Montag, 24. Juli 2017

Lempi II oder die Tücken die Routine


Vor einigen Wochen hatte ich vollmundig eine ganze Garderobe aus lauter Lempi-Kleidern (nach dem Schnitt von namedclothing) angekündigt, und ehrlich gesagt finde ich die Idee immer noch bestechend: Neben dem ersten, dem grauen Lempi noch ein blaues, ein rotes, ein grünes und ein schwarzes Lempi, ein Lempi aus Jeans, eins aus feinem Cord, für den Herbst eins als Tweed und für jetzt eins mit Blumenmuster, außerdem natürlich ein Abend-Lempi aus Brokat. Klingt doch total plausibel, oder? Lempi in jeder Lebenslage, außer vielleicht zum Schlafen und zum Schwimmen!


Aber im Ernst: Was dieser Lempisierung meiner Garderobe entgegensteht, bin ich selbst. Einen Schnitt zum zweiten Mal zu nähen ist nie so schön und wird nie so gut wie beim ersten Mal, scheint mir. Mein neues Lempi-Kleid aus dünnem, dunkelblauen Denim mit ein wenig Elasthan hatte ich flott und wohlgemut gleich nach Lempi I zugeschnitten und die ersten großen Nähte geschlossen. Als Kappnähte, abgesteppt mit beigem Jeansgarn. Und dann passierte folgendes:



Die Schere war so scharf, dass ich gar nicht merkte, wie ich durch zwei Stofflagen schnitt. Und natürlich reichte der Stoffrest nicht mehr für einen neuen Ärmel. Typisch! Sowas passiert mir nur bei Schnitten, die ich schon einmal genäht habe.

Nach etwas Herumschmollen und Verzweifeln setzte ich schließlich einfach einen Streifen Jeansstoff an, den ich innen versäuberte und von außen durchsteppte. Nicht unsichtbar, aber da es sich um die Ärmelnaht handelt, befindet sich die Stelle unter der Arm, das sieht man wirklich kaum. Am fertigen Kleid sieht das jetzt so aus:

Damit kann ich leben. Die Steppnaht mit Jeansgarn lenkt ganz gut von der parallel verlaufenden Naht ab.


Am restlichen Kleid habe ich mit Absteppungen ansonsten nicht übertrieben: Den Kragen, die aufgesetzten Taschen und Taschenklappen, die Schulternaht, die Gürtelschlaufen und die Säume habe ich abgesteppt, die Knopfleiste nicht. An dieser sehr sichtbaren Stelle auffällige Nähte zu setzen, war mir nach den vorangehenden Erlebnissen zu heikel, das hätte vermutlich nicht auf Anhieb geklappt, und der Stoff ist erstaunlich empfindlich, was das Trennen angeht.


Die Knöpfe sind silberfarben mit etwas Patina, auf eine Gürtelschnalle habe ich diesmal verzichtet -- es gab zwar eine farblich passende, sie erschien mir aber zu schwer für ein Kleid, und als Kleid habe ich Lempi bisher getragen. Der Schnitt ist ideal für das merkwürdige, wechselhafte Wetter zur Zeit, das oft innerhalb eines Tages von heiß und schwül auf windig und verregnet wechselt. Ich habe aber vor, das Jeans-Lempi auch mal als leichten Mantel einzusetzen, wie es Mema mit ihrem Jeanskleid Iam Hermes macht - die Idee ist gerade für die Reisegarderobe sehr praktisch, und es sieht wirklich gut aus.


Wie beim grauen Lempi-Kleid habe ich am Schnitt nichts geändert, und da der Denim einen kleinen Anteil Elasthan hat, trägt es sich sogar noch bequemer als das erste. Meine Liebe zu diesem Schnitt ist auch noch nicht erloschen: ich habe ein großformatiges schwarz-weißes Vichykaro aus leichter Baumwolle da, Karolänge etwa 4 cm, das ich mir auch als Lempi vorstellen kann. Oder wird das zu heftig gemustert? Ich werde noch eine Weile darüber nachdenken und in der Zwischenzeit etwas anderes nähen, sonst versemmele ich das Kleid bestimmt.

Zusammenfassung:
Schnittmuster: Lempi von namedclothing
Genähte Größe: 40, keine Änderungen
Stoff: Leichter dunkelblauer Denim aus Baumwolle mit Elasthananteil. Jeansabsteppgarn in beige für einige Nähte

Montag, 10. Juli 2017

Filmtipp: "Dries" von Reiner Holzemer

 
Wenn es einen Designer gibt, dessen neuen Kollektionen ich geradezu entgegenfiebere, dann ist es Dries van Noten. Der Antwerpener Modeschöpfer macht einiges anders als seine Kollegen: Seine Firma ist nach wie vor in seinem Besitz und nicht Teil eines Luxuskonzerns, und er vergibt seinen Namen nicht für Lizenzprodukte wie Parfums, Kosmetika und Handtaschen, mit denen andere Modehäuser einen Großteil ihres Umsatzes generieren. Bekannt ist das Label Dries van Noten für edle Stoffe, oft außergewöhnlich gemustert, oft folkloristisch angehaucht, mit üppigen Stickereien. Fotos von den Schauen oder aus Onlineshops geben die Qualität des Materials nur unzureichend wieder, hier in den Galeries Lafayette habe ich schon das eine oder andere (für mich unerschwingliche) Stück gesehen, und ich kann euch versichern: In Wirklichkeit sind die Stoffe noch toller.

Die Stoffe sind auch der Ausgangspunkt für die Kollektionen von Dries van Noten, das erfährt man in dem Dokumentarfilm "Dries", der letzte Woche in die Kinos kam und der den Designer über ein  Jahr begleitete. In einer schönen Szene zu Anfang des Films werden neue Stoffe gesichtet - das ganze Team steht um einen großen Tisch herum, auf den Stoffe über Stoffe gehäuft werden, man würde gerne selbst mit dort stehen, und die Materialien durch die Hände gleiten lassen.

Das Entstehen der Kollektion ist dann vor allem ein unendlich verfeinerter Auswahlprozess: Stoffproben werden an Models drapiert, um die Wirkung abzuschätzen, die Ergebnisse fotografiert, ausgedruckt und die Bilder in langen Reihen auf dem Atelierfußboden ausgelegt. Aus dieser Fülle wird wieder ausgewählt, genauso wird mit den gezeichneten Modellen verfahren, mit Schuhen und Stickereien. Man könnte die Arbeitsweise von Dries van Noten als Experimentieren, als kontrolliertes Ausprobieren bezeichnen: Was passiert, wenn Stoff x mit Stoff y kombiniert wird? Was passiert, wenn Stoff z dazukommt?

Leider erfährt man in dem Film relativ wenig darüber, wie die so entwickelten Ideen dann in Kleidungsstücke umgesetzt werden, es gibt nur eine sehr kurze Szene aus einer Nähwerkstatt, und woher die Modellzeichnungen kommen, wurde mir auch nicht klar (Dries van Noten zeichnet nicht selber, scheint mir). Das ist schade, denn der Designer betont selbst immer wieder, wie wichtig das Schneiderhandwerk für seine Arbeit ist, wie wichtig die Qualität der Stoffe - darüber hätte ich gerne mehr erfahren. Aber der Dokumentarfilmer Reiner Holzemer ist, vermute ich, nicht besonders modeaffin und interessiert sich daher nicht besonders für den Materialaspekt. Das ist für Nähnerds etwas unbefriedigend, aber vermutlich möchten auch die meisten nicht-nähenden Zuschauerinnen lieber erfahren, wie der Designer lebt (in einem kleinen Schloss), als einen Einblick in die Produktionsabläufe in seiner Firma zu erhalten.

Als Porträt der Person fand ich den Film dennoch sehr gelungen, er verzichtet auf einen erklärenden Off-Kommentar, so dass es der Zuschauerin überlassen bleibt, aus dem Gezeigten Schlüsse zu ziehen. Dries van Noten kommt selbst ausführlich zu Wort, in geringerem Maß auch einige Modeexpertinnen, und diese Stimmen erzeugen zusammen mit den Szenen und Bildern ein komplexes, facettenreiches Bild der Person Dries van Noten, durchaus auch mit Widersprüchen.

Wenn der Film bei euch in der Gegend im Kino läuft, schaut ihn euch an! Es lohnt sich allein schon wegen der Modenschauen, die im Film vorkommen - auf der großen Leinwand erkennt man die Details der Kleider viel besser als auf Fotos im Internet. Besonders interessant fand ich das Wiedersehen mit der ersten Damenkollektion von 1995, von der ich nur ein paar schlechte Zeitschriftenfotos kannte - die Kleider sind überhaupt nicht gealtert, und ich habe erst jetzt verstanden, warum diese Kollektion damals so ein großer Erfolg war.

Ein Trailer zum Film findet sich hier und hier bei Vogue online gibt es ein Interview mit dem Regisseur.

Mittwoch, 28. Juni 2017

Jeden Tag Party: Ansa von namedpatterns


Ich weiß, ich weiß, beim letzten MeMadeMittwoch hatte ich angekündigt, mir eine ganze Garderobe nur aus Lempi-Kleidern für alle Gelegenheiten nähen zu wollen. Lempi Nummer zwei aus dunklem Denim ist auch in Arbeit, aber ich musste den Schnitt Ansa, ebenfalls von named clothing dazwischenschieben. Man braucht ja auch was für die sehr heißen Tage und für Partys.


Für Partys? Ja, named bezeichnet Ansa als "Partykleid", und das stürzte mich in eine kleine Sinnkrise. Für mich hat Ansa nämlich alles, was ein gutes, praktisches Alltags-Sommerkleid ausmacht: Der Ausschnitt ist moderat, es hat Ärmel und bedeckt ziemlich viel Haut, der Rock ist mäßig weit - konnte es etwa sein, dass ich in Sachen Party nicht mehr auf dem aktuellen Stand bin?



Als ich dann die schöne Version der Nähfreundin gesehen hatte, war ich aber sehr optimistisch, dass der Schnitt zu mir passen könnte. Ansa ist ein Raglanschnitt, bei dem die Ärmel weit und glockig fallen.


Das Ärmelschnittteil ist so weit ausgestellt, dass es gerade so auf die halbe Stoffbreite passt. Schwer fallende, nicht zu zarte Viskose ist perfekt dafür.


Bei so einem Stoff ist es dann etwas kniffelig, eine Paspel in die Teilungsnaht im Vorderteil einzunähen. In der Naht ist übrigens ein Brustabnäher versteckt, man sollte sie daher nicht einfach weglassen.


Ich habe ein schwarzes Baumwollschrägband als Paspel eingenäht, ohne Schnurfüllung, das wäre mir sonst zu mächtig geworden (wobei named gerade ein Ansa mit breiter Paspel zeigte, das richtig gut aussieht). Die Nahtzugabe der Paspel hatte eine Tendenz, sich nach oben zu klappen, also habe ich sie dort festgesteppt. Ansonsten habe ich fast nichts geändert: Größe 40 genäht, damit das Oberteil auch wirklich locker sitzt und das untere Oberteil an der Teilungsnaht um einen Tick verlängert. Die Falten, die im Vorderteil die Abnäher ersetzen, lagen genau an der richtigen Stelle, das Kleid sitzt insgesamt locker und nicht einengend, genau wie ich es wollte.



Es ist also so, dass nicht ich mein Verständnis von "Party" ändern muss, sondern alle anderen (insbesondere named patterns) müssen anscheinend mal ihr Verständnis von Alltag überprüfen. Das Kleid ist perfekt für den Alltag und trägt sich unglaublich angenehm, weil es so leicht und locker und nicht einengend ist. Aus gewaschener Seide (am besten dunkelgrün) wäre es ein Traum - und dann hätte der Schnitt wirklich etwas von einem Partykleid. Ich mache mich derweil nach weiterer geeigneter Viskose auf die Suche und gebe zurück zum MeMadeMittwoch heute.  

tl, dr:
Schnitt: Ansa, named patterns
Genähte Größe: 40, unteres Oberteil an der Teilungsnaht knapp 1 cm verlängert
Stoff: schwere Viskose, Paspel: schmales schwarzes Baumwollschrägband, flach eingenäht
Verstärkung mit Bügelvlies entlang des Reißverschlusses und beim "v" im Vorderteil. Halsaussschnitt mit Schrägband aus Futtertaft verstürzt.

Sonntag, 25. Juni 2017

Typographiespielerei Schwarz und Weiß - Stoffspielerei im Juni


 Eigentlich müsste es bei mir "schwarz auf weiß" heißen, denn als ich letztes Jahr bei der Recherche nach alten Grafiken einen Katalog für Druckstöcke und Schriften entdeckte, fand ich den Inhalt so interessant und dekorativ, dass ich unbedingt etwas machen wollte. Der Katalog "Specimens of type, borders & ornaments, brass rules & cuts" ist von 1897 und kann hier bei archive.org virtuell durchgeblättert werden.

Es lohnt sich wirklich, sich ein paar Seiten anzuschauen, am besten mittendrin: Das Buch fängt sehr langweilig an, mit Preislisten, Schlagwortverzeichnissen, anschließend Linien, Rahmen und Gebrauchsschriften, aber dann kommen die dekorativen Schriften und es wird interessant. Damit man abschätzen kann, wie die Schriften wirken, sind als Beispiele Wörter und Sätze abgedruckt - oft so unsinnig und merkwürdig, dass ich mich frage: Ist das alles Zufall, oder hat sich der Setzer des Schriftkatalogs einen Spaß daraus gemacht, eine verborgene Geschichte in den Katalog hineinzuschmuggeln und ergibt das alles einen Sinn, wenn man die absurden Wortgruppen in der richtigen Reihenfolge liest? "Demolished Christmas Decorations" - "Refused Tickets" - "Graceful Buildíngs" - "Horned, wrecked, Hendersons" - "Brides desire utmost faith" - "Band played march kindhearted golden moments" - das ist doch eine Geschichte, oder?



Aber von diesen faszinierenden Minidramen abgesehen, enthält der Katalog viele schöne Ornamente, dekorative Rahmen und Signets, eben alles, was eine amerikanische Druckerei um 1897  beim Drucken von Zeitungen, Büchern, Handzetteln, Anzeigen, Plakaten, Einladungskarten gebrauchen konnte. Die Ornamente kann man auch für Grafikbasteleien am Rechner gebrauchen, ich wollte versuchen, sie auf Stoff umzusetzen.

Mein ursprünglicher Plan, auch noch ein schwarz-weiß gestreiftes Hemd wiederzuverwerten, das ich dann besticke, ist nichts geworden, weil mir jetzt am Donnerstag die allerletzte Prüfung meines Lebens dazwischengekommen ist, von dem Termin wusste ich noch nichts, als wir die Stoffspielerei-Termine verteilten. Aber ich habe schon mal einen Schriftzug gestickt, und das ging besser als erwartet.


Der Großteil der Bilder aus dem Buch sind hier bei flickr commons als Scan verfügbar. Ich habe den Schriftzug "New Ideas" in einer mittleren Größe ausgedruckt, auf Butterbrotpapier durchgezeichnet und die Zeichnung auf der Rückseite mit dem Bügelmusterstift von Prym nachgezeichnet. Dieser Transferstift sieht aus wie ein Bleistift und verbraucht sich sich gut wie nicht, ich habe meinen seit Jahren. Auf Stoff gelegt und mit mittlerer Hitze gebügelt, überträgt sich die Zeichnung mit blauen Linien auf den Stoff. Ich stecke Papier und Stoff auf dem Bezug des Bügelbretts fest, dann kann nichts verrutschen.

Wir haben uns bei den Stoffspielereien ja schon oft über Übertragungsmethoden von Vorlagen ausgetauscht, für helle, waschbare Stoffe ist der Bügelmusterstift meines Erachtens die beste Möglichkeit. Die Linien verwischen beim Nachsticken nicht, aber sie lassen sich in warmem Wasser mit etwas Waschpulver leicht auswaschen.

 
Beim Sticken muss man dann ausprobieren, ob und wie man von der Vorzeichnung abweicht. Ich habe Umrisse mit Stielstich dreifädig gestickt, teils mit kleinem Langettenstich, um die Schraffierungen des Drucks nachzuahmen, feinere Linien mit zweifädigem Garn (und bin nicht ganz fertig geworden). Bei der Vorlage ist der Hintergrund gesprenkelt, ich werde stattdessen wohl noch die Buchstaben mit Sprenkeln ausfüllen. Es macht großen Spaß, und da mir die Schriften und Ornamente aus dem Buch ungeheuer gut gefallen, werde ich nach Anwendungsmöglichkeiten suchen.

Die schwarz-weißen Projekte der Mitspielerinnen:


Ines - Nähzimmerplaudereien - hat mit schwarzen und weißen Stoffen gespielt und verblüffende Illusionen erzeugt, und sie zeigt auch, wie sie das gemacht hat.

Tyche - Tyche's touch - hat ein älteres schwarz-weißes Projekt wiederbelebt, einen Yukata, das japanische Äquivalent des Bademantels, mit Kreuzstichstickereien und Sashiko.

Textile Werke hat mit Maschinenstickerei auf Mull experimentiert.

Martina - Machwerk - hat schwarzen Stoff mit Bleichgel behandelt und hellen Stoff schwarz bedruckt und zeigt auch ganz ausführlich, wie das geht.

Mond - bimbambuki - hat gelochtes Kunstleder schwarz und weiß experimentell bestickt.

In der Galerie der Handarbeiten gibt es schwarz-weiße Falten.

Gabi - Made with Blümchen - zeigt gleich mehrere Projekte: Blackwork-Stickerei, Knöpfe und ein Täschen. 

Karen - Feuerwerk bei Kaze - näht den La-Passacaglia-Quilt in English Paper-Piecing-Technik und zeigt ihren Fortschritt.

Suschna - Textile Geschichten - arbeitet an Stoffbuchseiten im Stil von Louise Bourgeois.

Ute - 123-Nadelei - hat schwarze und weiße Oberhemden zu einer Patchworksdecke recycelt

Ich danke euch allen fürs Mitmachen, so interessante Sachen sind entstanden! Die Liste ergänze ich im Laufe des Tages, denn ich glaube, da kommt noch einiges. Jetzt muss ich erstmal bei einem Umzug helfen, heute Nachmittag kann ich dann in Ruhe schauen.

Im Juli und August ist ertsmal Stoffspielerei-Sommerpause, weiter geht es am 24. September 2017 bei Siebensachen mit dem Thema: Von der Natur inspiriert. Am 27. Oktober 2017 folgt Ute – 123-Nadelei mit Fäden auf Farbe.

Donnerstag, 15. Juni 2017

Schnittmusterparade 2/2017: Gerties Crowdfunding und neue Schnitte von hypermodisch bis retro

Neues Quartal, neue Schnittmusterparade: Seit der letzten Übersicht Anfang März sind wieder eine Menge neue Schnitte bei den kleinen, unabhängigen Firmen erschienen.

Bevor ich aber zu den Schnitten komme, müssen wir über Gertie reden. Bestimmt haben viele von euch, so wie ich, jahrelang die Karriere von Gertie von Gertie's new blog für better sewing verfolgt. Was als privates Nähblog begann, mündete in mehrere Nähbücher, Stoffkollektionen und Schnittmuster in Zusammenarbeit mit Butterick. Die Hintergrundgeschichte des Blogs (kurz gefasst: Gertie, deprimiert und ohne Job, nimmt sich vor, alle Schnitte aus dem "Vogue book for better sewing" nachzunähen und zieht sich Dank dieses Vorhabens an den eigenen Haaren aus dem Sumpf, ändert ihr Leben und wird glücklich) schien mir zwar immer ein bißchen zu gut maßgeschneidert und vielleicht nicht zufällig der Geschichte von Julie&Julia von Julie Powell  auffallend ähnlich, aber das war letztlich nicht wichtig. Gertie plauderte nicht nur übers Nähen, sondern auch über Politik, Mode, Kulturgeschichte, Feminismus. Sie stritt für weibliches Selbstbewusstsein unabhängig von Konfektionsgrößen und machte auf mich den Eindruck eines Menschen mit Sinn für Ironie, der großen Spaß an Kleidung hat, ein Spaß, der sich unmittelbar auf die Leserinnen übertrug. Gerties Kleidungsstil ist eigentlich nicht mein Fall, aber trotzdem las ich ihr Blog sehr gerne, wegen ihres weiter gefassten Blicks auf das Thema Handarbeit, dem Humor, ihrer Begeisterung. 

Gertie war dann die erste bekannte Nähbloggerin, die ein Buch veröffentlichte, was danach kam, die weiteren Bücher, die violetten Haare, die Stoffe und die Butterick-Schnitte, verfolgte ich nur noch am Rande. Vor kurzem wurde ich auf Gertie wieder aufmerksam, denn sie startete eine Finanzierungsrunde bei Kickstarter, um mit "Charm Patterns" ihre eigene Schnittmusterfirma gründen zu können. Ihr Finanzierungsziel wurde um ein Mehrfaches übertroffen, die ersten Schnitte - eine schulterfreie Bluse und ein Halterneckkleid - sollen als Papierschnitte und pdf-Schnitte im August ausgeliefert werden. Gleichzeitig ist Gertie auch in ihren anderen Geschäftsfeldern sehr aktiv, gibt Nähkurse und bereiste gerade Australien, um für ihre Stoffkollektion zu werben. Ein bißchen erschreckt war ich, als ich mal wieder ihr Blog und ihren Instagramfeed anschaute, denn die Leichtigkeit, die Begeisterung und der Blick über den Tellerrand der Nähszene, an die ich mich erinnere, finde ich dort nicht mehr. Gertie ist geglätteter, dünner, mit immer dem gleichen Lächeln, auf professionellen, stark bearbeiteten Fotos, die Bilder haben fast etwas Karikaturhaftes, Überzeichnetes. Sie zeigen große Disziplin, Professionalität und Selbstbeherrschung, und ich glaube, es ist gerade sehr anstrengend, Gertie zu sein. Das ist beileibe keine Kritik! Es ist beeindruckend, was Gertie nur mit einer Idee, aus dem Nichts heraus, aufgebaut hat, und ich kann die Zwänge, denen sie zu diesem Zeitpunkt ihrer Karriere unterliegt, sehr gut nachvollziehen. Ich hoffe nur, dass sie sich einen Platz bewahrt hat, an dem sie nicht Gertie sein muss, sondern Gretchen Hirsch sein kann, die daran Freude hat, sich ein Kleid zu nähen.

Leserinnentipp: dpstudio

 

Kleine, unabhängige Schnittmusterfirmen, die nicht so sehr auf den Massenmarkt schielen, können es sich leisten, sehr modische, ungewöhnliche Schnitte zu vertreiben. dpstudio aus Frankreich war der Tipp von Leserin Lily bei der Schnittmusterparade im März. Die Schnitte lehnen sich an an die Trends an, die Burda zu modisch finden würde: viel Asymmetrisches, Knoten und Volants, die Modelle erinnern mich an die Sachen, die in Berlin im Voo Store hängen, einem der gerade angesagtesten Klamottenläden der Stadt. Den flattrigen Godetrock finde ich sehr schön, den Knotenrock interessant, das Kleid 905 mit den sportlichen Streifen spricht mich auch an und der asymmetrische Rock 401, der aussieht, wie aus zwei Röcken zusammengesetzt, sieht spannend aus, vielleicht ein bißchen zu gewollt spannend. Das sind jedenfalls Schnitte, die man nicht selbst so ohne weiteres aus vorhandenen Schnitten ableiten könnte, und die ungewöhnlichen Konstruktionen machen mir große Lust, ihnen nähend auf den Grund zu gehen. Danke nochmal für den Tipp, Lily! Einige Bloggerinnen haben schon Schnitte von dpstudio genät: Den Knotenrock hier, die Bluse 601 mit dem Rüscheneinsatz hier und hier, das Sweatshirt 504 hier und die Bluse 603 mit den gerafften Ärmeln hier

Dass die Neunziger, modisch gesehen, zurück sind, finde ich ja im Prinzip nicht schlecht, es gibt vieles, was man an diesem Jahrzehnt mögen kann: Lange geschlitzte Röcke zum Beispiel, Netzstrumpfhosen und schwarzgrundige Viskoseblumenstoffe. Dass Bodysuits zurückkehren würden, schien mir aber vollkommen unmöglich, denn sie zeichneten sich schon in der ersten Runde meistens nicht gerade durch Bequemlichkeit und Praktikabilität aus, ich konnte mich nie damit anfreunden Aber ich muss mich wohl an den Gedanken gewöhnen, denn eines der neuen Schnittmuster von Megan Nielsen ist ein Bodysuit namens Rowan, und es gibt den Schnitt nicht nur mit kurzen Ärmeln, rundem- oder V-Ausschnitt, sondern auch als enges, langärmeliges Rollkragenshirt. Ich fühle mich schon eingeengt, wenn ich nur daran denke. Den zweiten neuen Schnitt, die Flint Pants, eine weite Hose, nahe am Hosenrock, mit seitlichem Knopfverschluss oder Bindeband, finde ich hingegen ganz interessant. Damit wären wir dann schon bei einem modischen Revival der frühen 2000er Jahre.

Hemdkleider, die an ein verlängertes Herrenoberhemd oder an eine verlängerte Bluse erinnern, sind in letzter Zeit als Schnittmuster wie als Kaufkleidung sehr verbreitet, vielleicht zu verbreitet, denn oft handelt es sich nur um anspruchslos verarbeitete und designte Säcke mit dem Charme eines Kittels. Nicht so bei Closetcasepatterns: Das Kalle shirt dress, ein Hemdkleid oder eine Bluse mit verschiedenen Längen, verschiedenen Saumverarbeitungen, Knopfleisten- und Kragenvariationen sieht nach einem durchdachten Schnittmuster mit vielen schönen Details aus. Mir gefällt die kurze Blusenversion mit dem breiten Saum besonders gut - und die Präsentation der Modelle aus einfarbigen Stoffen, mit Fotos von allen Seiten an einem Model mit einer durchschnittlichen Figur. Besser geht's nicht.   

Neue Kollektionen: Deer&Doe und Papercut Patterns


Deer&Doe brachte im März eine neue Kollektion mit drei Schnittmustern heraus, also eher eine Mini-Kollektion, denn für alle Lebenslagen angezogen ist man mit den drei Teilen noch nicht, sie passen aber alle gut zueinander. Es gibt eine locker sitzende Fake-Wickelbluse (Hoya) mit dreiviertellangen oder kurzen Ärmeln, den Schnitt Goji, der einen knielangen Rock oder knapp knielange Shorts ergibt, und den Trenchcoat Luzerne für einen kurzen, ungefütterten Mantel mit Prinzessnähten. Mir gefällt besonders der Trenchcoat, denn ich dachte nach dem klassischen Mantel, den ich im April endlich fertignähte, gleich über ein zweites,  weniger klassisch geschnittenes Modell nach, und Luzerne trifft meine Vorstellung ziemlich gut.

Diese neuen Schnitte bietet Deer&Doe erstmals auch als pdf zum Ausdrucken an und erweitert das Größenangebot nun bis zur Größe 52. Die älteren Schnitte werden nach und nach überarbeitet, bisher erschienen das Kleid Belladonne und die Bluse Datura neu als pdf.

Ganz frisch erschienen ist die sehr vielfältige Sakura Collection von Papercut Patterns aus Neuseeland. Sie besteht aus neun Schnittmustern, die wirklich jedes Kleidungsbedürfnis abdecken. Für draußen und drinnen gibt es einen weiten, gefütterten Mantel (Sapporo Coat) und eine Kimonojacke (Kochi Kimono), die aus leichten Stoffen, aber auch aus Wollstoff genäht werden kann. Dazu drei ganz unterschiedliche Oberteile - ein locker sitzendes Top mit Knoten im Vorderteil (Aomori Twist Top), ein Oberteil - auch als langes Kleid - mit Rückenausschnitt (Kobe Dress/Top) und ein T-Shirt oder Sweatshirt mit Rüschendetail am Ärmel (Kyoto Sweater/Tee)  - und zwei Unterteile: Die Jeans Otsu mit interessanten Teilungsnähten und die Hose Nagoya mit weiten Beinen. Der Schnitt Mito kann als Unterkleid oder als luftiges Trägerkleid genäht werden, und zu allerletzt gibt es auch noch die Tasche Himeji.  


Neue Schnitte mit Retro-Ästhetik  von Sew over it, Jennifer Lauren Vintage und Tilly and the Buttons


Bei Sew over it gab es seit Mitte März vier neue Schnitte - die kleine Firma erhöhte Anfang des Jahres die Neuerscheinungs-Frequenz sehr stark und bringt nun Mitte jedes Monats ein Schnittmuster als pdf heraus und in größeren Abständen zusätzlich ein Papierschnittmuster. Der Stil ist immer noch gemäßigt Vintage, also in Anlehnung an Silhouetten früherer Jahrzehnte. Die Kimonojacke in zwei Längen ist als leichter Strickjackenersatz gedacht. Die Wickelbluse Ella hat ebenfalls Kimonoärmel, ganz wie in den 1950ern, und kann auch als kleines, taillenkurzes Oberteil über Kleidern getragen werden. Das Wickelkleid Eve für feine, fließende Webstoffe hat zwei Saum- und zwei Ärmelvarianten, es erschien auch als Papierschnitt. Das Kleid Lulu in A-Linie hat Raglanärmel und kann auch als Bluse genäht werden.

Jennifer Lauren Vintage ist Spezialistin für kombinierbare Schnitte, die sich auch gut in eine moderne Garderobe einfügen. Neu ist der Juniper Cardigan, eine geknöpfte Strickjacke in zwei Längen und zwei Ärmellängen. Der Schnitt hat eine besonders schöne Schulterpartie Dank einer  Kombination aus Raglanärmel und eingesetztem Ärmel - ich weiß nicht, ob diese Konstruktion schon als Zungenraglan bezeichnet wird?  - jedenfalls ist das ein ungewöhnliches Schnittdetail, das ich so noch nirgends gesehen habe. Der zweite neue Schnitt ist viel konventioneller und deutlicher "vintage", das Laneway-Kleid hat ein schmales Oberteil mit kurzen Ärmeln und einen schwingenden Rock, es gibt drei Ausschnittvarianten und, das ist der eigentliche Reiz an dem Schnitt, angepasste Schnittteile für drei verschiedene Cupgrößen.

Der neue Schnitt von Tilly - Tilly and the Buttons erinnert an die 60er Jahre à la Mad Men: Etta, ein  Etuikleid mit etwas hochgesetzter Taille, kleinen Ärmeln und verschiedenen Ausschnittlösungen. Mit diesem Schnitt bietet Tilly erstmals einen Video-Workshop an, der Schritt für Schritt durch das Nähen des Kleides führt. Ich bin gespannt, ob sich gefilmte Anleitungen durchsetzen werden in dem Teil des Schnittmustermarkts, der sich an Anfänger wendet.

Samstag, 3. Juni 2017

11 Dinge, die ich beim Ausmisten des Kleiderschranks über mich gelernt habe

Am Mittwoch hatte ich ja schon erwähnt, dass ich im Mai parallel zum MeMadeMay zum ersten Mal seit fast zehn Jahren meinen Kleiderschrank durchsortiert habe. Dank des wechselhaften Wetters im Mai - wir hatten Temperaturen zwischen 12 und 32 Grad - kamen auch sehr viele Teile in diesem Monat ans Licht. Die Teile, die ich aus irgendwelchen Gründen nicht anzog, waren so schon mal als Problemfälle definiert und genauer zu begutachten, genauso wie die Teile, die sich beim Tragen irgendwie nicht "richtig" anfühlten: unbequem, unpassend, zu kompliziert.



Aus der Sortieraktion nahm ich eine Reihe von Erkenntnissen über mich mit. Meine Gedanken in keiner bestimmten Reihenfolge:

1. Ein Kleiderschrank ist kein Erinnerungsalbum. Ich trenne mich nur schwer von Kleidungsstücken, die einen sentimentalem Wert erworben haben, zum Beispiel weil ich sie in einer vergangenen Phase meines Lebens viel getragen habe, oder weil ich sie im Ausland gekauft hatte, oder aus allen möglichen anderen Gründen. Wenn sich diese Teile aber nicht durch ganz besondere Stoffe auszeichnen (siehe auch Punkt 4), gibt es keinen Grund, sie jahrelang aufzubewahren. Erinnerung klebt ja nicht in erster Linie an den Dingen, sondern findet im Kopf statt. Mit dieser Erkenntnis konnte ich endlich einen schwarzen Cordblazer aus meiner Hosenanzugphase an der Uni wegwerfen, der an den Schultern schon zu Dunkelbraun ausgeblichen war. Kaum zu glauben, dass ich das Teil mehr als zehn Jahre  aufbewahrt hatte, obwohl ich gar nicht zur Uni-Hosenanzugphase zurückkehren möchte und das Ding so gar nicht mehr tragbar gewesen wäre.

2. Besseres Material ist besser. Stoffe mit hohem Kunstfaseranteil oder billige Baumwoll- oder Wollstoffe, die viele kurze Fasern enthalten und daher kratzen und sehr knittern, machen mich wahnsinnig, das kann auch eine schöne Farbe oder ein schönes Muster nicht retten. Mittlerweile bin ich ganz gut darin geworden, meinen Materialsnobismus auszuleben und mich nicht verführen zu lassen, zum Beispiel von den schön gemusterten Kittelschürzenstoffen aus Vollplastik, die es im Herbst auf dem Markt gab. Oder vom Baumwoll-Leinen von Stoff&Stil - verführerisch, wenn man sich ein Teil in einer bestimmten Farbe in den Kopf gesetzt hat. Aber der rote Sommerrock aus Baumwoll-Leinen kratzt an den nackten Beinen, und ich trage lieber nicht-kratzende Röcke.

4. Ich bin nicht exotisch. Ob Tunikablusen mit bunten Stickereien oder Hippieröcke mit Pailletten - alles, was in Richtung Folklore oder "Ethno-Stil" geht, passt nicht zu mir, wenn es größer als eine Tasche oder ein Schal ist. Ich mag besondere Stoffe, Stickereien, Borten, Glasperlen und Troddeln sehr gerne und verliebe mich ab und zu in solche Kaufkleidungsstücke,was nicht verwunderlich ist, schließlich interessiere ich mich für Handarbeiten. Ich ziehe diese Teile aber nur selten an, weil ich mir in der Stadt damit verkleidet vorkomme. Ich sollte mein Interesse an Verzierungen und besonderen Stoffen nicht in der Kleidung ausleben, sondern einen Weg finden, wie ich meine Freude an aufregenden, dekorativen Textilien ausleben kann, ohne mir Teile in den Schrank zu hängen, die ich kaum anziehe.

5. Dunkelrot ist eine gute Farbe. Viele meiner aktuellen und vergangenen Lieblingsteile sind dunkelrot. Und zwar ein dunkles Schwarzrot, kein Bordeaux, das mal mehr ins Violette und mal mehr ins Braune geht, sondern eine Mischung aus Schwarz und Rot. Ich hatte in den Neunzigern eine dunkelrote Wolljacke (zu Tode getragen), in den 2000ern kurze Zeit ein dunkelrotes Kleid mit pink-magentafarbenen abstrahierten Blumen (es lief ein, war 5 cm kürzer als vorher und damit nicht mehr so schön) und trage aktuell wieder eine dunkelrote Leinen-Viskosejacke aus den frühen 2000ern, die ich gekürzt habe. Alles Kaufkleidung. Im Stoffvorrat findet sich diese Farbe auch, ich habe einen Oberhemdenstoff und einen dickeren Wollstoff, die ich zeitnah vernähen sollte. Und wie gut, dass ich gerade eine dunkelrote Strickjacke stricke!

6. Es ist gut, für alle Eventualitäten gewappnet zu sein, aber man kann es auch übertreiben. Es ist vernünftig, ein Paar gut eingelaufener Turnschuhe für Ausflüge in den Wald zu haben. Es ist vernünftig, eine alte Jeans und ein ausgewaschenes T-Shirt aufzuheben, falls man die Küche neu streichen will. Unvernünftig ist es, nun kein ausgewaschenes T-Shirt mehr wegzuwerfen, so viele Küchen hat kein Mensch.

(Eine Lücke im Kleiderschrank ist mir in punkto Eventualitäten aufgefallen: Ich habe keine wirklich regendichte Jacke, die man, zugegeben, in der Stadt auch nicht so oft braucht, aber manchmal wäre es doch gut, so etwas Praktisches mit Kapuze zu besitzen. Seitdem ich gesehen habe, dass es bei funfabric tolle gewachste Baumwollstoffe gibt, denke ich darüber nach, diese Lücke zu schließen und mir eine funktionale und trotzdem schöne Jacke zu nähen - vielleicht in dunkelrot (siehe Punkt 5)?)

7. Für die einen sind es Kleiderschätze - für mich nicht. Ich weiß, es gibt Frauen, die auf Flohmärkten und in Secondhandläden phantastische Funde machen, diese Funde dann toll kombinieren und so immer individuell angezogen sind und dabei noch die Umwelt schonen, weil keine neuen Materialien für die Kleidung verbraten wurden. Ich finde nie etwas Phantastisches, sondern kaufe nur ab und zu ein eigentlich ganz nettes Teil,wie ich mir einbilde, das ich dann kaum trage, weil es doch nicht so richtig zu mir passt und ich mich darin wie eine verkleidete Omi fühle. Zeit- und Geldverschwendung! Wenn ich noch einmal glauben sollte, ich müsste mich für Secondhandkleidung interessieren, dann schaue ich nur noch nach Accessoires aus besonderen Stoffen, die haben eine bessere Quote, getragen zu werden (s. auch Punkt 4).

8. Gekaufte Unterhose ist gute Unterhose. Ich habe über die Jahre verschiedene Unterhosenschnitte mit unterschiedlichen Randverarbeitungen (Wäschegummi/Falzgummi/ohne Gummi) getestet, keine Testunterhose ist so angenehm zu tragen und ist so haltbar geworden wie die teureren gekauften. Das liegt zum Teil daran, dass es Glückssache ist, Wäsche- oder Falzgummis in guter Qualität zu bekommen, obwohl solche Zutaten nicht gerade besonders günstig sind. Außerdem macht mir das endlose Annähen von Gummibändern keinen Spaß, das würde ich nur auf mich nehmen, wenn ich ein besseres Ergebnis als die Konfektion produzieren könnte. Da das nicht der Fall ist und ich nun weiß, welche Unterhosenmarke (teurer ist tatsächlich besser) auf lange Sicht am haltbarsten und schönsten ist, werde ich Unterhosen nur noch kaufen.

9. Passform, Passform, Passform und immer an die Arme denken. Kleidung, die nicht richtig gut passt, nervt mich im Alltag unendlich. Am Schlimmsten: Oberteile, in denen ich die Arme nicht richtig bewegen kann. Am Zweitschlimmsten: Enge Röcke, in denen ich nicht richtig ausschreiten kann. Am Drittschlimmsten: Kleidung mit Schnittbesonderheiten, die sich beim Tragen von selbst verwurschteln und dauernd gerichtet werden müssen oder die der Aufsicht bedürfen. Ich werde in Zukunft noch mehr Sorgfalt auf die Schnittanpassung verwenden, denn diese Mühe zahlt sich richtig aus. Und wegen dem Drittschlimmsten werde ich keine Wickelröcke mehr nähen. Jetzt aber wirklich.

10. Alltagstauglich heißt: geringer Wartungsaufwand. Alles, was besondere Wasch-, Bügel- und Reinigungsprozeduren verlangt, liegt nach einmal Tragen sehr, sehr lange im Wäschekorb oder auf dem Bügelbrett. Mit "sehr, sehr lange" meine ich: ein halbes Jahr oder mehr. Ich bin schon ganz geübt darin, nur Stoffe anzuschaffen, die eine normale Maschinenwäsche aushalten, daher ist das hoffentlich ein Problem der Vergangenheit, jetzt, wo der sedimentierte Bodensatz des Wäschekorbs beseitigt ist.  

11. Anziehen ist nicht mein Hobby - Nähen ist mein Hobby. Ich finde es ganz spannend zu beobachten, wenn andere viele verschiedene Kleidungsstile haben, mal in Jeans, mal im Etuikleid auftreten, jeden Tag anders aussehen und zu allem immer die passenden Schuhe und Taschen besitzen - aber das bin ich nicht. Ich möchte zuhause keinen Kostümfundus aufbewahren und nicht jeden Tag eine Persönlichkeitsveränderung durchleben, das wäre mir zu anstrengend, oder ich müsste das Anziehen zu meinem Hobby machen.

Die Route für die nächsten Nähprojekte ist also klar, auch wenn mir auf Anhieb ein paar Nähwünsche einfallen, die einem oder mehreren Punkten auf der Liste widersprechen. Wie haltet ihr das, sortiert ihr regelmäßig aus und könnt ihr euch von Selbstgenähtem gut trennen? Mir fällt das sehr schwer, und ich musste mich auch jetzt wirklich zusammenreißen, nicht noch darüber nachzudenken, ob der Stoff der aussortierten Kleidungsstücke rettungswürdig ist (vermutlich nicht, denn das meiste waren oft getragene Stücke in entsprechendem Zustand). Aber jetzt ist im Schrank auf der Kleiderstange wieder Luft!