Freitag, 28. August 2015

Ernähe die Möglichkeiten

Um Vernunft versus Gefühl, "Kopfnähen" versus "Herznähen", kreisten in den vergangenen Wochen einige Nähblogs: Mamamachtsachen plädierte für Kopf- und Herznähen, Zuzsa schrieb über das Nähblog als Spielwiese, Meike über Veränderungen und La Couseuse dachte unter anderem über Nähnerd-Mode im Vergleich zur Fußgängerzonenmode nach.

Ich finde solche Diskussionen sehr spannend. Man merkt: Beim Nähen gehts den Meisten eben nicht nur um Kleidung in materieller Hinsicht, um Stoff, Garn, Kurzwaren und um Verarbeitungstechniken, die gemeinsam ein Kleidungsstück ergeben. Es geht genauso um die Gefühle, Assoziationen und sozialen Codes, die mit Kleidung verknüpft sind. Um die geht es beim Anziehen ja tagtäglich - auch wenn das Vielen sicher nicht bewusst ist - aber mir scheint, wir Selbermacherinnen haben darauf viel unmittelbarer Zugriff, als die Kleidungskäuferin, die nehmen muss, was in den Geschäften angeboten wird, wir denken zwangsläufig darüber nach, weil ein Kleidungsstück von uns aus Material und Schnitt von Grund auf erdacht werden muss, ehe es Realität werden kann.


Die Welt der Bekleidungsmöglichkeiten, die sich auftut, sobald man einigermaßen die Grundtechniken des Nähens beherrscht, die kann einen schon schwindelig machen. Wenn man  begreift, dass es letztlich nur eine Frage des Aufwands, der Entschlossenheit und der Hingabe ist, sich jeden Kleidungswunsch zu erfüllen, dann setzen Nähnerd-Allmachtsphantasien ein, die ab und an durch ein verkorkstes Teil wieder zurückgestutzt werden. Aber das Dazulernen und dass bei diesem Lernen kein Ende in Sicht ist, dass es immer wieder neue Materialien, Techniken, Nähideen und Verfeinerungen geben wird, die ich noch nicht ausprobiert habe, macht für mich schon seit den ersten Nähten den größten Reiz des Hobbys Nähen aus.

Das Entdecken der Nähblogs, erst der englischsprachigen als Leserin, dann die Vernetzung in der deutschsprachigen Nähblogosphäre, veränderte aber für mich noch einmal die Qualität meines Nähens. Bevor es Blogs gab, wurschtelte ich halt vor mich hin, nähte mal einen Schnitt von Burda, mal einen von Brigitte und war damit nicht unzufrieden. Natürlich war das Nähen in vor-Blog-Zeiten auch schon ein kreativer Prozess, ich nähte nie ein Modell aus einer Zeitschrift 1:1 nach. Aber erst durch die Blogs wurden mir die unglaublichen Möglichkeiten richtig bewusst. Den einfallsreichen Umgang anderer Selbermacherinnen mit Stoffen und Schnitten zu beobachten, gibt für mich den Anstoß, beim Nähen mal etwas anderes als das Gewohnte auszuprobieren, und zwar ganz anders, als das die durchinszenierten Serviervorschläge in Schnittmusterzeitschriften leisten können.

Bei so einer Stilvielfalt und so viel herumschwirrenden Ideen stellt sich eher das Problem, sich in dieser Fülle der Möglichkeiten nicht vollkommen zu verzetteln. 2009 schrieb ich  hier im Blog schon mal über mein Nähnotizbuch, ein Büchlein in Postkartengröße, das ich immer mit mir herumtrage, so dass Stoff- und Schnittideen, schöne Details an Kaufkleidung in Schaufenstern oder auf der Straße, Stoffeinkäufe und Nähpläne sofort notiert werden können. Ich habe noch immer solche Notizbücher, und für mich haben sie sich sehr bewährt.

Besonders interessant finde ich die Entwicklung von Ideen, die sich in den Notizen nachverfolgen lässt: Manche Stoffe waren im Notizbuch schon drei, vier verschiedenen Schnitten zugedacht und sind bis heute nicht verarbeitet worden. Andere Ideen hingegen werden von der ersten Skizze über konkrete Planung und einen gezielten Stoffkauf schnell und konsequent umgesetzt. Für manche Ideen ist die passende Jahreszeit schon vorbei, wenn sie notiert werden, und wenn ich sie im nächsten Winter oder Sommer wieder aufblättere frage ich mich manchmal, was ich mir dabei bloß gedacht haben könnte? Manches hat sich schon nach kurzer Zeit überholt, anderes finde ich auch noch nach Jahren gut.   


Es ist lustig - und zugleich ein bisschen entlarvend - sich selbst in den Notizbüchern bei der Meinungsänderung zugucken zu können. Noch vor ein paar Monaten hätte ich zum Beispiel jeden Gedanken an einen Jumpsuit weit, sehr weit von mir gewiesen. Jetzt machen mich die Jumpsuits von Nina und Sybille ganz wuschig (hier und hier und hier), und der von Nastjusha sowieso(hier), und ich bin gespannt, wo das noch enden wird.

Als Näh-Typ würde ich mich letztlich weder als reine "Kopfnäherin", noch als "Herznäherin" bezeichnen, oder genauer gesagt: Ähnlich wie Mamamachtsachen argumentierte, sehe ich dort keinen Widerspruch. Ich nähe grundsätzlich nur Sachen, die mir gerade Spaß machen - es ist schließlich mein Hobby. Gleichzeitig bin ich vielleicht so phantasielos - oder man könnte auch positiv formulieren: so pragmatisch - dass ich nur Dinge nähen möchte, für die ich eine Verwendung habe. Da ich die meiste Zeit tragen kann, was ich möchte, sind das eine ganze Menge Dinge, und da die meisten Nähideen schon einige Zeit im Notizbuch ablagern konnten, sind sie meistens auch gut durchdacht und passen ganz gut zu mir und in meinen Kleiderschrank. Spontane Nähflashs, die alles Geplante über den Haufen werfen, gestehe ich mir aber trotzdem zu, und auch mein derzeitiges Interesse an Alltagskleidung muss nicht für immer sein: Wer weiß, wenn mir das eines Tages langweilig wird, nähe ich vielleicht als nächstes Kleider des 18. Jahrhunderts mit der Hand. Mal sehen, was in den nächsten Jahren noch kommt, ich lasse mich einfach von mir selbst überraschen.

Montag, 17. August 2015

Nähzubehöraufbewahrung mit Messer und Gabel



Die Überschrift ist natürlich ein großer Blödsinn, ich bin aber gerade ganz glücklich über meine Idee zur Nähmaschinenzubehöraufbewahrung (uff!), dass ich die Idee mit euch teilen möchte.

Meine neue Maschine brachte für das Zubehör nur ein weder besonders schönes, noch besonders praktisches Reißverschlusstäschchen mit, in das man alle Teile ungeordnet hineinwerfen konnte. Weil mich das nervte, benutzte ich stattdessen eine Pappschachtel, aber die erstens schwer aufging, und zweitens etwa 2 mm zu flach für den Knopflochfuß war und mich deshalb genauso nervte. Dann fiel mir heute in meinem eigenen Bücherregal eine Bento-Box in die Hände, und es machte Klick.

Die Box ist vom Tiger-Shop, einem dänischen 1-Euro-Laden in schick, und war vor ein paar Monaten ein dämlicher Spontankauf, weil ich mir zwar manchmal Essen mit zur Arbeit nehme, aber nie Dinge, die in so eine japanische Mini-Essensschachtel reinpassen würden. Außerdem schließt die Bentobox viel schlechter, als alle Plastik-Frischhaltedosen von Ikea bis Tupper, die wir im Regal haben. Was die Tiger-Shop Bentobox aber kann und was die anderen Plastikdosen nicht können: Gut aussehen.

Die zwei Etagen haben jede für sich einen eigenen Innendeckel, in die obere, höhere, passt der Knopflochfuß hinein. Dass man die Dosen geschlossen aufeinander stapeln kann, finde ich sehr praktisch. Unter dem Abschlussdeckel ist Platz für ein Picknickbesteck, da passt also z. B. eine kleine Schere hinein. Ich bin sehr zufrieden und habe schon ein viel weniger schlechtes Gewissen, dass ich unnötigerweise so ein Plastiktrumm gekauft habe, das ich gar nicht brauche.

(Hier gibt's auch bald wieder etwas Substanzielleres - in den letzten Wochen habe ich mein zweites Nähbuch fertiggeschrieben, mir dann die Rippen geprellt und die heißen Abende damit verbracht, mich nach einem Tag in der Wohnung im Freien auszulüften - wegen der Rippen mehr oder weniger bewegungslos. Nähen war nicht, und das Schmerzmittel machte mich so schläfrig, dass Bloggen auch nicht drin war. Aber jetzt geht es langsam wieder aufwärts.)

Sonntag, 2. August 2015

Die Farben von Erde, Himmel, Wind und Regen: Kimonoausstellung im Bröhan-Museum in Charlottenburg


Der Berliner Westen muss hinter der Museumsinsel immer ein bißchen zurückstecken, dabei findet sich am Charlottenburger Schloss mit dem Museum Berggrün, der Sammlung Scharff-Gerstenberg und dem Bröhan-Museum eine ganz erhebliche Ansammlung von Ausstellungsfläche. Aber ehrlich gesagt schaffte ich es selbst erst vor kurzem zum ersten Mal ins Bröhan-Museum, das auf Kunsthandwerk aus Jugendstil und Art Déco spezialisiert ist. Derzeit läuft dort (und noch bis zum 6. September) eine Ausstellung zeitgenössischer japanischer Kimonos und europäischen Kunsthandwerks aus der Zeit um 1900, in dessen Dekoren sich die damalige Japanbegeisterung zeigt, und den textilen Teil wollte ich auf keinen Fall verpassen.  


Die Kimonos stammen von Fukumi Shimura und ihrer Tochter Yoko Shimura, in Japan mehrfach ausgezeichnete Textilkünstlerinnen. Das Seidengarn für die Stoffe der Kimonos wird von Fukumi Shimura selbst mit Pflanzenteilen gefärbt - vom zartesten, klarsten Blassrosa bis hin zu tiefdunklem, intensiv leuchtenden Violett oder Burgunderrot. In der Welt der Shimuras ist mit dem Färben, den  Pflanzen und den Mineralien in der Beize, die am Färbeprozess beteiligt sind, eine ganze Naturphilosophie verbunden, die Mondphasen spielen beim Färben ebenso eine Rolle, wie die Umgebung, in der eine Färbepflanze gewachsen ist. Einen Einblick in dieses Denken und in den Herstellungsprozess der Kimonos bekommt man in einem kurzen Film in der Ausstellung.   


Mich begeisterten vor allem die klaren, leuchtenden Farben und ich musste an Suschnas Fazit der Stoffspielerei im April nach ihren Experimenten mit wilden Farben denken: Naturfarben sind nicht zwangsläufig nur grau-braun-erdig. Selbst Zwiebelschalen (mit denen ich schon mal fleckige rotbraune Ostereier gefärbt hatte) ergeben auf Seide, und von einer Expertin gefärbt, einen tief leuchtenden Honig- bis Kupferton. Die Seidengarne wurden für die Kimonos auf alten Webstühlen zu schmalen Bahnen verwebt, besonders beeindruckend die Stoffe in Ikat-Technik, bei denen Kett- und Schussfäden vor dem Färben so abgebunden werden, dass sie in verwebter Form ein Muster bilden - im Prinzip so ähnlich wie bei selbstmusternden Sockengarnen.  

Spannend ist auch der zweite Teil der Ausstellung, der die Inspiration durch japanische Dekore und Gestaltungsprinzipien in europäischer Kunst und europäischem Kunsthandwerk um 1900 zeigt, allerdings vor allem anhand von Objekten aus Glas, Porzellan, Keramik und Silber. Textilien sind auch in der Dauerausstellung des Bröhan-Museums kaum vertreten - aber das ist eine andere Geschichte: Für Sammler wie Historiker haben Textilien lange Zeit nicht den gleichen Stellenwert wie Gegenstände aus anderen Materialien gehabt, und vielleicht ist das sogar bis heute so.

Die Kimono-Ausstellung läuft bis zum 6. September. Einen Vorgeschmack (und vor allem sehr schöne Fotos!) liefert die Webseite von Fukumi Shimura, die zur Ausstellungseröffnung im Juni sogar in Berlin war und einen Färbe-Workshop an der UdK gab, wo unter anderem mit Berliner Linden gefärbt wurde - Fotos des Workshops hier.

Mittwoch, 22. Juli 2015

Das Kleid, das aus dem Hausflur kam (Nr, 9, Fashion Style 5/2015)


Nachdem ich zuletzt ziemlich viel und ziemlich theoretisch über Viskose geschrieben hatte (übrigens lohnt es sich sehr, auch die Kommentare zu lesen - es gibt noch jede Menge Profitipps zum Umgang mit Viskose), habe ich in letzter Zeit natürlich auch praktisch mit Viskose genäht. Allerdings ein bißchen geschummelt, denn meine Viskose ist von der festeren, griffigeren Sorte, ein nicht ganz dünner, aber trotzdem weichfallender Stoff mit einer leicht pfirsichartigen Oberfläche.

Der Stoff ist mir zugelaufen, er lag eines Abends im Hausflur zwischen allerlei Küchengerät und einer rosa Schultüte - im Haus war jemand ausgezogen und hatte die Überreste auf dem "zu-verschenken"-Platz unter den Briefkästen abgeladen. Ich konnte mein Glück kaum fassen: Dunkelrot mit schwarz, stilisierte Blumen, den Stoff hätte ich auch gekauft. Die zwei-Meter-Bahn war an den Enden abgekettelt und hatte entlang der Mitte ein paar Löcher von Tackerklammern, davon abgesehen war der Stoff völlig in Ordnung, nur sehr staubig. Ich nehme an, der Stoff stammt noch aus den Neunzigern, das Muster erinnert mich sehr daran, und Viskose gab es damals ja auch viel.


Ich habe das Kleid Nummer 9 aus Fashion Style 5/2015 daraus genäht, allerdings mit großen Zweifeln, ob mir die Schnittform stehen würde: Oberteil und Rockteil werden angekräuselt, so dass sie an das Taillenband passen, das Oberteil fällt dadurch blusig und ich befürchte immer, dass so ein relativ unstrukturiertes Oberteil große Oberweiten noch größer macht. Aber ich bin ziemlich begeistert von der Schnittform (norddeutscher Ausdruck für: ich finde es supertoll). Und ich habe daran gedacht, Seitennahttaschen in den Rock einzuarbeiten.

Die Bilder sind von Sonntag, als es den halben Tag in Strömen regnete, daher die Strumpfhose - mit Strickjacke darüber ist das durchaus auch ein Schnitt für ein Herbstkleid.


Das Vorderteil ist am Ausschnitt in Falten gelegt und mit einem breiten Beleg verstürzt, der an den Seiten in die Armlöcher hineinläuft und dadurch im Schulterbereich großflächig fixiert wird - eine gute Konstruktion, denn der Beleg kippt daher vorne nicht nach außen, wie das bei solchen Faltenkonstruktionen sonst oft der Fall ist.


Der Rückenausschnitt ist natürlich der Clou - bei mir ist er im Verhältnis zum Kleid etwas kleiner, als er eigentlich gehört, weil ich nach dem übervorsichtigen Zuschneiden von Größe 40 das gesamte Kleid dann doch wieder auf ca. Größe 38 verkleinerte. Am Reißverschluss in der Mitte musste ich eine Menge wegnehmen, dadurch rücken die Spitzen der Passe oben näher zusammen. Für 40 entschied ich mich, weil mir das Taillenband in 38 nicht gepasst hätte (aufpassen: das ist nur 5mm weiter als das Taillenmaß vorgesehen), und ich dachte, dass ich die Weite obenrum bestimmt auch brauchen könnte. Beim nächsten Mal würde ich 38 zuschneiden und das Taillenband nach Körpermaß mit 2 bis 3 cm Bewegungszugabe, denn bei den Kräuseln kommt es nicht auf den Zentimeter an. Anders als bei Burda musste ich das Oberteil auch nicht verlängern - daran merkt man, dass Knip für 1,72 m Körpergröße konstruiert.

Schnitt: Nr. 9, Fashion Style (=Knipmode) 5/2015
Material: 2 m Viskose
Änderungen: Taillenband Größe 40, Oberteil Größe 40 am Reißverschluss und an den Seitennähten wieder auf ca. 38 verkleinert. Seitennahttaschen eingebaut.

Viele weitere selbstgemachte Kleider heute wie jeden Mittwoch im Me made Mittwoch-Blog!

Freitag, 17. Juli 2015

Das Biest des Jahres: Tipps und Tricks zum Nähen mit Viskose


Das Näh-Universum hat mal wieder ein neues Lieblingsmaterial: Viskose (oder Viscose?). Wie zuletzt 2012 mit dem Romanitjersey wollen gerade alle Viskose, kaufen alle Viskose, nähen gerade alle Viskose – und fluchen alle über Viskose, das zarte, flutschige, fließende, empfindliche, kurz: kapriziöse Biest. Ich weiß, das will jetzt niemand hören (Stichwort: #unsympathische Angeberei), aber meine erste starke Kleidungsnähphase fiel ja in die Neunziger Jahre, mithin in eine Viskose-Hochphase, daher finde ich die Verarbeitung von Viskose gar nicht so schrecklich. Ein paar Tipps zum Verarbeiten aus der Erfahrung von damals, und ein paar Tipps, die ich seither aufgeschnappt habe, habe ich hier zusammengestellt, und wenn ihr auch noch Tricks zum Bezwingen von Viskose habt, immer her damit. 

Viskose, was ist das überhaupt?


Viskose ist eine Chemiefaser, die aber aus einem pflanzlichen Ausgangsmaterial gewonnen wird, aus Holz von schnell wachsenden Bäumen (z. B. Fichten, Eukalyptus) und neuerdings auch aus Bambus. Die Faser besteht also aus Cellulose, genau wie Baumwolle und Leinen, und obwohl Viskose in der Fabrik mit Hilfe von allerlei Chemikalien erzeugt wird, soll die Herstellung weniger Energie und Wasser verbrauchen als der Anbau und die Verarbeitung von Baumwolle – allerdings nur, wenn die Abwässer aus der Produktion gereinigt und die Chemikalien wiederverwertet werden.

Viskose gibt es seit den 1910er Jahren und wurde zuerst als „Kunstseide“ vermarktet, und das beschreibt auch, weshalb Viskose jetzt wieder so begehrt ist: Sie ist unvergleichlich weich, fließend. leicht glänzend, hat einen schönen, schweren Fall, dabei aber die angenehmen Trageeigenschaften von Baumwolle. Viskose lädt sich nicht statisch auf, ist luftdurchlässig und saugfähig, allerdings auch ziemlich knitteranfällig und nicht sehr formstabil – und genau da liegt auch das Problem. Aber dazu kommen wir gleich noch. 

Eng verwandt mit Viskose, also ebenfalls aus Zellulose bestehend, aber in etwas anderen Verfahren gewonnen, sind Acetat – daraus bestehen oft hochwertige Futterstoffe – und Lyocell oder Tencel (ersteres ist die allgemeine Bezeichnung, zweiteres der Markenname), das ist eine Viskose mit besonders langen Fasern, die daher stabiler sein soll. Cupro war als „neues Material“ in den 90ern kurze Zeit ein kleiner Hype, es ist besonders glänzend und seidenähnlich, seither ist es mir aber nicht mehr begegnet. In den 90ern gab es außerdem nicht nur die glatte, seidige Viskose, wie es sie jetzt überall liegt, sondern auch sehr viel Viskosekrepp, außerdem so eine Art Borkenkrepp oder gecrincelte Stoffe, also Stoffe mit einer dauerhaften, ganz feinen Faltenstruktur. Leider habe ich gerade davon keine alten Stoffproben mehr. Aber vielleicht dauert es einfach noch, bis diese Viskosequalität wieder in die Läden kommt. 

Links die beste Viskose, die ich jemals verarbeitet habe, seidig, weich, leichter Glanz, herrlich satte Farben, ganz feiner, detailreicher Druck, wenig fransend und relativ wenig knitternd, ca. 1995. Mitte: dünnerer Stoff, knittert stärker, Farben sind nicht so satt, aber trotzdem schön (es sind riesige verteilte Tulpen), ca. 1996. Rechts neue Viskose vom Markt, mitteldick, schön weich und relativ knitterarm.

Verarbeitungstipps für Viskose


Vorwaschen


Viskose unbedingt vor dem Nähen waschen, am besten bei 40° im Schonwaschgang, nur leicht schleudern und relativ nass aufhängen, als Kleidungsstück nur noch mit 30° waschen und nicht in den Wäschetrockner geben. Ich kenne keinen Stoff, der in der Länge so sehr einläuft wie Viskose, unbehandelten Baumwollnessel mal ausgenommen. Der blaugrundige Stoff mit den Blumen vom Markt im Bild oben ganz rechts lief z. B. von 1, 60 m auf 1,50 m ein – das finde ich schon ganz erheblich.

Das Vorwaschen setzte Ende der 90er auch den Schlusspunkt unter meine Viskoseleidenschaft: Nachdem ein wunderschöner, dunkelroter Krepp mit hellroten, zarten Blütenzweigen mit ein wenig Ocker und dunkelviolett (im Bild unten rechts) zusammengeschnurrt und lappig wie eine alte Windel aus der Wäsche gekommen war, beschloss ich spontan, nie wieder Viskosestoffe zu kaufen. Da Viskose-Webstoffe in den folgenden Jahren aus den Stoffläden verschwanden, wurde ich – bis jetzt – auch nicht in Versuchung geführt. Jetzt habe ich doch wieder Viskose gekauft, aber die Muster sind halt zu schön...

Links Viskose, die ich letztes Jahr im Hausflur fand, ich nehme an, sie stammt noch aus den 90ern. Ziemlich dicker Stoff, knittert wenig, pfirsichartige Oberfläche. Rechts Viskosekrepp mit wirklich tollem Muster, leider sehr lappig, locker gewebt, kein schöner Fall, stark fransend und stark knitternd - die letzte Viskose, die ich ca. 2001 kaufte.


Zuschneiden


Bei Zuschneiden zeigt sich Viskose von ihrer biestigsten Seite: sie lässt sich ungern festlegen und wendet sich opportunistisch mal in die eine, mal in die andere Richtung - genauso wie manche Menschen also. Die Schnittteile festzustecken hat oft keinen Zweck, weil sich der Stoff an allen anderen Stellen dann doch verschiebt. Die wichtigsten Tipps beim Zuschneiden sind daher:

1. Sich Zeit nehmen und den Stoff sorgfältig ausrichten, dabei darauf achten, dass sich Kett- und Schussfäden im rechten Winkel kreuzen und nicht die ganze Bahn in eine Richtung verzogen ist. 

2. Wenn Musteranschlüsse wichtig sind, den Stoff einlagig zuschneiden. 

3. Schnittteile mit Gewichten auf dem Stoff fixieren und vorsichtig um die Schnittteile herum schneiden, dabei den Stoff möglichst wenig anheben. Zuschneiden mit dem Rollschneider ist eine gute Idee, wenn man riesige Schneidematten hat, so dass der Stoff zwischendurch nicht bewegt werden muss. 

4. Schwere, das heißt im Fall von Viskose: flutschige Fälle, bezwingt man, indem man auf dem Zuschneidetisch eine Lage Baumwolle (Nessel, Bettlaken) auslegt und den Stoff darauf auslegt – dann rutscht er beim Schneiden weniger weg als auf der Tischplatte bzw. auf dem Boden.

5. Gut funktioniert auch ein Teppich oder Teppichboden als Unterlage. In den 90ern schnitt ich meine Nähprojekte immer in einem Zimmer mit einem großen Orientteppich zu, der den gleichen Effekt hatte wie ein Laken. Wahrscheinlich überstand ich die 90er nur aus diesem Grund ohne Viskose-Zuschneidetrauma.

5. Ganz flutschige Fälle lassen sich durch ein Bad in Stärke oder Gelatine bändigen. Beides habe ich so noch nicht selber ausprobiert.Wie sie das mit der Gelatine macht, hat Claudia Bunte Kleider hier beschrieben. Mit Wäschestärke für Gardinen oder Kleidung sollte das Versteifen des Stoffes ebenso funktionieren: Stärke auflösen, Stoff eintauchen, aufhängen, trocknen lassen. Für Kleinteile wie Belege oder Säume an Viskosejerseyshirts habe ich schon mal Sprühstärke verwendet, das geht sehr gut, wenn man bei kleinen Flächen etwas Festigkeit braucht. 

Den Hinweis auf den Stärkepackungen "nicht für Viskose und Acetat" kann man übrigens getrost ignorieren, die Stärke schadet der Viskose nicht, verursacht aber möglicherweise (herauswaschbare) Flecken oder einen weißen Schleier. Das ist nur ein Hinweis für den Normalverwender von Wäschestärke, der ein Kleidungsstück stärken, bügeln und anziehen möchte.    


Links dunkelgrüne Leoviskose, sehr transparent, glatt, fast schon Chiffon, franst stark, ca. 2001. Rechts mit großformatigem Dschungeldruck (u. a. Ananas!), transparent, leicht kreppig, ziemlich hart im Griff, knittert sehr stark und franst noch mehr, ca. 1998.

Nähen


Wenn der Zuschnitt geschafft ist, und man sich die zugeschnittenen Teile betrachtet, kann es trotzdem passieren, dass gerade Linien doch nicht ganz gerade sind, und man verabschiedet sich am besten gleich von dem Gedanken, dass sich Viskose so präzise wie feste Baumwolle nähen ließe.

Trotzdem ist es gut, weiteren Schäden vorzubeugen, und da sich Viskose eben leicht verzieht - und in schräg geschnittenen Partien noch leichter - ist es am besten, die Schnitteile möglichst wenig zu bewegen, an Ausschnitten und anderen gefährdeten Stellen Vlieseline Formband aufzubügeln (wobei man beim Bügeln alles noch mehr verziehen kann, weiß ich aus Erfahrung...) oder entlang der Nahtlinie, knapp auf der Nahtzugabe Stütznähte zu nähen (vergesse ich immer, bis es zu spät ist). Neulich beim Ärmel-Einnähen hatten sich die Ärmel schon so verzogen, dass ich auch im Vergleich mit dem Schnittteil nicht mehr feststellen konnte, wo vorne und hinten war (der Ärmel war fast symmetrisch, aber eben nur fast). Letztlich war das so gut wie egal, weil es sich um einen Puffärmel handelte, aber virtuoses Nähen geht anders. (Und was inzwischen mit dem Armloch passiert war, wollte ich lieber nicht wissen.)

Was bei Viskose außerdem kolossal nerven kann: Die Teile lassen sich nicht vernünftig zusammenstecken, Stecknadeln fallen von selbst wieder heraus, und überall wo nicht gesteckt ist, verschieben sich die Stofflagen gegeneinander. Deswegen stand ich schon öfter vor dem Kurzwarenregal und überlegte, ob sich so ein Klebestift für Stoff lohnt oder ob nicht sogar ein normaler auswaschbarer Klebestift aus dem Bürobedarf seinen Zweck erfüllen würde. Kleben statt Heften - hat das schon mal jemand ausprobiert?

Ansonsten gilt, was für feine Stoffe immer gilt: Mit einer neuen, feinen Nadel (70er oder sogar 60er) nähen, eher mit kleinen Stichen als mit großen, und wenn sich die Nähte kräuseln, könnte geringere Fadenspannung und/oder geringerer Nähfußdruck helfen. Und gegen das Verschieben vielleicht ein Obertransportfuß, sofern vorhanden?

Das Versäubern ist bei Viskosestoffen oft auch kein Spaß, vor allem ohne Overlock. Für eine Versäuberung mit Zickzack ist der Stoff zu fein, der Rand zieht sich zu kleinen Wülsten zusammen. Bei französischen Nähten und locker gewebter Viskose franst der Stoff gerne heraus: entweder auf der rechte Seite, wenn man zu wenig weggeschnitten hat, oder auf der linken Seite, wenn man zu viel Nahtzugabe weggeschnitten hat. Wie macht ihr das? Gibt es einen Versäuberungsmethode, die bei Viskose immer funktioniert? Lasst uns in den Kommentaren zusammentragen, wie man am besten mit diesem Material zurechtkommt.

Mittwoch, 15. Juli 2015

Culotte mit Hundecontent


Den Hosenrock - neudeutsch Culotte - nach Burda 3/2015 hatte ich Ende April schon hier vorgestellt, noch mit einer gewissen Skepsis, was Eleganz und Kombinationsmöglichkeiten betrifft. Mittlerweile wurde das Teil ausgiebig im Alltag getestet, und ich stelle fest: Volltreffer. Besonders an windigeren, wechselhaften Tagen mit stark schwankenden Temperaturen und ab und zu Regen, wie wir sie zuletzt dauernd hatten, spielt die Culotte ihre Vorteile aus. Sie ist einerseits wärmer als ein Rock, aber trotzdem luftig genug, wenn es doch mal wärmer wird. Sie macht mit flachen Schuhen nicht unbedingt den schlanksten Fuß, passt aber im Prinzip zu jedem Schuh, den ich im Schrank habe. Sie ist sehr bequem, aber anders als bei den mittelweiten schwarzen Hosen, die ich Anfang der 2000er Jahre häufig trug, gibt sie mir nicht gleich das Gefühl, vollkommen langweilig angezogen zu sein. Ich überlege, ob ich den Schnitt aus Burda 4/2015 ausprobiere und noch eine in einer anderen Farbe oder vielleicht sogar eine gemusterte nähe.



Am Sonntag trug ich die Culotte auch, bei einem Ausflug zum Jagdschloss Grunewald mit dem Liebsten, als wir... huch, was will der denn von mir?!? ... also wo wir Fotos machten und Kaffee tranken und ständig von kontaktfreudigen Hunden unterbrochen wurden. Der Weg zum Jagdschloss und der Grunewaldsee sind nämlich eines der wenige Hundeauslaufgebiete im Grundewald, und, nun ja, Menschen sind dort eindeutig in der Minderzahl, was einem selbst als Hundeliebhaberin nach einiger Zeit etwas auf die Nerven gehen kann. 

Zum Hosenrock trug ich das (unvermeidliche) Lieblings-Ringelshirt und eine gekaufte und erst letztes Jahr gekürzte ungefütterte Leinenjacke von etwa 2001 aus wunderbarem, rot-schwarz gewebtem Stoff. Ich wäre froh, wenn ich so ein Material mal als Meterware finden könnte.

Was trugen und tragen die Selbermacherinnen in der letzten Zeit? Der Me made Mittwoch zeigt es.