten, unter anderem, dass sie die WettbewerbsteilnehmerInnen ermutigt habe, eigene Schnitte zu erstellen. Das wäre tatsächlich eine neue Richtung, ging es bisher im Wettbewerb doch vor allem darum, die Vorgaben eines fertigen Schnittmusters und der Jury möglichst genau zu erfüllen.

Auf jeden Fall können wir uns wieder auf Patrick Grant freuen - der von Nähtechnik ja auch einiges versteht - und der wie kein anderer den Typus des altehrwürdigen britischen Herrenschneiders verkörpern kann, der er in Wirklichkeit gar nicht ist (Neben einem Uni-Abschluss als Ingenieur und einem MBA-Studium arbeitete vor allem im Marketing, ehe er einen alten Londoner Maßschneidereibetrieb in der Savile Row rettete und als neue Marke aufbaute).  Aber so funktioniert Fernsehen, und auch wenn man um die Illusion weiß, macht es Spaß, die Sendung zu verfolgen, weil sie gut und intelligent gemacht ist. Wie sollten uns also den Montag Abend schon mal vormerken und frei halten!


*)  Wer das Phänomen des Great British Sewing Bee bisher verpasst hat: Es handelt sich um einen Nähwettbewerb im Fernsehen, bei dem eine Gruppe von Hobbyschneiderinnen und Hobbyschneidern Woche für Woche Nähaufgaben löst. Bisher musste in jeder Folge ein unbekanntes Schnittmuster nach Anleitung genäht und ein fertiges Kleidungsstück umgestaltet werden, gegen Ende der Staffel dann ein selbst gewählter Schnitt passend für eine konkrete Person genäht werden. Nach der Beurteilung durch die Jury schied jede Woche ein Mitglied der Gruppe aus, bis aus den letzten drei "Großbritanniens beste Hobbyschneiderin" gekürt wurde. Die alten Folgen sind zum Teil noch bei youtube zu finden, verschwinden aber von Zeit zu Zeit wieder. Schaut einfach mal in eine Folge rein! Der Wettbewerb ist so sympathisch und unterhaltsam gemacht und zeichnet sich durch einen freundlichen und respektvollen Umgag mit den Kandidatinnen aus, noch dazu bekommt man unbändig Lust zum Nähen.

Ganz anders also als die deutsche Adaption als "Geschickt eingefädelt" bei Vox, über die ich wohl doch noch einmal etwas schreiben muss. Wie man hört, laufen die Dreharbeiten für die zweite Staffel schon, und nachdem ich gerade bei meinem Zweitarbeitgeber den Chaos-Einkauf einer Praktikantin für die Sendung mitbekam fürchte ich, dass wir auch diesmal kein liebevoll produziertes Stück Fernsehen bekommen werden.  

Montag, 2. Mai 2016

Plissieren, Siebdrucken... und dann die Weltherrschaft!


Ich wollte euch ja noch ganz dringend die Ergebnisse des Plisseeversuchs vom letzten Wochenende und des Siebdruckkurses vom vorletzten Wochenende in Hamburg zeigen. Die gereihten Plisseefalten sind genau so herausgekommen, wie ich mir das gedacht habe und scheinen sehr haltbar zu sein.


Für den endgültigen Haltbarkeitstest wandert der Stoff jetzt erstmal in die Wäsche, ich möchte das Verhalten kennenlernen. Der Stoff besteht wohl etwa zur Hälfte aus Chemiefaser und wäre auch als Kleidungsstück angenehm zu tragen.


Ich bin zwar keine große Freundin dieses ökigen, unregelmäßigen Knitterlooks, aber wer weiß: kommt Zeit, kommt Gelegenheit. Und mit viel Geduld wären auch regelmäßige, scharfe Falten möglich.

Von den bedruckten Stoffen bin ich immer noch begeistert.


Der Untergrund für diesen Druck in verschiedenen Blau- und Petroltönen ist eine Art Oberhemdenstoff, ein etwas verwaschenes, leicht meliertes Rot. Ich habe einen breiten Streifen bedruckt und plane, einen Rock mit breiter Saumblende (101 aus Burda 3/2016) daraus zu nähen - die Blende gemustert, der Rest einfarbig, die Blende mit einer Paspel abgesetzt. 


Die gemusterten "Kartoffeln" auf Streifenstoff von Ikea dienten zur Verwertung der ausgeschnittenen Schablonenreste des Tischdeckendrucks auf den nächsten zwei Bildern. Das werden wohl zwei Tischsets - die großen Farbflächen sind sogar ein bißchen schmutzabweisend, glaube ich. Dieser Druck brauchte unfassbar viel Farbe - die große Fläche und ein grob gewebter Stoff mit leicht unregelmäßiger Oberfläche tragen dazu bei - daher sind nicht alle Gebilde ganz gleichmäßig gedruckt, aber das wird später kaum noch auffallen. 


Mit diesem Druck bin ich besonders zufrieden. Die Tischdecke wurde von Hand sehr geübt und kunstfertig bestickt, ich hatte sie vor einiger Zeit aus einem "zu verschenken"-Karton bei uns in der Straße gerettet. Aber wenn sie bei mir nur in einer Schublade liegt, hat ja auch niemand etwas davon. Bei der Textile Art hatte ich vor Jahren einmal bedruckte Damasttischdecken gesehen, daher kam meine Idee, die gestickte Decke mit zarten Motiven zu bedrucken.


Die Motive habe ich ohne Rücksicht auf die Symmetrien des gestickten Musters locker und unregelmäßig über die Decke verteilt. Das Drucken hat gut funktioniert, obwohl das Sieb bei den plastischen Stickereien zum Teil nicht ganz plan liegen konnte.

Kristina, die Veranstalterin des Workshops, hat inzwischen auch über den Kurs geschrieben und zeigt, was an dem Tag entstanden ist. Falls ihr im Hamburger Raum in verschiedene Drucktechniken hineinschnuppern wollt, kann ich einen Kurs bei ihr sehr empfehlen.

Gerade das Drucken bietet Selbernäherinnen ja noch mal eine ganz andere Stufe der Gestaltungsmöglichkeiten als das Vernähen von gekauftem Stoff. Kurz gesagt: Wer Stoff bedrucken kann, ist der nähnerdischen Weltherrschaft ein Stück näher gerückt. Die Selbernäherin kann sich zum Beispiel Jersey für ein Game of Thrones-Fanshirt bedrucken, das absolut nicht wie ein herkömmliches Fanshirt aussieht. Mich interessiert besonders die Möglichkeit, den gleichen Stoff gemustert und ungemustert in einem Kleidungsstück verarbeiten zu können. Oder denkt an Bordürendrucke: Sie finden sich nur selten im Stoffgeschäft, und bei Meterware braucht man oft größere Mengen, um die Schnittteile platzieren zu können. Wie viel praktischer wäre es, die schon zugeschnittenen Teile direkt zu bedrucken! Natürlich sind nur bestimmte Muster mit dieser Technik möglich, und natürlich werde ich nicht ab sofort alle Stoffe selbst bedrucken, aber es ist schön zu wissen, wie sowas geht und einschätzen zu können, was möglich ist. Dann muss ich zum Herbst hin zum Beispiel nicht mehr nach gut fallenden Blusenstoffen mit netten, kleinen grafischen Mustern suchen - die ich bisher nur in sehr teuren französischen Onlineshops gesehen habe - sondern ich könnte mir zum Beispiel einfarbige Viskose selbst bedrucken. Siebenhundertsachen schrieb kürzlich über die Indianermentalität, und ihr Artikel trifft es sehr gut.    

Dienstag, 26. April 2016

Upcycling-Workshops beim Lillestoff-Festival 2016


Wenn man Außenstehenden erzählt, dass sich an einem Wochenende im September sechs- bis siebenhundert Frauen in einer Messehalle bei Hannover treffen, um ein Wochenende lang zu nähen, kann man beobachten, wie sich in einer Denkblase über dem Kopf des Gegenübers ein riesiges Fragezeichen materialisiert. Nähnerds aber wissen sofort, dass das eine tolle Sache sein muss. Das Wochenende wird von der der Firma Lillestoff organisiert, Herstellerin hochwertiger Jerseys, und neben Nähen bis zum Abwinken gibt es jedes Mal Workshops zu Nähthemen, zum Fotografieren und Siebdrucken.


Ich freue mich total, dass ich beim Lillestofffestival 2016 zwei verschiedene Upcycling-Workshops geben werde und bin schon ganz neugierig auf die Veranstaltung. Im Workshop Neues Leben für alte Hemden werden abgewetzte Oberhemden verwandelt. Hemden sind mein Lieblingsmaterial beim Upcyceln, weil die Stoffe so schön und hochwertig sind. Mit etwas Einfallsreichtum werden Röcke, Blusen oder Kindersachen daraus, man muss sich nur trauen, hineinzuschneiden und improvisierend zu nähen. Der Workshop läuft jeweils am Samstag und am Sonntag vormittags (17.+18. 9.), dauert ca. 3,5 Stunden und kostet 35 Euro.     


Den zweiten Workshop habe ich den T-Shirt-Notarzt genannt, denn darin werden wir T-Shirts mit kleinen, aber lebensbedrohlichen Verletzungen retten: Oft sind T-Shirts ja im Prinzip intakt und tragbar, aber oft finden sich ausgerechnet auf der Vorderseite kleine Löcher oder nicht mehr entfernbare Flecke. Ich werde euch zeigen, wie man mit "umgekehrten" Applikationen (auch Negativapplikation genannt) solche Kandidaten vor der Tonne retten kann. Ein Beispiel seht ihr oben - und ja, es wird mit der Hand genäht, aber das ist gar nicht so langwierig, wie sich das anhört. Dieser Workshop läuft jeweils am Samstag und Sonntag Nachmittag, dauert ca. 2 Stunden und kostet 20 Euro.

Das gesamte Programm des Wochenendes findet ihr hier im Lillestoff-Blog (Klick auf das Bild öffnet ein pdf mit dem Programmflyer), die Karten für Wochenende und Workshops bestellen könnt ihr unter dem Menüpunkt "Lillestofffestival" im Shop. Ich bin unheimlich gespannt, wie das alles wird und wen ich wohl im September beim Festival treffen werde. Und ich freue mich sehr, denn ein ganzes Wochenende, in dem es nur ums Nähen geht, kann ja eigentlich nur gut werden.

Ergänzung 27. 4. 2016: Die Workshops sind schon ausverkauft. 
Falls es neue Workshops gibt, findet ihr die Termine auf der Extraseite hier im Blog (siehe oben unter dem Reiter "Termine"). 

Sonntag, 24. April 2016

Stoffspielerei im April: Plissee


Kann man Plissee selber machen? Ich hatte schon mal im Vorbeigehen im Netz aufgeschnappt, dass es möglich sei, dauerhafte Falten in Stoff in der Mikrowelle zu erzeugen und hatte Lust, diese Technik genauer unter die Lupe zu nehmen. Beim Nähbloggerinnentreffen in Köln im letzten November hatten wir außerdem Plissee Becker, einem alt eingesessenen Laden in der Kölner Innenstadt, einen Besuch abgestattet. Der Inhaber Rolf Teichmann hatte uns in der Werkstatt die ziehamonikaähnlichen Formen aus dünner hellbrauner Pappe gezeigt, in die der Stoff von Hand eingelegt wird und die in einer halben Stunde bei Hitze und Dampf in einem Spezialofen messerscharfe Falten in den Stoff pressen. Wenn der Stoff mindestens 50% Polyester enthält, sind die Falten dauerhaft.

Plissee ist ist zur Zeit auch wieder ein Thema in der Mode: In der Sommerkollektion 2016 von Issey Miayke, der seit den 1990ern mit Plissees experimentierte, wurde eine neue Plissier- und Färbetechnik vorgestellt, bei der die hervortretenden Falten durch das Bedrucken mit einer Art Leim erzeigt werden.  

Es gibt eine ganze Reihe englischsprachiger Anleitungen, die das Plissieren behandeln. Die historischen Näherinnen experimentieren, wie das berühmt Delphos-Kleid von Mariano Fortuny nachgearbeitet werden könnte. Das Kleid, das in der Art griechischer Gewänder aus zwei Stoffbahnen besteht, war in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein bequemes, etwas exzentrisches Nachmittagskleid für künstlerisch veranlagte Damen. Bilder und Beschreibungen gibt es zum Beispiel hier, hier und hier - sehr schön auch dieses Foto von 1922, wo man sieht, wie so ein Kleid an echten Menschen aussieht. Die Bahnen aus Seidenstoff, die Fortuny selbst färbte, waren der Länge nach in unregelmäßige Falten gelegt und passten sich dem Körper locker an.

Man weiß nicht genau, wie die Falten erzeugt wurden, anscheinend wurde der Stoff von Hand eingereiht  und in erhitzen Keramikrohren fixiert. Nach allem, was ich dazu gelesen habe, waren die Plissierung auch nicht ewig haltbar: Die Kundin konnte ihr Kleid jederzeit zu Fortuny nach Venedig zurückschicken, wo es kostenlos erneut plissiert wurde. Eine Anleitung zum Nacharbeiten dieses Kleides habe ich zum Beispiel hier gefunden, und auf dieser deutschen Seite wird die Seide nicht nur eingedreht, sondern mit Dauerwellflüssigkeit behandelt, was sich sinnvoll anhört, schließlich besteht Seide aus Eiweiß, so wie Haare auch.

Über das Plissieren von Polyester fand ich widersprüchliche Angaben: Mal reichen angeblich nur wenige Minuten in der Mikrowelle, mal wird der Backofen verwendet, mal wird der Stoff im Topf gekocht. Einen systematischen Vergleich der verschiedenen Hitzequellen gab es in diesem Aufsatz von Sherry J. Haar. Sie testete folgende Methoden mit Probestücken aus Polyesterorganza und Polyesterfutterstoff:

- Kochen im Dampfkochtopf (auf einem Dämpfeinsatz über Wasser, 30 Minuten unter Druck)
- Kochen in einem Topf mit Wasser (30 Minuten)
- Erhitzen in der Mikrowelle (Mikrowelle mit 1100 W, bei 80% der Leistung 30 Minuten)
- Backen im Backofen (30 Minuten bei 202°C auf Alufolie)
- Alle Proben konnten 18 Stunden abkühlen
- Besonders wirkungsvoll war das Kochen im Dampfkochtopf und das Backen im Backofen bei trockener Hitze

Beim Erhitzen lockern sich die Verbindungen zwischen den Molekülen, aus denen die Fasern bestehen. Sie verfestigen sich beim Abkühlen wieder, aber nun in der neuen Form, die erst wieder durch Hitze und/oder Druck und Feuchtigkeit aufgelöst werden kann. So weit zumindest die Theorie.


Praktisch erwies es sich schon als kompliziert, einen Stoff aus Polyester oder zumindest mit hohem Polyesteranteil im Lager zu finden. Den ersten Versuch habe ich mit ein paar sehr chemiefaserhaltigen Resten unternommen, die ich (siehe alleroberstes Foto) über eine Form aus gefaltetem Papier in Zieharmonikafalten gelegt hatte. Beim professionellen Plissieren sind die Formen aus einer speziellen, hellbraunen Pappe, die mehrere Plissiervorgänge im heißen Dampf aushält, aber das konnte ich hier außer Acht lassen.


Die verschnürten Bündel feuchtete ich etwas an und tat sie bei 200° für 25 Minuten in den Ofen (der wegen einem Auflauf sowieso heiß war). Das Auspacken war spannend!


Wunderbare Falten! Und sie kommen mir auch ziemlich haltbar vor. Das lässt sich natürlich erst richtig beurteilen, wenn die Stücke getragen und ein bißchen beansprucht werden. Da die Sache Potential zu haben scheint, habe ich anschließend gleich ein größeres Stück der unteren Stoffprobe eingereiht, ein transparenter Batist, der wohl aus Polyester und Viskose oder Baumwolle besteht.




Das Stück war gestern während des Frühstücks im Ofen, mit Alufolie abgedeckt, dann bin ich zu einem Nähkränzchen losgefahren und kümmerte mich erst heute früh wieder darum. Der Stoff ist tatsächlich immer noch feucht, deshalb lasse ich ihn jetzt noch etwas im Ofen nachtrocknen und packe ihn erst heute Abend aus.

Aber jetzt bin ich gespannt, was die Mitpielerinnen aus dem Plissee-Thema gemacht haben.

Möchtet ihr auch verlinkt werden, meldet euch doch kurz in den Kommentaren!

Die nächste Stoffspielerei zum Thema Schrift im/auf Textil ist am 29. Mai bei Karen.

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Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Der Plan für die nächsten Monate, kurzfristige Terminänderungen sind möglich:

26. Juni Frifris, Thema “Löcher”

SOMMERPAUSE

Wiederaufnahme voraussichtlich am 25. September bei Susanne, Thema: Von Gold bis Blech – Metallstickerei