Samstag, 4. Juli 2015

Schnittmusterparade Mai/Juni

Puh, in Berlin soll dieses Wochenende das heißeste Wochenende seit überhaupt immer werden, wenn ich das gestern im Radio richtig gehört habe. Ich komme gerade von einem Geburtstagsfrühstück zurück und stelle erfreut fest, dass in der Wohnung nur 24° sind - nähen wäre also möglich. Oder Nähwerke planen, aber das geht ja ohnehin fast immer. Deshalb lasse ich euch zum Wochenende die neue Schnittmusterparade da - genießt sie bei einem kühlen Getränk!

Kleider


Sehr sommerlich: Das Sylvie Dress von Christine Haynes - ein ärmelloses Sommerkleid mit großem Ausschnitt und Fältchen in Oberteil und Rock anstelle von Abnähern, in den Größen 0-18 (79-114 cm Brustumfang). Ich bin gespannt auf die ersten genähten Exemplare im Netz - denn die Unterschiede zwischen der Schnittzeichnung und den Beispielkleidern auf der Seite irritieren mich etwas: Das Taillenband ist anscheinend sehr viel breiter, als es in der Zeichnung erscheint und reicht fast bis unter die Brust, der Rockteil von Modell B ist in Wirklichkeit wohl ein Bleistiftrock mit Abnähern. Aus den Zeichungen hätte ich das so nicht herausgelesen - oder ist das künstlerische Freiheit?

Klassisch: Das Hemdblusenkleid von Sew over it - ein tief gezogener Reverskragen, Schulterpasse, Fältchen in der Taille, schmale, dreiviertellange Ärmel und mal nicht mit einem Frauennamen benannt, sondern nach dem, was es ist: The vintage shirt dress (Größe 8-20, 84-114 cm Brustumfang). Und Zeichnung und Fotos stimmen hier auch überein.

Einen Tick zu spät für den Wickelkleid-Motto-Mittwoch kam das Wickelkleid Rachel von Maria Denmark heraus, ein Jerseykleid ohne Taillennaht in den Größen 34-56 (80-120 cm Brustumfang),, somit ist der Schnitt noch nicht Nähcommunity-getestet. Im Blog gibt es zusätzlich eine bebilderte Anleitung der Schnittänderung für größere Oberweiten.

Jumpsuits sind sowas wie Kleider mit Hosen, richtig? Deshalb ordne ich den Jumpsuit Sallie von Closet Case Files hier bei den Kleidern ein. Zudem gibt es ihn auch noch als Maxikleid-Variante, und beim Oberteil kann man zwischen kurzen angeschnittenen Ärmeln oder dünnnen geknoteten Trägern wählen. (Größen 0-20, 79-117 cm Brustumfang)

By Hand London veröffentlichte den ersten Schnitt nach dem Zerplatzen der Träume vom Schnitte-und-Stoffe-Großkonzern und erhörte meine Gebete: Das Kleid Zeena hat Ärmel! Wahlweise kurze oder ellbogenlange Kimonoärmel, ein Oberteil mit aufspringen Falten statt Abnähern und einen Rock mit Kellerfalten. Auch hier habe ich den Eindruck, dass ich noch mehr genähte Beispiele sehen muss, zum Beispiel um herauszufinden, ob das Oberteil locker und blusig sitzen soll. (Größen 6-20, 81 - 106 cm Brustumfang)

 

Oberteile 


Keine Indie-Schnittmusterfirma ohne kastiges Webstoff-T-Shirt im Portfolio! Was für den Sommer 2014 galt, gilt 2015 noch immer. Das kastige Webstoff-T-Shirt von Paprika Patterns heißt Onyx Shirt und ist ärmellos oder mit kurzen Ärmeln mit Riegel. Für Größe 1-10, 80 bis 124 cm Brustumfang.

Das kastige Webstoff-T-Shirt von Inhouse Patterns, die Chelsea Blouse, finde ich im Vergleich dann doch etwas raffinierter: die Seitennaht verläuft in einem leichten Bogen, es gibt zwei Ausschnittvarianten, zwei Saumvarianten, und neben normalen kurzen Ärmeln auch einen Tulpenärmel (und btw. hat das Shirt sogar einen Brustabnäher). (Größen XS bis XL, 81-107 cm Brustumfang)

Seitdem Tilly von Tilly and the buttons eine Mitarbeiterin einstellte, erscheinen die Schnittmuster in dichter Folge - neu ist nun das Shirt Agnes, ein eng anliegendes T-Shirt mit langen oder halblangen Ärmeln, kleiner Raffung am Ausschnitt oder im Schulterbereich der Ärmel. Passend dazu vermarktet Tilly nun einen Videokurs zum Nähen mit Jersey. Den Schnitt finde ich ja ehrlich gesagt verzichtbar (und die Version mit den gerüschten Ärmeln gefällt mir persönlich gar nicht), aber wenn dadurch mehr Leute zum Selbernähen ermutigt werden, soll es mir recht sein. Größen bei Tilly: 1-8, d. h. 76-112 cm Brustumfang.

Röcke


Megan Nielsen hatte in diesem Monat gleich eine Menge Neues: gedruckte Schnittmuster im neuen Design, eine App (siehe weiter unten), einen kostenlosen Schnitt (ebenfalls weiter unten) und einen neuen Rockschnitt, den Rock Brumby, ein angekräuselter Rock mit hoher Taille und großen Taschen in drei Längen. Größen XS-XL, 91 - 112 cm Hüftumfang.

Blueprintsforsewing ist ein Ein-Frau-Unternehmen aus der Nähe von Boston, das ich erst jetzt entdeckt habe. Die nerdig-intellektuelle Ästhetik finde ich ja nicht schlecht - das gefällt sicherlich nicht jeder, hebt sich aber sehr von anderen Schnittmusterfirmen ab. So werden die Zeichnungen auf dem Schnittmusterumschlägen z. B. von unterschiedlichen Künstlerinnen gemacht, die im Blog vorgestellt werden. Neu erschienen ist A-Frame, ein Rock mit interessanter Bahnenaufteilung und Taschen, einmal in gerader Form als Bleistiftrock, einmal mit einer breiteren Mittelbahn als A-Linien-Rock. In einem Blogpost werden außerdem Möglichkeiten gezeigt, wie man bei dem Schnitt mit verschiedenen Stoffmustern spielen kann. (Größen A-J, 89-124 cm Hüftumfang.)

 

Andere Schnitte


Für neue Designerinnen im Schnittmustergeschäft bleiben nur noch wenige Nischen, in denen die Konkurrenz nichr so groß ist. Unterwäsche und Bademoden sind eine solche Nische, und daher kann man die Bloggerin Seamstress Erin zu ihrem Badeanzug- und Bikinischnitt nur beglückwünschen. Der Nautilus Swimsuit hat ein wirklich schönes Knotendetail im Oberteil, es gibt außerdem verschiedene Träger- und Höschenvarianten. Das Größensystem scheint sehr ausgeklügelt zu sein: Badeanzug bzw. Bikini gibt es in den Größen 0-24 ausgehend vom Unterbrustumfang, wobei jeweils vier verschiedene Cupgrößen angeboten werden (Unterbrustumfang von 79-129 cm). 

Schnittmuster für Männersachen sind auch so eine Nische, bei der ich mich wundere, dass da nicht mehr angeboten wird - es gibt Thread Theory als Spezialisten, in Zeitschriften findet man ab und an einen Schnitt, und das wars dann auch schon. Aber von Monika Wollixundstoffix und Schnittreif ist diesen Monat Pablo herausgekommen, ein "Seemannsshirt", ein lockeres, langärmeliges T-Shirt mit größerem Ausschnitt, wie es Picasso auf vielen Fotos trug, und das ist ja immerhin schon mal ein Anfang in Sachen Herrenschnitte.

Schnittmusterkollektionen


In Neuseeland, der Heimat von Papercut patterns, ist es Winter, und das sieht man auch den Fotos der neuen Kollektion Chameleon an - und deswegen gibt es neben zwei ärmellosen Kleidern und einer lockeren Tunika auch Schnitte für Rollkragenpullover zum Unterziehen, eine solide lange Hose und eine Jacke bzw. einen leichten Mantel mit Raglanärmeln und Kapuze. Vormerken für den Herbstanfang und die Schnitte dann nochmal angucken! Größen XXS-XL, 82-112 cm Brustumfang.

Cake Patterns kommt zwar aus dem ebenfalls winterlichen Australien, die neue Tidepool Collection bietet aber lauter Teile aus Jersey für den Strandurlaub, also gerade richtig für die Nordhalbkugel: Pipi, Janthina, Scallop und Miter sind ärmellose Tops, einige mit sehr interessant gestalteten Rückenausschnitten, Endeavour ist wahlweise eine lange Hose oder eine Shorts, und der Schnitt Urchin ist bietet eine Kombination aus Webstoffrock und lockeren Jerseyshorts zum Unterziehen - statt Futter. Die Größen reichen von 76 bis 150 cm Brustumfang, wie immer bei Cake können unterschiedliche Größen in einem Teil flexibel miteinander kombiniert werden.    

Schnittmusternachrichten


Colette patterns ist, was Kundenfreundlichkeit und Geschäftssinn betrifft, wie immer allen anderen eine Stecknadellänge voraus und hat einige Anleitungen ihrer Schnitte in andere Sprachen übersetzen lassen. Zu einer Reihe von Modellen kann jetzt beim Kauf eine zusätzliche deutschsprachige Anleitung heruntergeladen werden, und da die wohlbekannte Frau Vau an den deutschen Übersetzungen beteiligt war, gehe ich davon aus, dass sie etwas taugen.

Eine gute Idee hatte auch Megan Nielsen: wie oft steht man im Stoffladen und weiß nicht genau, wieviel Stoff für einen bestimmten Schnitt nötig ist, und wer ist schon so organisiert, immer einen Zettel mit Stoffbedarf und Zutaten dabei zu haben? Für die Megan-Nielsen-Schnitte gibt es jetzt eine kostenlose App, die genau dieses Problem löst: Schnitte und Materialbedarf sind so immer auf einen Blick mit dabei.    

Kostenlose Schnitte 


Megan Nielsen zum Dritten: Den Veronika Skirt, einen Tellerrock mit interessanten aufgesetzten Taschen und verschiedenen Taillenbandverarbeitungen gibts kostenlos zum Herunterladen. (Taillenweite 66-86 cm)

Auch interessant: Links zu vier kostenlosen Blusenschnitten auf der Seite von Love Sewing.

Dienstag, 30. Juni 2015

Spannend wie ein Krimi: "Dior und ich" im Kino


Filme, in denen Mode und Nähen die Hauptrolle spielen, sind selten, daher hätte ich mir "Dior und ich" auf jeden Fall angesehen, der Film ist aber so spannend und interessant, dass ich hier eine Empfehlung loswerden muss.

Die Dokumentation von Frédéric Tcheng begleitet die Entstehung der ersten Haute-Couture-Kollektion von Raf Simons für Dior im Sommer 2012. Simons hatte den Posten unter schwierigen Umständen angetreten: John Galliano war als Chefdesigner im Frühjahr 2011 gefeuert worden, die folgende Kollektionen, von seinen Assistenten fertiggestellt, hatten nur mäßige Begeisterung hervorgerufen. Als Simons im April 2012 Nachfolger Gallianos wird, sind es nur noch wenige - eigentlich zu wenige - Wochen bis zu den Haute-Couture-Schauen in Paris, und Simons, der zuvor bei Jil Sander beschäftigt war, hat zuvor noch nie zuvor in einem Couturehaus gearbeitet.

Die Macht und das Selbstbewusstsein der Ateliers nicht zu unterschätzen, in denen jedes einzelne Modell in Handarbeit hergestellt wird, gehört zu einer der ersten Lernaufgaben Raf Simons. Man begreift, dass der wahre Reichtum des Hauses Dior tatsächlich in seinen Ateliers liegt, wenn man miterlebt, wie diese hochspezialisierten Handwerkerinnen und Handwerker die Skizze eine Kleides Linie für Linie, Falte für Falte, Abnäher für Abnäher durch Drapieren an der Puppe in ein Nesselmodell übersetzen. Sie sind es, durch die aus der Skizze ein Entwurf wird - und auch wenn der Designer später hier und da noch einen Milimeter wegnehme, ändere das nichts daran, dass das in erster Linie ihr Kleid sei, wie eine der Näherinnen erklärt. 


Dass Haute Couture eine Gemeinschaftsleistung ist, Design nicht aus dem Nichts kommt und Inspiration nicht vom Himmel fällt, sind die Aspekte, die mir an dem Film besonders gefallen haben. Simons taucht in die Skizzen und Musterbücher aus dem Archiv des Hauses ein, lässt sich alte Originalmodelle vorführen, besucht die Villa Diors und dessen Garten und entwickelt mit einem Team von Designern Ideen, die durch ständige Auswahl und Verfeinerung zu Konzepten geschärft werden. Zitate aus dem Memoiren Christian Diors, der besonders über seine öffentliche Rolle als Designer nach dem Erfolg des "New Look" reflektierte, und alte Aufnahmen früher Modenschauen bilden eine zweiten roten Faden der Dokumentation. Dazwischen wird es auch einmal komisch - wenn dem eher zurückhaltend veranlagten Raf Simons die Notwendigkeiten moderner Presse- und Öffentlichkeitsarbeit nahegebracht werden - und schließlich daramatisch, wenn nur noch wenige Stunden bis zur Show und dem Auftritt vor der Fotografenmeute bleiben.

Diese Spannung, die der Film auch ohne Überdramatisierung erreicht, seine Dichte und Schnelligkeit, machen die Dokumentation auch für Nicht-Nähende und Nicht-Modeinteressierte sehenswert. Niemand wird langatmig mit Nähdetails gelangweilt, aber auch als Nähnerd hat man nicht das Gefühl, dass dieser Teil der Geschichte zu kurz kommt. Ich würde mir den Film am liebsten gleich noch einmal angucken, bestimmt habe ich viele Details gar nicht wahrnehmen können.

Zur Einstimmung auf den Kinobesuch, den ich sehr empfehle, hier die Bilder der Show, die das Ergebnis aller Anstrengungen war: Christian Dior Autumn/Winter 2012.

Sonntag, 28. Juni 2015

Stoffspielerei im Juni: Knöpfe mit Wolle beziehen


Knöpfe sind das Thema der Stoffspielerei im Juni, vorgeschlagen und gesammelt von frifris.
Ich habe endlich eine Anleitung für bezogene Knöpfe von der Strickdesignerin Kate Davies ausprobiert, die schon sehr lange in meinen ungeordneten Lesezeichen schlummerte und auf die ich zuerst durch manufacta-est aufmerksam geworden bin. Ich bin diesmal wohl nicht die einzige, die sich diese Anleitung herausgesucht hat, zeigt der Blick in meine Blogroll, und gestern Abend bei twitter entdeckte ich bei der Luise die gleiche kleine Pappscheibe, die man für die Herstellung braucht.


Das Beziehen der Knöpfe geht so: Die Wolle wird speichenförmig aufgespannt und die Speichen werden anschließend umwebt - genau wird das im Tutorial von Kate Davies gezeigt. Man webt gegen den Uhrzeigersinn und schlingt den Faden einmal über den Spannfaden, dann unter den nächsten zwei Fäden durch. Ich habe verschiedende Wollreste ausprobiert, die grüne Wolle hier unten ist Sockenwolle, da braucht man ziemlich viel Garn. Es ist aber kein Pronlem, mittendrin neu anzusetzen, Fadenende und -anfang werden dann einfach in den nächsten Runden mit überwebt. 


Wenn die Pappscheibe bis zum Rand vollgewebt ist, wird der Faden durch die Schlaufen auf der Rückseite geschlungen und das gewebte Teil wird von der Pappscheibe genommen. In die Mitte legt man den Knopf, zieht den Rand zusammen und vernäht den Faden kreuz und quer einige Male, das ist alles. Die hübsche, seeigelartige Struktur entsteht ganz von selbst. Der Knopf hat hier 2,5 cm Durchmesser, die Pappscheibe 5 cm Durchmesser.


Da die Knöpfe ziemlich dick sind, sind sie zum richtige Knöpfen durch ein Knopfloch nicht so gut geeignet. Ich kann sie mir aber sehr gut als Zierknöpfe vorstellen, zum Beispiel auf einem Mantel, der mit Druckknöpfen geschlossen wird. Man könnte hässliche Knöpfe so beziehen oder Einzelstücke aus der Knopfsammlung so angleichen. Und man könnte allerlei Dekoratives damit anstellen: Zierknöpfe auf Kissen nähen, oder mehrere Knöpfe zu einem Armband oder einem Collier zusammenfügen.


Ich bin übrigens auch ein Knopf-Aufheberin, die jedes Tütchen mit Ersatzknopf in die Knopfkiste legt und bei alter Kleidung, die nicht mehr getragen werden kann, die Knöpfe abtrennt. Da ich mittlerweile auch zwei Knopfsammlungen übernommen habe, gibt es mehrere Dosen mit Knöpfen hier im Nahtzugabe-Haushalt, in denen ich aber trotzdem oft nicht den richtigen Knopf finde.

Merkwürdigerweise habe ich in letzter Zeit gleich zwei Frauen kennengelernt, die eine leichte Knopf-Phobie haben. Die eine findet vor allem das Marmeladenglas mit Ersatzknöpfen eklig, das ihr Freund in der Küche stehen hat, und schiebt es immer außer Sichtweite, wenn sie dort ist. Das Schlimmste seien aber verlorene Knöpfe, die irgendwo auf dem Boden liegen. Ich hebe solche Knöpfe ja oft auf, wenn sie hübsch sind - das dürfte ich nicht tun, wenn U. dabei ist, denn das würde einen Ekelanfall bei ihr auslösen. Die zweite sucht sich immer Kleidung ohne Knöpfe aus, sie trägt also nur Jacken und Mäntel mit Reißverschluss, keine Blusen, und hat schon öfter Kleidungsstücke nicht gekauft, weil sie Knöpfe hatten. Ich vermute ja, dass die Abneigung gegen Knöpfe gar nicht so selten ist, nur ist das Verhältnis zu Knöpfen ja eher selten ein Gesprächsthema, daher erfährt man nichts darüber. Glücklicherweise kommt man mittlerweile durch die ganzen alternativen Verschlussmöglichkeiten auch ohne Knöpfe ganz gut durchs Leben.

Ob die ganzen Geschichten wahr sind, die sich um die Bedeutung von Knöpfen bei traditioneller Bekleidung ranken, würde ich ja auch gerne wissen. In der Literatur über Trachten liest man häufig, dass die Knöpfe aus massivem Silber waren und die Träger damit ihren Wohlstand zeigten: je mehr Knöpfe an der Jacke, desto reicher der Bauer. Oder Knöpfe in der Literatur: Die Intrige um die Diamantknöpfe der Königin bei den drei Musketieren, der Roman der "Krieg der Knöpfe" von Louis Pergaud, oder der unvergleichliche Jim Knopf von Michael Ende, für den sich Frau Waas das praktische, auf- und zuknöpfbare Loch in der Hose ausgedacht hat: nicht mehr flicken, einfach nur noch knöpfen! 

In Warthausen, zwischen Ulm und Biberach, gibt es übrigens ein Knopfmuseum, vielleicht gibt es dort noch mehr Knopfgeschichten? Für heute sammelt frifris die Knopfspielereien der Teilnehmerinnen.

*Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Im Juli pausieren die Stoffspielereien, im August geht es weiter mit dem Thema "Es war einmal ein Oberhemd" (30. 8., Susanne), im September "Falten" (27. 9., Martina), im Oktober "Spitze" (25. 10., Karen).

Mittwoch, 24. Juni 2015

Wo bleibt der Sommer, oder: Rock 108 aus Fashionstyle 5/2015


Heute bin ich Gastgeberin beim Me made Mittwoch, der allwöchentlichen Verlinkungsaktion für selbstgenähte Kleidung und zeige dort einen - in Erwartung des Sommers - genähten Gummizugrock. An heißen Tagen (die wir allerdings (noch?) nicht haben) finde ich solche bequemen, lockeren Kleidungsstücke, die frau nur überwerfen muss, enorm praktisch.

Fürs Schnittarchiv hier nochmal die Details zu Rock und Bluse:
Die Bluse ist ein Schnitt aus Burda 6/2006, im letzten Herbst genäht und wurde hier schon beschrieben.

Der Rock ist die Nummer 108 aus Fashion Style 5/2015, der deutschen Ausgabe der holländischen Knip Mode. Über die Zeitschrift, die ziemlich neu auf dem Markt ist, hatte ich hier schon kurz geschrieben. Die Ausgabe, die in Holland zu Anfang jedes Monats erscheint, kommt bei uns erst zum Ende des Monats heraus.


Wie man sieht, ist Rock 108 ein ganz einfaches Modell mit einem doppelten Gummizug und Knopfleiste. Der Beschreibung gelingt es aber, dieses simple Teil mit Taschen in der Seitennaht so zu verkomplizieren, dass ich den Schnitt Nähanfängern wirklich nicht empfehlen kann, auch wenn die Schnittbögen schön übersichtlich sind. Bei meiner erstem Fashion-Style-Heftvorstellung schrieb ich ja, dass ich wegen des Lektorats der Anleitungtexte durch Mia Führer (die einige Nähbücher geschrieben hat) mit gut nachvollziehbaren Anleitungen rechne, aber dieses Urteil muss ich revidieren, jetzt wo ich mir ein Modell näher angesehen habe. Das ginge mit wenig Aufwand wirklich viel, viel verständlicher, zum Beispiel wenn man die Schnittteile beim Namen nennen und nicht immer nur von "Teilen" sprechen würde. 


Der Schnitt verlangt ja fast 2 Meter Stoff, ich hatte aber nur 1, 50 m von der flatterigen Viskose und musste daher die Knopfleiste stückeln - siehe Bild oben. Das sieht man aber fast gar nicht, weil ich in den Partien ohne Muster ansetzen konnte. Ich habe die Streifen zusammengenäht, die Naht auseinander gebügelt und dann erst die Einlage aufgebügelt. Der Streifen für den Gummizugtunnel ging beim besten Willen nicht mehr raus, der ist aus einem blau-weiß-gestreiften Baumwollstoff. 


Mehr blieb nicht übrig - das fühlt sich ja immer wie ein Erfolg an.

Was nicht in der Anleitung steht, aber wichtig zu erwähnen wäre: Da die Rockteile glockig geschnitten sind, sollte man sie vor dem Säumen aushängen lassen. Ich habe das nicht gemacht und habe daher schon jetzt einen Zipfel am Rocksaum, wie man sieht. Da das passende Wetter sowieso noch auf sich warten lässt, lasse ich ihn jetzt noch etwas abhängen, und säume dann nochmal neu.

Samstag, 20. Juni 2015

Die Modegalerie im Berliner Kunstgewerbemuseum


Schon lange wollte ich über die Wiederöffnung des Kunstgewerbemuseums und die neue Modeausstellung schreiben, das fiel mir gestern Abend bei einer Unterhaltung wieder ein (und man sieht auch am ersten Foto, dass ich schon vor einer Weile dort war) - also nun:

Das Berliner Kunstgewerbemuseum auf dem Kulturforum am Potsdamer Platz war ja ein paar Jahre wegen Umbau geschlossen und ist seit November letzten Jahres wieder geöffnet. Am Gebäude selbst, einem ziemlich unmöglichen Klotz voller Treppen und verwinkelter Nischen, der es nicht gerade leicht macht, sich zu orientieren, hat sich nicht viel geändert, neu ist die Modeausstellung im Erdgeschoss, die man durch einen dunklen Gang erreicht, der sich überraschend zu einer Folge raumhoher beleuchteter Schaufenster öffnet. Man flaniert dann wie in einer Ladenpassage an den Schaufenstern entlang, in denen die Kleider an weißen Schneiderpuppen präsentiert werden. Taschen, Schuhe, Handschuhe, Fächer und andere Accessoires stehen in kleineren Vitrinen an der Wand und können so ganz aus der Nähe betrachtet werden.


Die Ausstellung in der Modegalerie setzt mit der Mitte des 19. Jahrhunderts ein und und endet mit den 1980er Jahren. In den oberen Etagen des Hauses gibt es innerhalb der Dauerausstellung noch zwei weitere Modefenster, die man ein wenig suchen muss, eines mit der Mode des 18., und eines mit Kleidern und Hüten aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.


Die Präsentation der Kleider zeigt Sinn für die effektvolle Inszenierung, auch wenn die Kleidung ohne Accessoires gezeigt wird. Als Betrachterin steht man fast auf einer Ebene mit den Puppen, man sieht die Kleider also so, wie man die Kleidung seines Gegenübers sieht, und man kann hervorragend Vergleiche anstellen, was die Vorliebe vergangener Epochen für bestimmte Körperformen angeht. Die Kleider in den Vitrinen lassen Rückschlüsse auf die Statur der früheren Trägerinnen zu - wenn halbwissenschaftliche Bücher zur Kostümgeschichte ausdauernd über die schreckliche Folter des Korsetts im 18. und 19. Jahrhundert schwurbeln, dann wird dies sehr relativiert, betrachtet man die winzigen Schuhe und Handschuhe in den Vitrinen: zum großen Teil waren die Frauen einfach sehr viel kleiner als wir, und ein geringerer Taillenumfang als heute üblich erklärt sich einfach aus dieser Größendifferenz.      


Auf diese Weise kann man sich manches erschließen, denn leider werden die Ausstellungsstücke nur durch wenige und recht oberflächliche Texte begleitet. Ein paar längere Tafeln leisten eine grobe Charakterisierung der Epoche, aber weder zum sozialen Kontext, in dem die gezeigten Kleider stehen, noch zu Materialien und Fertigungstechniken erfährt man viel. Etwa auf halber Strecke gibt es in der Modegalerie einen Nebenraum, in dem einige kurze Filme in Dauerschleife gezeigt werden, unter anderem ein Einblick in die Restaurationswerkstätten und ein Film aus dem frühen 20. Jahrhundert, in dem man die Jahrhundertwenderoben in Bewegung an echten Frauen sehen kann.

Als Modebegeisterte erfreue ich mich natürlich an den wunderschönen und bestens erhaltenen Kleidern. Worth, Poiret, Vionnet, Chanel, Dior, Balenciaga - alle wichtigen Modeschöpfer sind mit mindestens einem Exponat vertreten. Vom plissierten Delphos-Kleid von Fortuny bis zum metallbehangenen Shiftkleid von Rabanne ist alles dabei, was Epoche gemacht hat, und gerade da hätte ich mir wesentlich mehr modehistorische Einordnungen gewünscht. Wer sich sowieso schon gut in der Modegeschichte auskennt, wird die Kleider wie gute alte Bekannte begrüßen und um ihre Bedeutung wissen - wer sich nicht auskennt, wird hier vermutlich nicht viel dazulernen. Schade, denn so bleibt die Modegalerie letztlich nur eine Aneinanderreihung schöner Kleider.

Aber immerhin: dass es in Berlin überhaupt wieder eine dauernde Modeausstellung gibt, ist ja schon mal ein großer Fortschritt, und dass der Geldmangel und die dünne Personalausstattung der staatlichen Museen keine großen Sprünge erlaubt, weiß ich auch. Deshalb: schaut euch die Modegalerie an, wenn ihr in Berlin seid. Mein Lieblingskleid in der Austellung war übrigens das weiße Abendkleid mit schwarzem Muster (im Foto oben ganz links). Ein Kleid aus den 1960er Jahren, das Oberteil mit zwei großen, übereinander liegenden Schleifen besetzt.

Montag, 8. Juni 2015

Nicht gemacht für diese Welt


Seitdem ich endlich begriffen habe, dass herkömmliche Blazer nicht besonders gut zu mir und meinem Leben passen, checke ich andere Jackenschnitte auf ihre Alltagstauglichkeit aus. Die Jacke Mona aus Maison Victor, dem neuen Nähheft aus Belgien, stand als erstes auf der Liste, und ich schnitt sie aus einer herrlichen Woll-Viskosemischung zu. Ein wunderbar weicher, tweedähnlich grob gewebter schwarzer Stoff mit Waffelstruktur aus dem Marc-Aurel-Fabrikverkauf in Verl.

Ich bin von dem Stoff begeistert, tolle Haptik, tolle Struktur, er lässt sich sehr gut nähen und bügeln - aber ach, alltagstauglich ist er wohl nicht. Der Stoff ist so locker gewebt, er zieht quasi schon Fäden, wenn man ihn nur einmal scharf anguckt. Oder besser formuliert (pauschal von "Alltagstauglichkeit" zu reden, ist ja Quatsch, schließlich sieht der Alltag bei jeder anders aus): er wäre tauglich für einen Alltag ohne Ecken und Kanten, ohne Parks und Parkbänke, ohne öffentlichen Personennahverkehr, ohne Gürtelschnallen und Armbanduhren, und vor allem für einen Alltag ohne Umhängetaschen. Aber wer hat schon so einen Alltag, der entweder gepolstert oder gut abgeschmirgelt sein muss, um so einem Stoff gerecht zu werden? Ich jedenfalls nicht, und jetzt werde ich der Jacke noch ein Futter spendieren, und mir überlegen, ob ich sie lieber ganz normal in meinem Alltag anziehen werde und dann eben nach drei Wochen wie ein gerupftes Huhn aussehe, oder ob ich versuchen werde, sie zu schonen. 


Den Schnitt Mona finde ich aber schon mal sehr vielversprechend. Die Schultern sind erheblich schmaler als bei Burdaschnitten, der ganze Schulter- und Brustbereich passte bei mir auf Anhieb ziemlich gut, jedenfalls aus dem schmiegsamen empfindlichen Wollstoff. Wenn die Jacke fertig und getragen ist, poste ich auf jeden Fall noch eine Schnittbesprechung.

Zum Trost angesichts der begrenzten Lebensdauer dieser Jacke habe ich gleich eine zweite Version zugeschnitten, aus einem ziemlich verrückt gemusterten festen Baumwollstoff vom Markt. Das Muster erinnert an die Scherenschnitte aus den letzten Lebensjahren Henri Matisses. Was mich daran anzog, war vor allem das satte, strahlende, aber nicht grelle Blau der Ornamente, eine Farbe, die man so nur sehr selten findet. Ich nahm zwei Meter mit, ohne ein konkretes Projekt im Kopf, und dachte mir, durch geschickten Zuschnitt werde sich das wilde Muster bestimmt irgendwie irgendwann bändigen lassen.


Tja, ich bin noch sehr unschlüssig, ob mir das gelungen ist (hätte aber noch reichlich Stoff für weitere Versuche da). Aber schlimmstenfalls habe ich eben zwei Mona-Jacken, die beide auf ihre Weise nicht für meinen Alltag tauglich sind - das muss man ja auch erst einmal schaffen!